Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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1422 „Wenn ich das Geld behalte, habe ich meinen Antheil an der ewigen Seligkeit verwirkt. Zurückgeben also? . . . Und was wird meine Frau sagen? Und der Mechuten? . . . Und die Sache wird ruchbar werden, man wird mich meiden, ich werde Keinem in's Gesicht zu sehen wagen . . . Ein Dieb . . . . Was thun? Barmherziger Gott, was thun?" jammerte er und biß sich die untere Lippe blutig. „Schreckliche Pein! Entweder ich versalle dort der ewigen Verdammnis oder hinieden der ewigen Schmach. Hier oder dort!" Langsam kamen die Betenden zusammen, die Synagoge füllte sich; der Vorbeter begann unter Beihilfe einiger junger Männer das ergreifende und erhebende „Adon Olam", aber Berel vernahm aus jedem Tonfall nur das ewige: „hier oder dort?" . . . Plötzlich trat Reb Moysche ein. Er erhob sich, sank aber auf seinen Sitz zurück. „Ich will meiner Frau Alles gestehen, und ihren Rath einholen," tröstete er sich. Die Synagoge war voll von Andächtigen; die Stimmen der Einzelnen flössen zusammen und vereinten sich ztt einem mächtigen, himmelanstürmeuden Gebet. Nur Berel stand abseits und seine Gedanken weilten anderswo. Wie ein Mühlrad ging es ihm im Kopfe herum. Der sonderbare Traum, Reb Moysche, der Mechuten, die Frau, Alles verwirrte sich in seiner Phantasie zu einem heillosen Chaos, während die Buchstaben im Gebetbuch die sonderbarsten Sprünge und Tänze ausführten. Er zwang sich zu weinen, schnitt Gesichter, drückte die Augett zu, aber vergebens, keine Thräne wollte hervor, Um seine Gewissensbisse zu betäuben, begann er die Piutim zu sagen, ohne ein Wort zu verstehen. Er wollte nur seine Gedanken abmühen und den nagenden Wurm in seinem Innern beschwichtigen. Kalter Schweiß bedeckte seine Stirne, und eine bleierne Müdigkeit lastete ihn: auf den Gliedern. Da erscholl die Stimme des Borbeters: „Das Weltall hängt an seinem Finger, die Erde ist voll von seiner Pracht!" eine Bewegung ging durch die Menge. Alle erhoben sich von ihren Sitzen und verhüllten die Gesichter mit dem Tallis. Das erhabene und erschütternde Gebet „Unesaneh Tokef", an das sich eine so merkwürdige, wunderbare Legende knüpft, entströmte unter Weinen und Flehen den Lippen der Gemeinde. „Du bist Richter und Vollstrecker, Du bist Zeuge und Allwissender, Du verzeichnest ltnb versiegelst und kennst alles Verborgene. Dein ewiges Buch schlägst Du auf und es liest sich von selber; jedes Sterblichen Siegel ist darinnen." Die Verse kamen herzergreifend von den Lippen des Vorbeters und Berel las schaudernd nach. Ein Thränenstrom quoll aus seinen Augen. Da sitzt der gerechte Gott auf seinem Throne und hält die Waagschale in der Rechten; das ewige Buch ist aufgeschtagen, und jedes Sterblichen Siegel ist darin. Auch Berels Siegel. Nachts, als die Seele ihre Hülle verließ und zum Himmel emporstieg, schrieb sie dort ihre Missethat hinein; und nun klagen die Wörter ihren Urheber an vor dem unsterblichen Richter. - „Berel! Dieb, Räuber!" lind er wagt es noch, in Gottes Haus unter ehrlichen Leuten zu stehen und um Gnade §u betteln. Da drang die Stimme des Vorbeters wieder an sein Ohr: „Die Engel, sie eilen, und ein Beben erfaßt sie; sie lispeln: der Tag der Gerechtigkeit ist da!" Zuerst leise, dann innner lauter sang der Chalan, bis seine Stimme beim letzten Wort so kräftig anschwoll, daß die Scheiben klirrten. Berel ermannte sich. „Nein, nein," sagte er fest, „nach der Keduscha muß es ein Ende nehmen, ich werde vor Reb Moysche bekennen und ihn um Verzeihung bitten." Die Keduschah war zu Ende, doch Berel rührte sich nicht. Der Tag ging zur Neige. Die letzten Strahlen der Sonne vergoldeten die Wipfel der Bäume und lange Schatten streckten sich über die Lande. In der Synagoge ziindete der christliche Diener Kerzen und Lampen an. Im Vorhose saßen mehrere Männer mit bleichen Gesichtern und ruhten aus von den Mühen des Tages. Es war vor dem Ne'ila-Gebet. Auf den Gesichtern lag ein Ausdruck von Befriedigung, wie nach erfüllter Pflicht und zugleich der Widerschein des Vertrauens und der Zuversicht. Berel saß zusammengeknickt auf fctuctu Platze, den Kopf in beide Arme gestemmt; er sah vernichtet und hoffnungslos aus. In seinen Ohren klangen die Worte: „O, öffne uns die Pforte, bevor sie uns geschlossen!" Nur noch einige Minuten, bald wird die Pforte geschloffen und er hat noch nichts für seine Erlösung gethan! Plötzlich erhob er sich eilig uub rannte wie toll auf Reb Moysche zu: „Ich will Euch etwas sagen, Reb Moysche!" „Später, nach dem Beten!" „Rein, nein, nein! Fetzt muß es sein!" drängte Berel außer sich vor Angst. Reb Moysche sah ihn cvftcumt an; doch erhob er sich und folgte ihm hinaus hinter die Synagoge. Berel sah sich ängstlich um, daun begann er unter Thränen mit zitternder Stimme: „Verzeihung, Reb Moysche, Verzeihung!" „Gott mit Dir, Berel! Was Hab' ich Dir 51t verzeihen?" „Reb Moysche," stamnrelte Berel, „den Hunderter .... ich habe .... Gott behüte, ich bin kein Dieb, Gott sei mir gnädig! . . . . Der Mechutteu wollte das Verlöbnis; aufheben, da kam ich 31t Euch . . . . Niemand war .... ich .... ich ... . Bitte sehr, verzeihet! Abends britlg ich das Geld