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Der Israelit · 1896-09-15 · Heft 74-75 (15.9.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 74-75 (15.9.1896)
Date
1896-09-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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diesem Sinne. Wohl wissen wir aus dem Spruch salomonischer Weisheit: na» -toi »au» an^, daß die Regungen des Herzens auf den Menschen und ihr Ausdruck im Wort aus Gott zurückzuführen sind. Aber wer auf die übliche Vortragsweise dieses in unser Machsor für die D’imn v'w aufgenommenen Satzes achtet, welche das Wort '“ioi noch mit den Worten 2b ws» 0-1*6 verbindet, dem wird damit der Gedanke nahe gelegt, welche hervorragenden Antheil Gott auch an den bloßen Regungen des Menschenherzens hat. Ist aber das Erbarmen, welches Menschen üben können, nichts als ein Reflex des göttlichen Erbarmens, so muß dieses göttliche Erbarmen dem menschlichen weit überlegen sein. Diese Ueberlegenheit ist es nun, welche uns zum Bewußtsein gebracht wird, wenn wir Gott den Vater und Herrn des Erbarmens nennen. Die Menschen, welche wirklich barmherzig sind, sind in der Regel nicht Herrn des Erbarmens, sondern das Erbarmen ist Herr über sie. Der Vater, der sein Kind liebt und ihm Dinge versagt, deren Besitz ihm schädlich wäre, handelt gütig gegen sein Kind, wenn er ihm das Messer nicht giebt, woran das thörichte Kinderherz hängt. Weint, klagt und härmt sich aber das Kind Tage und Wochen lang, weil ihm sein Liebstes versagt bleibt, so ist der barmherzige Vater leicht geneigt auch einen thörichten Wunsch zu erfüllen, um den Klagen seines Lieblings ein Ende zu machen. Das Erbarmen ist dann Herr über den Vater geworden. Bei der Barmherzigkeit Gottes ist diese Möglichkeit ausgeschlosien. Sie versagt so entschieden als sie reichlich gewährt, sobald die Versagung seinen Kindern zu Gute kommt. Es ist daher eine vollkommene Wahrheit, daß sich Gottes Erbarmen im Versagen noch glänzender als im Gewähren manifestirt. Gott gehört die Erde und was sie füllt. Von dieser Fülle einen Theil den darbenden Menschen zuzuweisen und ihnen damit Mangel und Sorge abzunehmen, wäre Gott ein Leichtes. Aber diese Glücksgüter denen, die nach ihnen lechzen, Jahre, Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang zu versagen, weil sie in Wirklichkeit zu Unglücksgütern werden würden, dazu ist eine vollkommene Beherrschung aller barmherzigen Regungen erforderlich, dazu muß Gott Herr und Vater des Erbarmens sein. (In Parenthese sei daran erinnert, wie der jüdische Sprachgebrauch den Arbeiter ganz von demselben Gesichtspunkt aus na*6v bn d. h. Herr der Arbeit nennt. Sie soll denjenigen, der ihr obliegt, nicht derart in ihren Dienst jochen, daß er ganz und gar von ihr beherrscht wird. Der Arbeiter soll freier Herr und Verfüger über die Arbeit bleiben und durch sie nicht Sinn und Verftändniß für alles das einbüßen, was außerhalb seines Arbeitsfeldes liegt. Wenn die Brüder Josephs ihren Bruder b»2 nennen, so liegt in dieser Beziehung schon ein scharf nüancirter Vorwurf. Wenn jemand vom Schlafe übermannt träumend da liegt, so ist der Traum der Herr des Schlafenden, der ihm alle Bilder, Zeiten und Personen ohne Wahl vorführt. Der Träumende ist daher für seine Träume nicht verantwortlich; er wird von ihnen beherrscht. Gegen Joseph erhoben jedoch seine Brüder den Vorwurf, daß er der Herr seiner Träume sei, daß nicht er von ihnen, sondern sie von ihm beeinflußt würden, daß sie also «ein wifi nur Fortsetzung der Gedanken seien, denen Joseph den Tag über nachgehangen.) Die Consequenz des Gedankens, daß Gott Herr und Vater des Erbarmens ist, läßt uns unser ganzes Leben, alles Besitzen und Genießen, alles Veizichten und Entbehren, läßt selbst Mangel und Elend in einem anderen, verklärten Lichte erscheinen. Vor diesem Gedanken verlieren Roth und Sorge ihren Stachel. Im Lichte dieser Anschauung geht uns eine Ahnung davon durch die Seele, wie schlimm es um uns bestellt wäre, wenn alle unsere Wünsche ihre sofortige Erfüllung finden oder wenn uns gar ein Dasein beschieden wäre, in dem wir nichts mehr zu wünschen hätten. Ein Wort unserer Weisen lehrt: bv i'iwnv bs rurn twno 6 paiatp on*. „Seine ganze Nahrung wird dem Menschen von Rosch Haschono ab bestimmt." Wenn somit an der Pforte des neuen Jahres die Tausende von Gott bereits bestimmt sind, die der ringende Mensch im nächsten Jahre dem Kampfe ums Dasein entreißen soll, so wäre es für ihn viel bequemer, wenn er die Summe am Zaum Gedaljah Morgens auf seinem Tische fände. Aber wenn dem Menschen auf diese Weise die Sorge um Beschaffung des täglichen BrodeS genommen wäre, was märe ihm denn nicht noch alles außerdem genommen! Wie vielen wird lediglich durch diese Sorge der Blick zu Gott gerichtet und wie viele würden ihre Abhängigkeit von Gott gänzlich vergessen, wenn ihnen ein ganzes Jahr hindurch diese Sorge fremd bliebe. Wie viele vergessen nicht an Gott eben durch ihren Wohlstand, mit dem sie Gottes Liebe bedacht hat! Deshalb hat Gott das menschliche Lebensglttck, ja die bloße Fristung eines bescheidenen Daseins an unzählige Bedingungen geknüpft, es aber Niemanden bedingungslos gewährt. Regen und Sonnenschein, Leben und Tod, Gesundheit und Krankheit und eine Unzahl anderer Faktoren bedingen unser Lebensglück. Wir bedürfen des fortwährenden, rückhaltlosen Vertrauens auf Gottes Erbarmen, damit uns alle diese Faktoren zum Segen und nicht zum Fluche werden, und sind in jedem Augenblick unseres Daseins auf dieses göttliche Erbarmen angewiesen. Diese Abhängigkeit von Gottes Barmherzigkeit erzieht uns zu

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