Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 76-77 (21.9.1896)
- Date
- 1896-09-21
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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1476 'iwrst ‘ - srist von ihrer Seite gerissen und der sie und ihr Kind, den blondlockigen Knaben, in großer Armuth zurückgelaffen hatte. Ach, wäre er am Leben geblieben, so hätte sich die Noth nicht an sie herangewagt, denn wenn sie auch nicht reich waren, so verdiente ihr Mann doch so viel, daß sie ohne Sorge leben konnten. Aber die Krankheit ihres Mannes hatte nicht nur die wenigen Ersparnisse, die sie in der kurzen Zeit ihrer Ehe gemacht hatten, aufgezehrt, sondern sie hatte, um die emgegangenen Schulden tilgen zu können, all' ihr Hab' und Gut verkaufen müssen, so daß sie jetzt so arm war, daß sie kaum das tägliche Brot hatte. Sie ernährte sich und ihren Knaben kümmerlich durch Sticken und hatte Stolz genug, jede Hilfe, die ihr angebolen wurde, zurückzuweisen. J.',r Raphael war ihr Stolz, ihre Freude und ihr Glück. Seinetwegen arbeitete sie die Nächte hindurch, seinetwegen bangte ihr vor der Zukunft. Mit ihren Geschwistern und sonstigen Verwandten war sie entzweit, da sie nicht einem ihrer Vett rn ihre Hand gereicht, sondern dem reichen, aber religionslosen Manne einen armen, aber frommen und von ihr geliebten braven Menschen vorgezogen hatte. Wie glücklich halten sie miteinander gelebt! Ach, daß dieses Glück so kurz gewährt hatte. Aber sie war innerlich glücklich gewesen und nicht um alle Reichthümer der Welt hätte sie die Erinnerung an ihr Glück missen mögen. Die Schatten des Tages sanken immer tiefer. Die Nacht brach herein. Der Knabe hatte schon längst mit Spielen aufgehört und sich stille auf einen Schemel neben seine Mutter gesctzt. Er blickte stille unv träumerisch zu ihr auf und rührte sich nicht. Er war es gewöhnt, daß sein Mütterchen in der Dämmerstunde träumte, daß sie diese Zeit der Erinnerung an das entflohene Glück widmete, und er war so frob, daß er sich während vieler Zeit stille an sie schmiegen konnte. Da schlug die Nhc vom nahen Thurme, das junge Weib schreckte zusammen, sie war vorüber, die Stunde der Träumerei und das Leben verlangte mit rauher Hand seine Rechte. Sie erhob sich, holte die Lampe und zündete dieselbe an, um die vorhin unterbrochene Arbeit fortzusetzen. Rahael setzte sich wieder an sein Spielzeug und widmete diesem seine Aufmerksamkeit. Es mochte eine Stunde vergangen sein, da wurde laut an der Thüre gepocht. „Herein!" rief die junge Frau, indem sie von ihrer Arbeit auf- und nach der Thüre hinblickte. Diese wurde geöffnet und ein Mann in den Vierzigen trat ein. Er war von Mittelgröße, mit hagerem Gesicht und die stechenden grauen Augen blickten suchend im Zimmer umher. „Guten Abend, Frau Gerson", sagte er mit hoher Discantstimme, die etwas heiser klang. „Sie sind fleißig." „Guten Abend, Herr Roth", erwiederte die junge Frau, und ohne auf das Eompliment des Mannes etwas zu erwiedern, fragte sie: „Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchst" Lächelnd sagte Roth: „Ich komme, um mir die schon in voriger Woche fällige Miethc zu holen. Hoffentlich brauche ich nicht länger 511 warten." Eine Blutwelle nach der anderen jagte über das hübsche Antlitz des jungen Weibes. Sie seufzte auf und antwortete: „Roch habe ich das Geld nicht beisammen und ich bitte Sie, sich noch eine Weile 51t gedulden. Sie sehen, ich arbeite Tag und "Rächt, aber der Verdienst ist so gering, daß er kaum hinreicht, mich und meinen Knaben zu ernähren." „Das ist schlimm, sehr schlimm", versetzte Roth; „denn für die Miethe sorgt man doch im Allgemeinen zuallererst. Wenn Sie mir dieselbe nicht zahlen können, muß ich Sie, so leid es mir thnt, verklagen." „Und was wurden Sie damit erreichen d Nichts. Das Gericht würde nichts zu pfänden bei mir finden. Gednlden Sie sich. Sie erhalteil Ihre Miethe von mir bei Heller und Pfennig." „Ich erhalte sie, das ist gut sagen: aber wann „Sobald ich kann. Wenn Ihnen damit gedient ist, kann ich Ibnen ein paar Pfennige jetzt schon geben, freilich habe ich dann nicht mehr so viel, um Brot kaufen zu können." Sie hatte sich erhoben, um nach der in der Ecke stehenden Commode zu gehen. Mit lüsternen Augen verschlang Roth die Gestalt des schönet! Weibes und ein niederträchtiger Gedanke durchzuckte ihn: Sie ist ciu schutzloses, alleinstehendes, schönes Weib; ich null Alles versuchen, um sie mir geneigt zu machen. Wenn sie erst nicht mehr weiß, wo ans und wo ein, wird sie thnn, was ich will. Frau Gerson hatte indessen ein kleines leinenes Beutelchen aus der Eommode genommen und leerte nun seinen Inhalt vor ihrem Hauswirthe auf den Tisch. Es waren lauter Zehn- und Fünf-Pfennigstücke, und als sie alles zusammenzählte, ergab es die Summe von vier Mark. Sie zählte drei Mark davon ab, legte sie vor Roth hin und sagte: „Wollen Sie das als Abschlagszahlung nehmend In der nächsten Woche null ich sehen, ob ich Ihnen wieder etwas geben kann." „Das fällt mir gar nicht ein", entgegnete er barsch. „Ich nehme meine Miethe nicht in Raten. Entweder Sie zahlen mir dieselbe ganz, oder ich lasse Sie ermittiren." „Das werden Sie nicht thun, mein Herr. So hart werden Sie gegen eine arme Wittwe nicht sein.