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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 29)
Language
German
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1479 der Trost der Armuth, um welches sie mancher Reiche beneidet. Als Frau Gerson am nächsten Morgen erwachte, galt ihr erster Gedanke der kranken Frau und nachdem sie Toillette gemacht hatte, eilte sie, da Raphael noch schlief, in die Wohnung Eliahs, um sich nach dem Befinden seiner Frau zu erkundigen. Eliah hatte während der ganzen Nacht bei seiner Frau gewacht und saß jetzt, dieselbe tröstend, an ihrem Bette. Als Frau Gerson erschien, flog ein Strahl der Freude über ihr welkes Antlitz; theilnehmend fragte bie Besucherin, wie sie die Nacht verbracht und mit schwacher Stimme anwortete sie: „Schlecht, meine Liebe! Der Husten hat freilich wohl in Folge der Wirkung der Medizin etwas nachgelassen, aber ich konnte trotzdem nicht schlafen und mein armer Mann hat mir treu Gesellschaft geleistet." „Sprich nicht davon," wehrte Eliah, „ich wollte gerne noch acht Nächte wachen, wenn Du dadurch gesund werden würdest." „Treue Seele," erwieoerte die Kranke, „ich habe keine Hoffnung mehr. Meine Tage sind gezählt. Bald naht die Stunde, in der ich Dich verlassen muß." „O, sprechen Sie nicht davon," sagte Frau Gerson, „der liebe Gott kann Ihnen die Gesundheit miedergeben und Sie noch Jahre lang erhallen." „In meinem Alter darf man nicht mehr so sicher auf Genesung hoffen. Ich habe die mir von Gott zugeinessene Lebenszeit durchlebt, meine Zeit wird bald um sein und ich werde vorausgehen, um droben, bei liascliem jisboracli, meinem Eliah einen Platz auszusuchen, wie er ihn allein an mir verdient hat." „Sei stille davon, mein Lieb," sagte der alte Mann weinend, „brich mir nicht das Herz, der liebe Gott wird helfen." „Ja, er wird helfen," sagte die Kranke mit eigenthümlicher Betonung; „er wird mir helfen, wie er Ihrem Manne geholfen hat und ich bitte ihn darum. Alte, kranke Leute sind am besten bei ihrem himmlischen Vater aufgehoben, und wenn meine Stunde geschlagen hat und ich nicht mehr bin, so bitte ich Sie, Frau Gerson, sich meines Mannes anzunehmen, für ihn zu sorgen, wie für Ihren Vater. Ich weiß, daß ich viel von Ihnen verlange, denn Sie haben sich und Ihr Söhnchen zu ernähren und ich würde Sie nicht darum bitten, wenn ich nicht wüßte, daß Sie treu wären, treu über das Grab hinaus —" Sie hielt einen Augenblick inne und winkte der Wittwe näher zu treten. Diese beugte sich über die Kranke und für ihren Mann unverständlich flüsterte sie derselben etwas ins Ohr, worauf Frau Gerson zustimmend mit dem Kopfe nickte, während Eliah scherzend sagte: „Ihr Frauensleute könnt doch nicht ohne Saudos*) bestehen." „Es ist kein Geheimniß," sagte jetzt die Kranke. „Frau Gerson hat nur die Gründe gehört, weshalb Du, wenn mir etwas vorkommt, bei ihr bleiben sollst." Die Kranke fühlte sich etwas angegriffen und legte sich um, während sich Frau Gerson verabschiedete, um nach ihrem Knaben zu sehen. Als sie nach Hause kam, schlief derselbe noch, aber Herr Roth war schon da, um seine Miethe einzukassieren. Er theilte der jungen Frau mit, daß er heute auch mit einer Teilzahlung zufrieden sei, da er sie ja nicht drücken wolle. „Heute kann ich Ihnen nicht einmal eine Theilzahlung machen," sagte die junge Frau; „ich habe es gestern Abend noch weggegeben." „Ihre Wahrheitsliebe in Ehren," sagte der Hausmirth, „aber das scheint mir unwahrscheinlich. Sie waren gestern Abend ja nicht mehr aus." „Wie genau Sie unterrichtet sind! Nun Eliah Glückskind war bei mir und hat es sich geborgt, um für seine Frau Medizin holen zu können." „Was? Der Lump, der Säufer, der Bettler! Nun, dann können Sie warten, bis zum Ende der Tage, wenn Sie von dem Ihr Geld wieder haben wollen." „Mein Herr, wahren Sie ihre Zunge! Eliah Glückskind ist nichts von all dem, was Sie ihn tituliert haben." „Sie haben recht; was geht es mich am Ende auch an. Geben Sie mir meine Miethe und machen Sie mit Ihrem übrigen Gelde, was Sie wollen. Werfen Sie es zum Fenster hinaus, verschenken Sie es, oder thun Sie damit, was Ihnen Vergnügen bereitet, nur ich muß meine Miethe haben." Er hielt die Hand hin, aber Frau Gerson konnte ihm den Betrag nicht geben. „Warten Sie noch einige Tage. Wenn ich meme Arbeit abgeliefert —" „Keine Minute länger warte ich. Wenn Sie heute nicht bezahlen, liegen Sie heute Abend auf der Straße." „Das ist Ihr Ernst doch nicht, Herr Roth. Ich wohne nun schon so lange bei Ihnen und Sie haben noch keinen Pfennig an mir verloren! Warten Sie." „Nein, ich warte nicht. Ich gehe sofort zur Polizei." „Sie haben nicht nöthig zur Polizei zu gehen; ich leugne nicht, daß ich Ihnen Miethe schulde, ja ich bin sogar bereit, meine Schuld schriftlich anzuerkennen." „Damit ist mir nicht gedient; ich habe Ihnen *) Geheimnisse.

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