Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 76-77 (21.9.1896)
- Date
- 1896-09-21
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1478 Zwiespalt fommen'!önnte“mit den Gesetzen der Tugend und ihrer heiligen Religion. $v; ' Tiefe Stille herrscht um sie her. Nur hie und da"ckäßt eine Grille ihr Zirpen ertönen und schreckt damit jedesmal das junge Weib aus ihren Träumen auf. Jedesmal blickt sie verstört um sich, nur alsdann sich mit erneutem Eifer ihrer Arbeit zu widmen. Jetzt schlägt die nahe Turmuhr die achte Stunde. Es ist Zeit, Abendbrot zu essen, und sie empfindet das Gefühl des Hungers. Warum auch nichts Der Hunger läßt sich nicht hinwegphilosophieren und wenn man jung und gesund ist, so ist der Streit mit dem unbefriedigten Magen nicht leicht. Der Tyrann treibt den, der sich seinem Willen nicht fügt, zum Aeußersten. Aber noch war es nicht so weit; noch besaß sie Lebensmittel und auch ein paar Pfennige, um sich, wenn dieselben verzehrt waren, solche zu kaufen. Zwar machte der Wirth Ansprüche auf dieses Geld, aber sie hatte es ihm ja angeboten und er hatte es nicht genommen; wenn der Hunger kam, mußten die paar Pfennige sie retten. Sie legte ihre Arbeit hin, trat an den Schrank und nahm sich ein Stückchen Brot; mit den Augen maß sie, was noch übrig blieb und sagte leise zu sich selber: „Es muß morgen noch reichen, denn ich werde erst übermorgen frühestens mit meiner Arbeit fertig." Dann nahm sie den Wasserkrug, trank tüchtig aus demselben - und ihre Abendmahlzeit war beendet. Ohne Zeit zu verlieren, setzte sie sich wieder an die Arbeit. Es war noch keine halbe Stunde verflossen, da klopfte es an der Thüre. „Herein!" rief Frau Gerson und nun trat ein altes Männchen ein, dessen abgetragene Kleider darauf schließen ließen, daß auch er kein von Fortuna bevorzugtes Menschenkind war. Obschon ein Jünger Fortunens — er war Lotterielooshändler — hatte Eliah Glückskind seinem Namen zum Trotz wenig Glück. Er war sehr arm; aber trotz seiner Armulh so ehrlich, daß man ihm getrost die größte Summe Geldes hätte anvertrauen können. „Guten Abend, Frau Gerson," sagte er, näher tretend; „noch immer fleißig?" „Muß ich nicht?" entgegnete die junge Frau. „Die Arbeit wird leider so schlecht bezahlt, daß ich trotz allen Fleißes kaum so viel verdiene, um mich und meinen Raphael durchzubringen. Noch ist meine Miethe nicht bezahlt und heute Abend hat mir Herr Roth gedroht, mich aussetzen zu lassen, wenn ich nicht bald zahle." „Er hat schon Manchem gedroht und hat sich nachher anders besonnen; man kann nicht eher bezahlen, als man Geld hat." „Ja, das wollen aber die Hauswirthe nicht glauben. Doch wie geht es Eurer Frau? Verzeiht, daß ich jetzt erst danach frage!" „Wie es ihr geht? So soll es kol sonei jisroel gehen. Der Arzt war wieder da und hat ein neues Recept verschrieben." „.Nun, Ihr habts doch gleich machen lassen." „Das wohl, aber geholt habe ich es noch nicht, denn ich Hab' kein Geld und ohne Geld gibt mir der Apotheker nichts mehr." „Das ist ja schrecklich," rief Frau Gerson aufspringend. „Also weil Ihr kein Geld habt, soll Eure Frau zu Grunde gehen müssen. Waruin leiht Ihr Euch denn nicht die paar Pfennige?" „Ich mag meine Armuth nicht so öffentlich —." „Ach, darüber wird sicher Niemand sprechen." „Ich will auch Keinem Veranlassung dazu geben. Der liebe Gott kann doch Helsen. Uebermorgen beginnt die Ziehung in der Hauvtktasse der Lotterie und wenn hascliem jisborarli mir ein Bischen Maffel gibt, kann ich das Recept immer noch machen lassen; freilich meine arme Frummet darf mir nicht noch kränker werden." „Nein, Eliah, das darf nicht sein. Ich will Euch das Geld geben. Nehmt das Letzte, was ich habe und holt die Arznei für Eure Frau." „Aber wie kann, wie darf ich das? Müßt Ihr nicht Eure Miethe bezahlen? Habt Ihr nicht Geld nöthia, um Brot zu kaufen für Euch und Euer Kind?" „Wir sind gesund und können uns anders Helsen. Nehmt nur und eilt Euch, laßt Eurer Frau die Medizin machen." Und sie holte die paar Pfennige, die sie besaß, herbei, drückte sie dem Alten in die Hand ,und schob ihn ohne Weiteres zur Thüre hinaus. Auf der Stiege wischte sich Eliah die Thränen aus dem Bart und sagte: „Du lieber Gott im Himmel, segne diese gute, arme, brave Frau und ihr Kind, lasse meine Frau genesen und gib mir ein bischen Maffel, daß ich das wieder zurückgeben kann, was ich mir heute geliehen habe." Frau Gerson arbeitete noch sehr lange. Als sie endlich ihr Lager aufsuchte, war die Geisterstunde längst vorüber. Ein guter Geist hatte seinen Einzug bei der Wittwe gehalten, denn friedlich lächelnd schlief sie bald ein und träumte — von besseren Tagen. Es ist eigenthümlich, daß der Schlaf, dieser beste Freund der Menschen, gar oft den Reichen flieht und trotz aller Mühe, die er sich gibt, ihn herbeizurufcn, ihm ferne bleibt, während er die Armen aufsucht, ungerusen zu ihnen kommt und sie Vergessen finden läßt in seinen weichen Armen. Das ist das Glück,