Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1420 ein großer für die Synagoge und ringsum viele kleine für die verschiedenen Wohlthätigkeitsvereine; jeder Vorübergehende wirft eine größere Gabe in den großen Teller und bedenkt die kleineren mit einigen Kupfermünzen. Berel Zapp kam eilenden Schrittes, entledigte' sich bei den Tellern des mitgebrachten Geldes, stürzte dann in die Synagoge und begann das Minchagebet. Er wollte diesmal andächtig beten, Wort für Wort aussprechen und sein Herz vor Gott ausschütten. Aber profane Gedanken kamen und verwirrten ihn. Erst beint „Widduj" gelang es ihm, sich zu sammeln. Er begann langsam jedes Wort zu betonen; bei dem Bekenntniß „ich habe geraubt", stockte seine Hand, die zum Schlag auf die Brust ausholte, und Berel stand wie angenagelt, wie von einem elektrischen Schlag gerührt, an allen Gliedern zitternd. Die Lettern des fatalen Wortes schienen Leben anzunehmen, wuchsen in die Höhe, verschlangen sich und zischelten ihm in die Ohren: Dieb) Räuber) Niemand hat dich gesehen, kein Mensch weiß es, aber wir sind Zeugen, wir werden vor Gottes Thron schreien: „Du hast gestohlen und geraubt!" Und Berel stand unbeweglich da, die Hand in die Luft vorgestreckt. Er besann sich. Bor zwei Monaten war er zu Neb Moscheh Wechsler in's Haus gekommen, Niemand war dar. Im Geldschrank stack der Schlüssel. Berel berührte ihn unwillkürlich; der Schrank sprang aus. Mehrere Hunderter-Scheine lagen da. Einige Stunden vorher hatte Berel von seinem Mechutam einen Brief erhalten, in dem er aufgefordert wurde, die Mitgift für seine Tochter aufzubringen und den Hochzeitstag zu bestimmen; sonst müsse das Verlöbniß aufgehoben werden. „Jetzt ist mir geholfen," durchzuckte ihn blitzartig ein Gedanke. Wie taumelnd streckte er die Hand aus, und .... ein Hundertguldenschein blieb an den Fingern haften . . . Der Schrank schloß sich wieder, Berel schlich von dannen und kein Mensch hatte von denl ganzen Vorgang eine Ahnung. Zwar konnte er des Besitzes nicht froh werden; er fühlte öfter ein Jucken und Stechen an der Handfläche, wo die Banknote gelegen; ein geheimes Leiden schien an seinem Herzen zu nagen, Selbstverachtung peinigte ihn. Aber er versuchte, sich zu beruhigen. „Noth — alte Jungfer — aufgehobenes Verlöbniß", mit diesen Ausflüchten bemühte er sich, die Stimme des Gewissens zu übertönen. Aber jetzt, da er vor Gott, dem Allwissenden stand, seine Sünde bekannte, und seine Handlungen untersuchte, war er sich klar bewußt, daß alle seine Vorwände nichtig und haltlos waren. Er kam sich vor wie ein Dieb, der sich in anständige Gesellschaft eingeschlichen, und er las sein Geheimniß in jedem Blick, der ans ihn fiel. Und die Buchstaben der schrecklichen Worte: „ich habe geraubt", tanzten in jedem Augenblick in anderer Gestalt und in anderer Farbe vor feinen Blicken. Bald waren sie schwarz, wie die Nacht, bald feuerroth und brannten und stachen ihm in die Augen; bald wurden sie grün, wie Frösche und quackten ihm in's Ohr: „Dieb, Räuber!" Seine Hand war noch immer starr in die Luft emporgestreckt, und große, kalte Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Da erwachte er aus dem Sinnen und glaubte zu bemerken, daß Aller Blicke auf ihm ruhten. Schnell vollendete er sein Gebet und eilte pochenden Herzens nach Hause. Er nahm nur wenig von der Speise zu sich und war bald wieder in der Synagoge zwischen den Betenden, wo er sich in den Tallis hüllte und das einleitende Gebet vor Kol-Nidre zu flüstern begann. Der röthliche Schein der untergehenden Sonne vermischte sich mit dem Lichte der zahllosen Wachskerzen. Die Betenden waren in weiße Gewänder gehüllt, ein reumüthiger und zerknirschter Ausdruck lag auf den Gesichtern; von der Frauensynagoge her drang Jammern und Weinen hernieder und fand ein Echo in Berel's wundem Herzen. Er stand zusammengeknickt da und betete, seine Augen troffen von Thränen, jedes Wort des Gebets schien Balsam in seine Wunde zu träufeln. In diesem Augenblick war er beruhigt, denn er fühlte, daß jede Silbe aus einem reuvollen, gramgebeugten Herzen kam. Jetzt thue er aufrichtig Buße und Gott werde ihm schon verzeihen; ist Er ja allbarmherzig und gnadenreich! „Doch darob erbebt mein Herz am meisten, daß die Sunden gegen den Nebenmenschen am Jom-Kippur nicht vergeben werden, bis der Betroffene versöhnt ist. Darob bebt mein Herz und meine Glieder zittern, weil mich am Tag des Todes diese Sünden nicht vergeben werden —." Berel stotterte die Sätze des Gebetes und plötzlich wurde ihm dunkel vor den Augen und eine eisige Kälte lagerte sich um sein Herz. Er traute seinen Blicken nicht, las wieder und wieder und jedes Wort traf ihn wie ein Dolchstich. Diese Sätze waren unerbittlich harte Richter, welche sein Urtheil gesprochen: Du bist schuldig, es giebt für dich keine Berzeihnng: Buße, Gebet, Flehen, nichts, nichts hilft. Vergebens rief es in ihm: „Barmherzigkeit, Vater im Himmel! Barmherzigkeit ) Ich leide Roth, — alte Jungfer — aufgehobenes Verlöbniß", er fühlte selber klar, daß dies leere Ausflüchte waren. „Am Jom-Kippur werden nur die Sünden gegen Gott verziehen; die Sünden gegen die Nebenmenschen — auch am Todestage nicht!" Er glaubte eine fürchterliche Stimme zu vernehmen, die ihm diese Worte in die Ohren dröhnte. Er blickte in das vor ihm liegende Machsor und las: bis der Betroffene versöhnt ist" und ein Hoffnungsstrahl erhellte sein Inneres. Aber bald erlosch er. „Den Betroffenen versöhnen? Dann