Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 76-77 (21.9.1896)
- Date
- 1896-09-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448678--42538-2491545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
X1XVI1« Jahrgang. Imeite Seit. iu M 76 Feuilleton. Ans Den iilfinoiifn einer alten Keralhas-Gemore. Von ihr selbst erzählt. Von T. Tal, Oberrabbiner inr Haag. (Autonsnte Uebeisttzung aus dem Holländischen von Alexander Bauin, Berlin). lNachdruck verboten.] I. Alt bin ich, nnd — dem Aenßern nach — sehr abgenutzt. Indessen ich lebe, und nehme mir, nicht ohne Selbstbewusstsein die Freiheit, mich Ihnen, meine lieben Leser und Leserinnen, hiermit vorzustellen. Ich bin ein Buch, nichts mehr und auch nichts weniger. Mein offizieller Titel lautet rose '^22 tbSa W2i2, das heißt: „Babylonischer Talmud, Tractat Berochos." Die mich kennen, nennen mich schlankweg eine Beroches Gemore, die mich nicht kennen, und deren giebt es recht viele, nennen mich überhaupt nicht. Von Denjenigen, die in ihrer Jugend vor mir saßen, doch in späteren Zeiten mich nicht mehr kennen wollen, ja kaum noch ansehen, von diesen will ich lieber gar nicht sprechen. Wie ich augenblicklich aussehe? O, ein kleines, altes Blich. Meine jüngeren Nebenmänner sind meistens größer; ich bin ein kleiner Foliant und nicht zu dick und nicht zu dünn. Zweiundneunzig Blätter zählt mein Körper, das sind hundet vier und achtzig Bkattseiteu. Aber leider, ich bin alt geworden, sehr alt; meine Farbe ist verschossen und meine Haut zeigt schon bedenkliche Risse. Blank und sauber trat ich in die Welt, als meine Mutter, die Druckpresse, mich geboren. Run bin ich gelb geworden, fast braun, und ich gestehe es ohne Weiteres ein, an manchen Stellen zeigen sich schon Wasserflecke. O, wie glatt und sein war ich, als mich das erste Sonnenlicht beschien, uttb nun, 0 Jammer, habe ich schon dicke und große Runzeln an den Ecken meiner Blätter, oben und unten! Im gewöhnlichen Menschenleben nennt man das Eselsohren. Itnb erst das Kleid, das mich umhüllte? Es war ein rothbrauner Einband von schönstem Juchtenleder, mit jenem durchdringenden Geruch, den dieses Leder ansströmt. Auf beiden Seiten befand sich eine schöne, wunderbar ausgeführte Zeichnung, uub auf meinem Rücken stand in goldenen Lettern das Wort *T2i2. Ein schönes, kupfernes Schloß hielt den Einband fest zusammen .... Doch vergebt, werthe Zuhörer, daß mein Geist & 77 des „Israelit". zu beit Jahren meiner Jugend zurückeilte, ihr wißt es selbst, daß man gerne bei denselben verweilt. Hört und staunet nun, wie ich jetzt leider aussehe, klaget mit mir, wie ich es thue. Von meinem Rücken ist das Gold verschwunden und das kupferne Schloß hängt nur noch lose in seinen Stiften. Das schöne braune Leder hat sich allenthalben losgelöst und zeigt dein Beschauer seine Kehrseite. Ach, in Fetzen hängt es herunter, lind wie lange noch, so fällt es ganz zu Boden. Jammernd und klagend gucken die Blätterecken aus der verbogenen Einbanddecke hervor, zerrissen und vergilbt .... Doch laßt nlich nicht fortfahren in dem Tone des Schmerzes und der Bitterkeit. Ich habe, auch was mein Kleid betrifft, davon zu Niemanden gesprochen, inr Gegentheil, stets war ich heiter und mit meinem Schicksal zufrieden, llnd wenn ich nachdenke, daß ich 246 Jahre zähle, in ein und demselben Kleide mich in der Welt bewegte, sagt, mag ich dann nicht zufrieden fein V Wenn ich die heutigen Prachtbände ansehe, mit dem gestempelten rothen Pappleinen, das nachgemachte Juchtenleder, das nachgemachte Kupfer und Gold, das schlechte Hotzpapier und den schlechten Einband, wer garantirt ihnen da ein Leben von zwei Jahrhunderten? Ihr seht, die 46 Jahre schenke ich ihnen noch! Ja, alt an Tagen bin ich, aber jung an Geist und Lebensfrische, als ob ich eben erst zur Welt gekommen wäre. Ist das nicht ein gutes Zeichen, ein Gottesgeschenk? Seht, unter euch giebt es auch hochbetagte Leute, die aber allzeit lebenslustig, geistig und körperlich rüstig sind. Aber auch junge Springinsfelde giebt es bei euch, mit viel Trieb, aber wenig Verstand, die viel gelernt haben, aber nie etwas wiffen. 'Diese wollen dann mit gewichtiger Miene und tönenden Phrasen nichtssagende Neuigkeiten in die Welt bringen, um damit die alten, reifen, geistesstarken Männer, die sie „alte Schwätzer" nennen, von dem Sitze ihrer Macht, des Ansehens nnd der Würde, zu verdrängen. Aber darob schütteln die „Alten" nur ihr Haupt und sehen voll Mitleid herab auf die jungen „Weltenstürmer," die schon nach wenigen Jahren keine Be deutnng mehr haben. Run, ganz genau so geht es bei uns im Bücherleben. Aber einen Unterschied giebt es doch. Wenn auch die Menschen, auch die größten und besten, alle einmal fort müssen von der schönen Erde, so giebt es aber Bücher, die nie und nimmermehr sterben, die ewig leben, die einige hundert, ja tausende von Jahren alt, deitnoch immer gleich edel an Geist, als wahr an Inhalt bleiben. Das sind die alten, standhaften Greise unter uns, welche auch, von Welten-