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Der Israelit · 1896-09-11 · Heft 73 (11.9.1896) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 73 (11.9.1896)
Date
1896-09-11
Page
– (sequence 27)
Language
German
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verliere ich ja meinen guten Namen! Und was soll aus meiner alternden Tochter werden? Und was wird meine Frau dazu sagen? Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! Vater im Himmel!" keuchte Berel verzweifelt. Er nahm das unterbrochene Gebet nicht wieder auf und versank in Träume. Seine ganze Vergangenheit zog an ihm vorüber. Leicht hatte er's ja niemals gehabt; er hatte die Noth mit allen ihren Schrecken kennen gelernt. Sein Leben ivar eine ununterbrochene' Kette von Kämpfen und Leiden. Aber das Vertrauen zu Gott hatte ihn niemals verlassen. „Oftmals glaubte ich, alles wäre verloren, und doch war Gottes Hilfe nahe und ich hatte ein reines Herz und reine Hände. Und diesmals wollte ich nicht auf Gott hoffen. Da Hab' ich's!" „Unglücklicher! Unglücklicher! Dieb, Dieb!" klang es ihm unaufhörlich in den Ohren und er wiederholte die Worte, wie um in seinem eigenen Schmerze zu wühlen. So stand er da, in Gedanken versunken, während die Gemeinde die einleitende Thefilla vollendet hatte und nun begann, sich zum Kol-Nidre zu rüsten. Zwei Männer, jeder eine Thorarolle auf dem Arm, traten zu Seiten des Vorbeters, einer von ihnen war Neb Moysche Wechsler. Tiefe Stille herrschte im ganzen Raume. „Alle, die da sind frevlerisch und sündig, mögen mit Gottes Willen unter uns zum gemeinsamen Gebet ausgenommen werden!" tönte es plötzlich an Berels Ohr, wie eine sanfte, tiefe und traurige Stimme. Er erwachte uud blickte auf; es war Reb Moysche, der da in Gottes Ramen ihm, dem Frevler Berel, zmn Beten Erlaubniß gab. Er glaubte, daß Reb Moysches Blick ihn durchdringe und sich in sein Herz bohre . . . Barmherzigkeit, Vater im Himmel!" flüsterte Berel aus der Tiefe seines schuldbewußten Herzens! Das Abendgebet war zu Ende, Psalmengesaug folgte, und darauf gingen die meisten Andächtigen ncid; Hause, um sich für den morgigen Bußetag durch Schlaf zu erholen, Rur diejenigen blieben im Gotteshause, welche die Rächt mit Psalmen und Thorastudinm verbringen wollten. Sobald Einen der Schlaf überwältigte, lehnte er den Kopf über ein Häufchen Heu, um ein Weilchen zu schlummern. Auch Berel blieb und setzte sich in eine Ecke. Vor ihm lag das Psalmenbuch, ltub er sammelte seine Gedanken, mn ungestört beten zu können. Ohne aufzublicken lispelte er vor sich hin, bis ihn der Schlummer übermannte. Vergebens kämpfte er mit allen Kräften gegen die Müdigkeit an, vergebens riß er die Augenlieder auf, schnupfte Tabak und benüihte sich, klare Gedanken zu haben. Im Kopfe rauschte es ihm, die Buchstaben verwischten sich, vor seinen Augen tanzten und wirbelten goldene, blaue und grüne Pünktchen. Sein Kopf sank herunter, das Buch entfiel der Hand, er schlief ein . . . Und er träumte einen wunderlichen Traum. Auf einem unendlichen von strahlendem Licht erfüllten Hintergründe sah er eine große, von unsichtbarer Hand getragene Waage. Er konnte den Blick nicht davon avwenden, eine unwiderstehliche Gewalt zwang ihn, auf die Waagschalen und das Zünglein hinzustarren; und er hatte das klare Bewußtsein, daß jetzt sein Schicksal abgewogen wird. Das Zünglein spielte auf- und abwärts, einen Moment stieg die eine Schale, bald wieder die andere; beide schienen sich das Gleichgewicht zu halten. Da flog ein großes Stück Papier auf die eine Schale. Berel starrte darauf hin, und mit Entsetzen gewahrte er, daß es der gestohlene Hundertguldenschein war. . . . Schwarz war er, wie der Abgrund . . . und blutrothe Lettern standen darauf. Die Waagschale sank mit einemmale in die Tiefe. Nun wußte er . . . Hier bleibt nichts verborgen ... Da fühlte er einen heftigen Stoß am Kopfe und erwachte. „Bewahre die Unschuld und bewahre das Wohlivollen; denn des Gerechten Ende ist selig, die Frevler aber werden vertilgt; der Bösewichter Lohn ist Unheil." In gedämpftem und zerknirschtem Ton kamen diese Psalmverse an Berels Ohr. Er wandte sich um und gewahrte einen in sein Tallis gehüllten Greis, der über fein Buch gebeugt dasaß und betete. Ringsum lagen Viele schlummernd auf Heuhügelchen. Andere saßen in ihre Gebetmäntel gehüllt über Büchern und murmelten die Psalmen. Ein Theil der Lichter flackerte erlöschend und ein feuchter Nebel erfüllte den Raum; durch das hohe, schlanke Fenster drang das bleiche, zitternde Licht des Mondes. Plötzlich stand der eben gesehene Traum vor Berels Gedächtniß, und ein tiefer Schrecken überkam ihn. „Das war ein Fingerzeig von oben", dachte er, „ich bin verloren"! . . . „Nein"! stieß er mit festem Entschluß hervor, „ich will uicht unselig werden, ich will nicht verdammt sein! Ich war stets ein ehrlicher Mensch und das will ich bleiben. Für hundert Gulden soll ich meine Seligkeit verkaufen? Sobald Neb Moysche da ist, will ich ihm Alles bekennen, und Abends das unglückselige Geld zurückgeben. Dieser Entschluß beruhigte Berel, die Verzweiflung wich aus seinem Herzen und er war fast fröhlich. Er begann andächtig die Psalmen zu beten und blickte jedesmal zum Fenster, ob der Morgen kam. Er wollte sich den drückenden Alp rasch vom Herzen wälzen. Die Morgendämmerung ließ die ersten Fluthen rothen Lichtes durch die Fenster strömen. Bald erhellten die ersten Sonnenstrahlen das Gotteshaus. Berel's Gemüth jubelte ihnen entgegen. Es wurde ihm frei um's Herz, die Angst, welche ihn beschlichen hatte, verschwand, und er begann die Dinge nüchtern zu betrachten. „Zurückgeben, oder nicht?" überlegte er.

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