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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Wenn aber (Sott mit demselben Zeichen, in welchen er seine Thora uns reicht, auch die Sternenschrift an seinem Himmel schreibt, ist das nicht die plastischste Darstellung des Gedankens von der Einheit Gottes in Natur und Geschichte? Dringt ein solcher Hinweis dem Kinde nicht tiefer in Fleisch und Blut, als eine noch so präcis gefaßte und kunstvoll gedrechselte Redefloskel im philosophisch-pädagogischen Jargon? Wenn man den Kindern von der Einheit Gottes in Natur und Geschichte spricht, so verstehen sie einen schlechterdings nicht. Wenn es aber mit Aufgebot aller Virtuosität selbst gelingt ein dürftiges Verftändniß zu erzielen, so bleibt es etwas kaltes, todtes, weil von außen angelerntes, der wie schwerer Ballast das Hirn belastet, aber niemals den Weg zum Herzen findet und daher auch ohne Einfluß auf das Empfinden und Denken und gar auf das kindliche Thun und Lasten bleibt. Ein Kind, das wie Vater Abraham aus der Sternenschrist am Nachthimmel Gottes liebende Nähe liest, wird, wenn es bei der Schulprüsung nach der Einheit Gottes in Natur und Geschichte gefragt wird, verdutzt dreinschauen und die Antwort schuldig bleiben. Aber, wenn das Leben der Schule zu Ende ist und die Schule des Lebens mit ihren Prüfungstagen an den jungen Menschen herantritt, wird die Thai seines Lebens die rechte Antwort geben, wenn er dieselbe auch nicht in schulgerechte Formeln zu kleiden misten sollte. Alle Kinder sind von Haus aus vollendete Egoisten. *) Die ganze Welt dreht sich ihnen um ihr Persönchen, um das, was ihnen lieb und theuer ist. Ihr Aleph - Bethbuch steht ihnen daher höher als alle Sternenwelten am Firmament zusammengenommen. Sie erblicken deßhalb in der Sternenschrist am Nachthimmel die Bedeutsamkeit ihres Aleph Beth bestätigt. Dafür bedarf es für sie gar keine Bestätigung. Was dem Kinde den hauptsächlichsten Gegenstand seiner Sorge, seiner Thätigkeit und seines Wissens ausmacht, das trägt für es seinen Werth in sich selbst, der durch keinen Vergleich mit anderen Größen gesteigert werden kann. ES erblickt in den Sternen vielleicht nur die glänzenden Köpfe der Nägel, mit welchen der Himmel festgenagelt ist, deren Bedeutsamkeit ihm aber sehr durch den Umstand erhöht 1) Zur Fürsorge für andere, zum Geben, Wohlthun mit dem, was ihr eigen ist, entschließen sie sich in den allerersten Jahren nur schwer. Dafür müssen sie erst durch Erziehung gewonnen werden. Daß Kinder von ihrem Brod und ihrem H-'pfel gern andere ein Stück abbeißen lassen, beruht bai^f, daß das Kind noch nicht die Wahrheit kennt, daß hx Aheil kleiner als das Ganze ist. So wenig die Flamme dadurch gemindert wird, daß sich ein anderes Licht daran entzündet, so wenig denkt es an die Möglichkeit, daß sein Brod durch AbbeiHeri weniger wird. Sobald ihm das geläufig wird, erfährt seine Freigiebigkeit eine merkliche Einschränkung. wird, daß sie die Formen des Aleph-Veth darsteüen. Soweit sich dieser kindliche Egoismus auf das Aleph- Beth-Buch bezieht, hat er etwas Gesundes, Berechtigtes, ja durch und durch Wahres an sich. Die Wahrheiten der Thora, welche die Kenniniß des Aleph-Beth vermitteln soll, stehen ja höher als das gesammle Universum. Dieses ist in Wirklichkeit um des Menschen willen geschaffen, der in freiem Gehorsam durch sein Leben und Wirken die Wahrheiten der Thora verwirklicht, zu welchen das Aleph-Beth hinleitet. Diese grundlegende Anschauung der Stellung des Menschen zum ganzen Universum veroient volle Beachtung und aufmerksame Pflege. Ich suche dieses zu erreichen, indem ich gleich nach der ersten Stunde meinen Aleph-Beth-Liliputanern den gestirnten Nachthimmel als Repetitorium für ihr ' und ", ihr " und \ empfehle; einer Auffordeuung, der sie mit großem Vergnügen entsprechen. Auf diese Weise ist und bleibt ihr Äleph-Beth-Büchlein das Hauptwerk. Der Himmel mit seinen Sternen ist für eine bloße Wiederholung gerade gut genug. Das stört ihre Cirkel nicht und entspricht ganz der kindlichen Anschauung, von der zu wünschen ist, daß sie ihm auch iiu Alter treu bleiben. Auf diese kindliche Auffassung einzugehen und sie für die Erziehung in dieser und ähnlicher Weise zu verwerthen, ist vielleicht auch eine der zutreffenden Deutungen jener bewährten, vieldeutigen Erziehungsregel: uoo tid’ ab ppr ’3 DJ «*n 'b by "pan Es braucht nach diesem Excurs dem einsichtigen Erzieher nicht erst gesagt zu werden, daß die Thau- und Regentropfen nicht minder, wie die Sterne sich in den Dienst der Erziehung stellen lassen. Die atmosphärischen Niederschläge mit ihrem Segen und Unsegen, der an ihr Eintreten und Ausbleiben geknüpft ist, stehen ja dem Kinde ungemein näher als der Himmel mit feinen Sternen. Alles spricht vom Wetter, das von diesen Niederschlägen bedingt wird, aber, daß Gott es ist, der den Wind wehen und den Regen niederfallen läßt, das ist eine Wahrheit, gegen die sich viele sperren. Und doch haben die meteorologische Wissenschaft und ihre Schwestern mit ihren Thernrometern und Barometern es bis zum heutigen Tag nicht vermocht Gott den v'vM bw nnea, den Schlüssel zur Regenspende zu entwinden. Nicht einen einzigen Thau- und Regentropfen vermag menschlicher Witz zu bringen oder zurückzuhalten. Selbst die Vorheroerkündung des Wetters ist trotz aller Fortschritte der Wissenschaft so problematischer Natur, daß ein bekannter Meteorologe am Ende seines Werkes zu dem Resultat komntt: „Ich bin überzeugt, daß schwerlich ein Meteorologe wagen würde, selbst auf Grund genauester Kenniniß der Luftdruckvertheilung, ein Urtheil über das Wetter abzugeben, welches 24 Stunden später in Italien herrschen wird."

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