Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1412 mp oder nv'iv, essen oder sonstige Uebertretungen galten für etwas ganz Ungeheures, wie ich mich noch aus meiner Jugend erinnere, das Vorkommen eines derartigen Falles wurde für ganz unmöglich gehalten. Eine einzige Sabbatentweihung oder nnn nps rtex bildete monatelang das Gerede der Gemeinden. Woher nun in dieser kurzen Zeit diese unglaubliche Verschlechterung im religiösen Leben unserer Nation? Woher diese Entfremdung dem göttlichen Gesetze gegenüber? Ist man weiser geworden? Hat man an dieser Thora bis dahin unbekannte Fehler endeckt? Ist man zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Gebote, die man seit Jahrtausenden für unverbrüchlich hielt, nur Lappalien, unbedeutende Leistungen seien? Hat man Untersuchungen angestellt und haben sich dabei die mosaischen Gesetze als thöricht, ungerecht, schadhaft, dem sozialen Wohl entgegengesetzt herausgestellt? Doch nein; ein Jeder, der mit der nothwendigen Aufmerksamkeit und Sorgfalt sich mit der Gesetzeskunde beschäftigt, Jeder, der die hpo min mit etwas mehr als voreingenommener Gleichgültigkeit betrachtet, wird erkennen müssen, daß alle mosaischen Gebote, ohne Ausnahme, unsere Liebe und Achtung in gleichem Maße wie früher verdienen. Keiner wird leugnen können, daß, seit man ihnen untreu geworden, ein sittlicher Verfall eingetreten ist, ein Zustand, wie ein ähnlicher in Israel während seiner langdauernden Geschichte sich nicht einmal ahnen ließ. Die Verhältnisse haben sich so traurig gestaltet, daß ein jüdisches Blatt die Frage auszuwerfen wagte: „Ist das Judenthum im Niedergange und welche Mittel können den Niedergang aufhalten." Richtiger wäre die Frage, wenn sie das Blatt auf Deutschland und einige umliegenden Länder beschränkt hätte; der Niedergang des Judenthums in den sog. civilisierten Ländern zieht den Niedergang des ganzen Judenthums nicht unbedingt nach sich. Immerhin wie betrübend muß die Lage sein, wenn man es wagt, den Verfall seiner eigenen Nation öffentlich zu besprechen! Und Jeder, der die vorhandenen Zustände, wenn auch mit der geringsten Aufmerksamkeit verfolgt, wird zugeben, daß die beliebte Gesetzeslosigkeit, die überhandnehmende Anarchie nicht die Folge von Weisheitsgründen, von wissenschaftlichen Forschungen auf religiösem Gebiete ist — gar bald würde man in diesem Falle zur Erkenntniß gelangen, daß jede unserer nato noch die gleiche Achtung verdienen wie früher. Es sind die Verhältnisse, von welchen man sich zu diesem Niedergange drängen läßt. Ein jeder Einzelne hat, sobald es auf das Ausüben der Pflichten, auf das Befolg n der religiösen Vorschriften ankommt, das mosaische Wort zur Hand: ,,-w by.s ab Ich kann nicht mehr." Moses war ein Greis, vom Alter gedrückt, dem Tode nahe, als er sich zu diesem Ausruf veranlaßt sah. Jetzt aber hören wir dieses Wort von jungen starken Männern, die dadurch ihre Ohnmacht ausdrücken wollen. Ssw ab Ich kann nicht nrehr diese oder jene mir auferlegte Pflicht erfüllen. Was für ein Zeichen von Muth- und Kraftlosigkeit ist das! Was für ein Armuthszeugniß stellt sich damit das heutige Geschlecht aus. „Ich kann nicht mehr", ruft jeder Einzelne, dessen vermeintliche Interessen oder dessen Gemächlichkeit durch die Erfüllung religöser Gebote Nachtheile zu erleiden scheinen. Was für ein trauriges Zeichen von tiefer moralicher Unzulänglichkeit und Schwäche! Suchen wir das Gesagte näher zu beleuchten. Die min sagt: „rnpn na bxnp' »Ä nspi Die Kinder Israels sollen den Sabbat beobachten, den Sabbat zu Hallen in ihren Geschlechtern, einen ewigen Bund. (Erod. 31, 16.) npyn mp npp. Sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebenten Tag sollst Du feiern. Du darfst keine Arbeit verrichten. Du, Dein Sohn, Deine Tochter, Dein Knecht, Deine Magd, Dein Vieh (Exod. 20, 9). Nicht immer sollst Tu arbeiten. Du sollst einen Tag haben, an dem Du nur Deinen Kindern, Deiner Familie gehörst." So ruft uns die Thora zu. Sollte sie uns vielleicht das Gegentheil zur Aufgabe machen? In sozialer Beziehung hat man schon längst die Nichtigkeit dieses Gesetzes, die Nothwendigkeit eines Rasttags eingesehen. Es giebt überhaupt keine gesetzgebende Versammlung, die sich nicht mit diesem wöchentlichen Ruhetage beschäftigt hätte, um so doch einen Tag in der Woche den Arbeiter seiner Familie zurückzugeben. Und er, der Jude, dem ersten, dein diese Aufgabe gestellt wurde, wie verhält er sich ihr gegenüber? Fragen wir die Metzger „cpe bzz cnmrcn pjo, die überall das erste Wort führen", warum sie am mp ihren Laden geöffnet haben. Sie behaupten, es sei nicht anders möglich, die Kunden wollen Fleisch haben. Früher ging es wohl, aber jetzt: bya >6 ich kann nicht mehr. Der Kaufmann, der sein Geschäft geöffnet hat und seine Arbeit am ms." nicht unterbricht, sagt: Es sind 52 ittop im Jahr, der Ausfall ist zu bedeutend für jetzt, my bya ab ich kann das Geschäft heutzutage nicht mehr schließen. Unsere Männerwelt vom 16. Jahre an, die wir am mp öffentlich rauchend treffen — ein Glück, daß nicht auch Frauen sich diesem Zeitvertreib hingeben — sagt uns auf das warum? frei heraus ub bya ich kann nicht mehr! Ja, sie können nicht mehr von dieser schändlichen Handlungsweise lassen. Und der Reisende, der am mp seine Geschäftsreise sortsetzt, hat auch die gleiche Entschuldigung ab Ts? feix ich kann nicht mehr anders. Der jüdische Kaufherr setzt ja heute seinem jüdischen Reisenden fest, daß er am mp zu arbeiten habe, sonst giebt er