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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1468 stürmen umbraust, dennoch fest und gerade stehen bleiben. Es sind die klassischen Weltbücher, die ewigen Schriften, welche durch alle Geschlechter die Lehrer der Menschen waren und bleiben. Und wer unter Euch was Gutes und Rechtes lernen will, der lausche nur immer andächtig auf ihre Worte. Diese Alten — ja, sagen wir getrost, wir Alten, denn ich will den Ruhm, zu ihnen zu gehören nicht entbehren — wir Alten sterben nie! Seht, neben uns werden öfter junge, ja sehr junge Bücher geboren.Wieviel wohl, fragt Ihr? Gütiger Himmel, massenhaft in geradezu beängstigender Anzahl. Diese sauberen, jungen Burschen, mit ihren mageren, spiegelglatten, rein gewaschenen Bogen, mit ihrem leichten, weißen, schwachen Papier — sie haben viel zu erzählen, so viel Neuigkeiten mitzutheilen, so viel wunderliche Ideen mitzubringen, daß sie wohl manchmal Lust haben, unsere alten, eisen starken Klassiker hinzuwerfen, oder gar hier todt zu erklären .... Nun, wir lassen sie ruhig erscheinen, die jungen Bücher, wir lassen auch euch Menschen, die ihr in euerer Schwachheit immer nach Anderem, Neuem greift, wie die Kinder nach neuem glänzenden Spielzeug, wir lassen euch über diese jungen Bücher lachen oder weinen, streiten und uriheilen. Währenddessen verschwinden sie wieder, leben höchstens einige Jahrzehnte auf Bücherregalen und sterben dann — in einem Kolonialwaarengeschäft. Nein, diese können uns nicht zurücksetzen, sie vermögen uns nichts anzuhaben, mir bleiben eisern. So liege ich denn, eine alte Broches-Gemore, hier vor euch. Ich bin jetzt 246 Jahre alt, aber wie alt schätzt ihr wohl meine ganze Familie, das ganze *mu oder Talmud-Geschlecht? Liebe Leser! Das werden wohl so über 1500 Jahre sein. Ja, es giebt noch einen viel älteren Stamm, dem meine Talmud-Familie entsprossen ist, ein viel älteres Büchergcschlecht, Mischna genannt, dieses Geschlecht ist wohl über 1700 Jahre alt. Da ich mich nun in aller Formalität vorgestellt habe, fühle ich mich für verpflichtet, euch auch etwas von meiner Abkunft und meinem Geschlecht zu erzählen. II. Sehr geehrte Leser! Von überflüssigen Komplimenten bin ich kein großer Freund, gute Bücher halten sich damit nicht auf. Diejenigen, die es dennoch thun, sind nicht die echten und rechten. Wir sagen den Leuten gerade heraus, was wir von ihnen denken, und wenn es ihnen nicht gefällt, nun, so mögen sie uns zuschlagen und auf den Tisch werfen — wir fühlen nichts davon und bleiben doch, was wir sind. Was wahr ist, bleibt wahr, und der Wahrheit die Ehre. Wenn es auch Leute gibt, die ihre ganze Exiftenz Büchern zu verdanken haben, so gestehe ich doch offen ein, wir Bücher haben alle, alle unsere Existenz den Menschen zu verdanken. Ja, ausgenommen ist nur ein Buch, der König aller Bücher, die heilige Schrift, die Thora, die von Gott kommt, wenn sie auch durch Moses nach göttlicher Eingebung ausgeschrieben wurde. Doch übrigens sind alle Bücher durch den Geist und die Hände der Menschen entstanden. Vielleicht denkt ihr euch, daß es sehr bescheiden ist, wenn ich dies so offenherzig von mir gestehe, aber vergeht nicht, daß dieses Gestänvniß einen großen Vortheil hat. Ich wehre dadurch jede Verantwortung weit von mir ab für die Mißgestalten, welche jemals das Licht der Sonne in unserem Bücherverein sahen, denn gute und schlechte, dumme und kluge Leute haben Bücher geschrieben.Und wie der Mann, so sein Buch. Unter uns gesagt, Menschen, ihr schreibt zu viel Bücher! In früheren Zeiten schrieb man sie gewöhnlich nur dann, wenn sie nöthig, oder nützlich waren, es gab eine Zeit, in welcher Bücher eine Seltenheit waren. Was man wissen wollte, oder mußte, wurde nicht zu Papier gebracht, man lernte es mündlich, bis man es im Kopfe hatte. Ja, gerade meine Brüder und ich enthalten hauptsächlich das, was eigentlich mündlich überlieferte Grundlagen und Entscheidungen sind. An einem Beispiel soll euch das erklärt sein. Ich sprach soeben vom Könige aller Bücher, von der Thora, in welcher Moses das Wort Gottes niederschrieb. Aber kein König kann allein regieren, seine geosicnbarten Gedanken bedürfen der Vollstrecker. Ein Grundsatz zeigt Hauptwege, die Prinzipien, an. Aber es bedarf eines organisirenden Gesetzes, welches das Grundgesetz erklärt, die das wirkliche Leben darnach regelt. Neben dem schriftlichen Gesetz nres» rrrn, empfing Moses durch göttliche Inspiration die inündliche Erklärung zur faktischen Anwendung nr> tystf* fmn. Und Moses lehrte und unterrichtete sein Volk durck diese mündliche Tradition erst die schriftliche Thora lesen und verstehen. Nach ihm war Josua Israels Lehrer, nach diesen:, die Vornehmen, welche die Aellesten genannt wurden, bernach die Richter. Nach Samuel waren es die Schulen der Propheten, in welchen an der Ausübung der mündlichen Erklärung der Thora festgehalten wurde. In den Schulen der Propheten blieb sie auch in den Zeiten der Gottlosigkeiten, der inneren und äußeren Demoralisation bestehen, und als Nebukadnezar das unwissende, unreligiöse und götteranbetende Volk schlug und den Tempel Jerusalems in Flammen setzte, da ging die Thora mit den Propheten-Schülern, welche inmitten der politischen Stürme und unter dem Brausen des Kriegslärms in stillen Einsamkeit weiter mit der Thora sich beschäftigt hatten, mit in die Verbannung nach Ba-

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