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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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rj^r,^;^.-?^,-^- *- ■-• - ■ 'V/rT‘£>T*S> -. *•" UXViJL Jahrgang. Erste Bell. M M 76 & 77 des „Israelit“. Leitender Artikel. Mein Religionsbuch.'' Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden(Schweiz). VII. Am Fußende der chronologischen Tafel findet sich noch eine r6»tp überschriebene Notiz, welche den Tag angibt, an welchem — *ieei — die Bitte, um Thau und Regen dem täglichen Gebete eingefügt wird. Unsere Katechismusweisen müssen diese Gruppirung sehr unsystematisch finden. Wie kann man auch biblische und jüdische Geschichte und die Bitte um Thau und Regen neben einander rangiren! Wer dagegen aus kein System eingeschworen ist, findet in dieser Systemlosigkeit unendlich viel System. Er erblickt in dieser Zusammenstellung den großen, unsere ganze Welt- und Lebensanschauung in neue Bahnen leitenden Gedanken verkörpert: In Natur und Geschichte waltet derselbe Gott. Die chronologische Tabelle lehrt uns Gott in der Geschichte, die “iwEi ^-Notiz lehrt uns Gott in der Natur. Die Geschichte und Geschicke Israels und jedes Einzelnen spiegeln Gottes Walten mit derselben Treue wieder, mit der es aus jedem Thau- und Regentropfen glänzt. Was dem groben, sinnlichen Auge so weit von einander entfernt dünkt, wie der Himmel von der Erde, kann daher mein Neligionsbuch nicht mehr genug neben einander rücken. Dieser materiellen Anschauung scheint es undenkbar, daß ein Zusammenhang zwischen unserem sittlichen Verhalten und dem Regentropfen, der draußen niederfällt, stattfinden soll, obwohl auf diese Verbindung fast jede Seite unserer Thora wiederholt hinweist. Wo zum ersten Mal von der Regenbildung in Gottes Wort die Rede ist, wird daran erinnert, daß sie an das Dasein vo.i Menschen geknüpft ist und — daß fie noch nicht vorhanden war, bevor ein Mensch auf der Erde lebte (I. B. M., Cap. II, V. 5) „Wenn ihr in meinen Gesetzen wandelt-so gebe ich auch euren Regen zu seiner Zeit" (III. B. M., Cap. 26, V. 3. 4.) „Gottes Zorn wird über euch erglühen und er wird den Himmel verschließen, daß kein Regen sein wird." (V. B. M., Cap. XI, V. 17.) Wenn Gott wirklich Gott ist, dann ist er es immer und überall. Das weiß das Kind und fühlt es aus allem heraus, was in seiner kleinen Welt an es herantritt. Diese Wahrheit darf daher so wenig gelehrt werden, wie diejenige, daß es einen Gott *) Bergt. Nr. 59. gibt. Sie muß stillschweigend vorausgesetzt werden; sie lehren heißt fie erschüttern. Wenn man einem Kinde sagen wollte: Derselbe Gott, der den Regen fallen, die Sonne scheinen, die Sterne glänzen und den Mond leuchten läßt, derselbe Gott macht einen gesund und krank, groß und klein, arm und reich; so sieht das Kind denjenigen, der ihm das beibringen will, groß an und wundert sich, daß man etwas zum Gegenstand der Belehrung macht, was doch selbstverständlich ist, was gar nicht anders sein kann. Es kommt ihm vor, als wenn man ihm etwa sagen wollte: Derselbe Uhrmacher, der die Uhren macht, macht auch die Zeiger, Zifferblätter, Räder und Federn. Wer anders sollte sie denn machen, als der Uhrmacher? Die erste Bedingung zur Erlernung dieser Kunst, den Kindern beizubringen, ohne es sie zu lehren, besteht darin, daß der Lehrende selber von der Wahrheit durchdrungen ist, die er auf andere übertragen möchte. Ist dies der Fall, so macht die Wahrheit, die den Lehrer erfüllt, erfinderisch. Sie leuchtet aus allen gesprochenen und zurückgehaltenen Worten und kann aller Regeln der Pädagogik leicht entrathen. Glaubt aber der Lehrer selber nicht an die Wahrheit, die sein Mund lehrt, dann kann kein pädagogischer Apparat diesen Mangel ersetzen. Keiner sieht so hell, Niemand beobachtet so scharf als Kinder; sie hat noch kein Lehrer über seine Gesinnung auf die Dauer getäuscht. Sie lasten sich für die Wahrheit kein Surrogat von Lehrregeln bieten. Als ich in gereifteren Jahren dem Gedanken von der Einheit des göttlichen WaltenS in Natur und Geschichte in den Büchern der heiligen Schrift und in den Aussprüchen der Weisen s. A. auf Schritt und Tritt begegnete und mir eine Ahnung von der vielseitigen Fruchtbarkeit und Großartigkeit dieses Bewußtseins aufging, war ich nicht so sehr darüber als über den Umstand frappirt, daß mir diese Anschauung als etwas ganz Selbstverständliches, Alltägliches vorkam, obwohl ich mich nicht erinnerte, darüber eine mündliche Belehrung je erhalten zu haben. Nach langem Suchen in dem Erinnerungs-Inventar der frühesten Kindheit, erinnerte ich mich aus der Zeit, in der ich die ersten hebräischen Buchstaben buchstabiren lernte, daß mein Vater vw mir den nächPchen Sternenhimmel mit der Bemerkung zeigte, du-si in den Sternen das ganze Aleph-Beth enthalten sei. Am ersten Selichoth-Morgen zeigte mir mein Vater den Buchstaben n über dem Hause unseres Nachbar.?. Die übrigen Buchstaben zu finden, überließ er meiner Phantasie, die von diesem Recht ausgiebigen Gebrauch machte.

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