Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 74-75 (15.9.1896)
- Date
- 1896-09-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1431 Arbeitskraft und seiner unbesiegbaren Zähigkeit: war es Freund und Feind war es jedem klar, daß dieser Mann wohl zusammenbrechen kann, daß er sich aber nicht beugen wird. Freund und Feind, erstere mit Stolz, letztere mit Neid erblickten in diesem Manne die Verkörperung einer großen Idee, den würdigen Repräsentanten einer wahrhaft heiligen Sache. Die Freunde waren beruhigt, die Feinde waren beängstigt und es war gut, daß es so war! Der Heimgang eines solches Führers ist doch gewiß ein harter Schlag für diejenigen, deren Führung ihm anvertraut und der zu dieser Führung gleichsam durch göttliche Fürsorge auserkoren war. Wenn einst die Geschichte des Judenthums der Jetztzeit geschrieben werden wird, wird die Nachwelt erst erkennen, was Ignatz Reich für sein Volk gethan hat. (Sin jeder Tag der letztverflossenen dritthalb Dezennien bildet ein Ereigniß, welches Zeugenschast ablegt, was der Heimgegangene große Mann für das Judenthum war und was er für dasselbe geleistet hat. Es ist natürlich nicht möglich im Rahmen eines engbegrenzten Zeitungsartikels das Wirken dieses Mannes entsprechend zu würdigen und ist auch der Zweck dieser Zeilen nur der, um auch bei diesem Anlässe den Schicksalsschlag, der das ungarische Judenthum erreicht hat, init tiefer Wehmuth zu registriren. Ein Schicksalsschlag, der im ersten Momente so niederschmetternd gewirkt, daß hierdurch das gesetzestreue Judenthum in Ungarn in seinen Grundfesten ernstlich bedroht erschien. Fast trostlos umstanden wir den Sarg des großen Führers und die erste drückende Sorge der leitenden Männer war die, daß Ersatz gefunden werde, damit die heilige Sache des orthodoxen Judenthuines nicht gleich einem schwankenden Sch fflein auf dem stürmenden Ozean dem Untergange anheimfalle. Es handelte sich daruin einen Mann zu finden, der nicht nur die Liebe zur Sache habe, sondern auch die Eignung besitze das Erbe eines Ignatz Reich bi anzutreten! Damit ein Mann gefunden werde, der sowohl nach unten, wie nach oben genehm und in dessen Vergangenheit gleichsam die Garantie geboten sei, daß dieser die gerechte Sache unserer Confession mit sicherer Hand zu leiten nicht nur im Stande ist, sondern derselben mit allen Fasern seines Lebens und mit unverdrofiener Liebe sich widmen wird. Angesichts des llnglückes, welches das orthodoxe Judenthum durch das Hinscheiven des unvergeßlichen Führers getroffen, — ist es wahrhaftig als eine Fügung der allgütigen Vorsehung zu betrachten, daß für diese heilige Aufgabe der richtige Mann gefunden wurde und daß derjenige, der durch den einmüthigen Willen seiner Confession für die Führerrolle auserkoren ist, dieser schwierigen, sehr schwierigen Mission sich auch unterzieht. Daß nun dieser Mann bereitwillig sein dem Studium geweihtes, ruhiges Heim verläßt und sich der aufreibenden Thätigkeit des dornenvollen Amtes widmet: Dieser Umstand allein spricht beredter für den edlen Sinn des Betreffenden, als wenn mir über ihn die größten Lobcshymnen anstimmen würden. Es ist denn auch gar nicht nöthig einen Mann, vom Schlage des gelehrten Oberrabbiners Leopold Lipschitz anzupreisen. Ein Mann von europäischem Rufe, der seit dritthalb Dezennien für die Sache des hierländischen Judenthumes eifrig mitgekämpft, der stets in vorderster Reihe gestanden, der die ungetheilte Liebe und Verehrung, das unbegrenzte Vertrauen unserer Brüder genießt, der bei der Regierung, infolge seines integren Charakters und seiner hohen Begabung persona gratissima ist; bedarf keiner Anpreisung und wiederholen wir nur, daß es wirklich als Glück im Unglücke bezeichnet werden muß, daß Sr. Ehrwürden der schweren Aufgabe sich unterzogen und sein Privatinteresse dem Allgemeinen ohne Zaudern zu unterordnen sich entschloffen. Die Art und Weise, wie die definitive Wahl dieses bereits im Amte eingesetzten, von der jüdischen, öffentlichen Meinung sowohl, als von der Regierung bestätigten Führers, zu geschehen habe, ist eine sehr kleine Formsache, die von ganz untergeordneter Bedeutung ist, aber dennoch wird diese Angelegenheit nunmehr, in der allernächsten Zukunft bestens in Ordnung gebracht werden. Neben dem erwähnten erschütternden Ereignisse, ist die bereits de facto erfolgte Besetzung der Führerstelle von ebenbürtiger aber freudiger Bedeutung, die wir bei diesem Anlaß registrirt zu haben wünschen. Ein weiteres Ereigniß des alten Jahres bildet das an dieser Stelle bereits entsprechend gewürdigte Memorandum der Neologen-Kanzlei, noch mehr aber, die darauf erfolgte Antwort der Regierung. Mit Bangen hat das gesetzestreue Judenthum dieses Landes, die vor einigen Jahren eingeleitete Bewegung der Neologen betrachtet, die unter dem volksthümlichen Schlagmorte .,Rezeption" zu einen vernichtenden Angriffe aus die Selbstständigkeit der orthodoxen Confession ausholten. Kaum war nun die Rezeption von Legislative u. Krone bewilligt, sahen wir unsere Befürchtungen gerechtfertigt. Das bekannte Memorandum der Congreßkanzlei, welches im Frühlings dieses Jahres dem Cultusminifter überreich: wurde, läßt bezüglich der Bestrebungen der Neologen keinen Zweifel aufkommen. Ter Cultusminifter, der das Milleniumsjahr, als für solche Aktionen nicht geeignet bezeichnet, und das Memorandum vorläufig ad acta legen ließ, wird nunmehr, nachdem die Landesfestlichkeiten vorüber sein werden, voraussichtlich zur Erledigung dieser Frage schreiten. Es dient uns zur großen Beruhigung, daß der aus dem erhöhten Standpunkte des wahren Liberalismus stehende Culiusmimster, dem aus gemalt-