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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1477 Ob Sie die paar Mark, die sie ja doch erhalten werden, heute oder erst in nächster Woche haben, kann Ihnen ja doch einerlei sein." „Es ist mir aber nicht einerlei und wer gibt mir die Sicherheit, dast ich mein Geld bekomme?" „Ich kann Ihnen keine andere Sicherheit bieten, als mein Ehrenwort, Tag und Nacht arbeiten zu wollen, damit Sie ihr Geld bekommen." „Mit Ihrem Ehrenwort kann ich keine Zinsen bezahlen. Ich will und muß mein Geld haben. Ich kann mit Ihnen keine Nachsicht üben." „Bedenken Sie, Herr, ich bin eine Wittwe —." „Ed gibt eine Masse junge, hübsche Wittwen, die noch ärmer sind als Sie und die es doch verstehen, sorglos in Glanz uub Freudeil zu leben. ES gibt Männer genug, die mit Vergnügen bereit wären, Ihnen zu helfen." „Ich nehme kein Almosen", versetzte stolz Frau Gerson. „So lange ich noch gesunde Augen und geschickte Hände habe, ist mir nicht bange, so viel erwerben zu können, daß ich mich und meinen Knaben ernähren kann. Mögen Andere von Almosen leben, ich kann es nicht." „Wer spricht denn von Almosen; ich meine, es gibt Männer genug, die, wenn Sie denselben Ihre Gunst schenken würden, mit dem Gelde nicht knauserten." Er sah das junge Weib bei diesen Worten so eigenthümlich frech an, daß es ihr heiß und kalt tvurde. Sie verstand ihn nicht, wollte ihn nicht verstehen, weil sie ihm sonst die Thüre hätte weisen müssen. 11. Er aber hielt ihr Schweigen für ein Eingehen aus seine schändlichen Rathschläge und sagte: „Ich selbst bin gerne bereit, Ihnen und Ihrem Knaben ein sorgenloses Leben zu bereiten, wenn Sic — " „Schweigen Sie, schämen Sie sich vor diesem unschuldigen Kinde," ries Frau Gerson empört aus. „Sie finb ein Niederträchtiger, ein Elender. Im Augenblick verlassen Sie dieses Zimmer, oder ich rufe um Hilfe." An ihrem Antlitz erkannte Roth, daß sich mit dieser Frau nicht spassen lasse und nur sich noch mit Ehren aus der Affaire helfen zu können, sagte er: „Sie lassen eitlem nicht einmal ansreden und legen die schlimmsten Absichten gleich unter. Ich gehe schon,- Sie wissen nun, tvoran Sie sind." Er erhob sich und ging freundlich grinsend zur Thüre hinaus. Als die Thüre sich hinter ihm geschlossen hatte, sank die jllnge Frau auf ihren Stuhl, legte das Gesicht in ihre Hände und weinte bitterlich. Raphael kletterte von seinem Platze herab, schlich sich zu seiner Mutter, schmiegte sich an dieselbe und sagte: „Nicht weinen, Mütterchen, nicht weinen, sonst Raphael auch weint. Böser Mann, er darf nicht wiederkommen." Zärtlich unschlang er nun mit seinen Armen das Haupt der Mutter und küßte die hervorquellenden Thränen fort. Da umfaßte ihn seine Mutter und sagte mit zitternder Stimme: „Ich bin schon ruhig, mein Kind. Komme, trinke Deine Milch und gehe ins Bett." „Wenn aber der böse Mann wieder kommt," fragte Raphael. „O, er wird nicht wiederkommen, mein Engel. Der liebe Gott ist ja bei mir; er wird mich schützen uub mir helfen; ich fürchte mich nicht." Gehorsam tränt der Knabe seine Milch und ließ sich ausziehen. Dann sprach er sein Nachtgebet, gab der Mutter einen Kuß und legte sich in sein Bettchen, die junge Frau sagte ihm ein herzliches „gute 'Nacht" und wollte von dein Bettchen Weggehen, als Raphael mit schüchterner Stimme rief: „Mamachen, Mamachen!" Die junge Frau kehrte noch einmal um und fragte: „Was willst Du, mein Kind?" Raphael stellte sich im Bette auf, nahm den Kopf der Mutter zwischen seine Händchen und sagte ihr leise ins Ohr: „Ich bin noch hungrig, Mama!" Frau Gerson eilte zum Schranke, schnitt noch ein dünnes Scheibchen Brot ab und gab es dem Knaben, der hastig einbiß. „So, jetzt inußt Du aber schlafen, mein Kind; Mama hat noch viel zu arbeiten." „Mama muß auch immer arbeiten!" murrte Raphael, doch legte er sich, nachdem er sein Brot gegessen hatte, um, und bald zeigten die tiefen, regelmäßigen Athemzüge, daß ein gesunder Schlaf den Knaben umfangen habe. Das junge Weib arbeitete fleißig an ihrer Stickerei. Ihre Gedanken führten sie Jahre zurück, in die Zeit, da sie als junges, hübsches, von allen Seiten umworbenes Mädchen die Sorge nicht gekannt hatte. Ach, jetzt war sie ihr täglicher Gast und wenn nicht bald unerwartet Hülfe kam, so war sie obdachlos und dem Hunger Preis gegeben. Hunger thut weh, und um ihr Kind vor dem Hunger zu bewahren, thut eine Mutter Alles. Alles? Ö, möchte sie der Allmächtige davor bewahren, daß sie, um ihr Kino von dem Hungertod zu retten, von dem Pfade der Tugend abweichen muß. Sie empfindet Angst vor sich selber und zitterte bei dem Gedanken, daß der Augenblick eintreten könnte, wo die Mutterliebe in

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