Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXTn. Jahrgang. Imeite BeilageM 73 tes „Israelit". Leitender Artikel. „ny "oin rr> Ich kann nicht mehr." <$itte tBciradituna für rar mtr. Zugleich Behandlung der in einem jüdischen Blatte gestellten Frage über den Niedergang Israels. (Deut. 28. 37. b&ab jtai). Da ging Moses und redete diese Worte zu ganz Israel. Und er sprach zu ihnen: Hundert und zwanzig Jahre bin ich heute alt, ich kann nicht mehr aus- und eingehen, und der Ewige sprach zu mir: Du wirst diesen Jordan nicht überschreiten. Deut. 31. 1. 2. iw vb „Ich kann nicht mehr", so tönt uns der verzweiflungsvolle Ruf des größten der Propheten in dem Abschnitt der heutigen Thora-Vorlesung entgegen. Also Moses, dieser große Mann, der größte und würdigste, den die Menschheit je besessen, wie es die Schrift bezeugt und wie es der Wirklichkeit entspricht; „nrr'22 ti? »oj op «to Es erhebt sich kein Prophet mehr wie Moses", dieser Mann, der Israel von der Knechtschaft befreit, der seinem Volke die schönsten und unvergleichlichsten Gesetze überbracht, der dieses Volk selbst vierzig Jahre hindurch geleitet, gepflegt und genährt hat, auch er muß dem Alter seinen Tribut zahlen, auch bei ihm sehen wir die Kraft schwinden und erlahlnen. ,,-nv by.a sb Ich kann nicht mehr", mit diesem wehmuthsvollen Rufe giebt er uns zu erkennen, daß auch für ihn die Thatkraft geschwunden und erloschen ist, und daß auch er, wie alles Fleisch, an einer bestimmten Altersgrenze angelangt, der Auflösung entgegengeht, rv bsx nd Ich kann nicht mehr. Sollen wir es beklagen, daß auch er, die Zierde seines Volkes, wie alle großen Männer, unter der Last der Jahre erliegen, oder sollen wir es als ein Glück preisen, daß hier vor dem Alter und vor dem Tode alles gleich ist und jeder Unterschied eines Standes aufhört. Doch die Beantwortung dieser Frage ist heute meine Absicht nicht; überlasten wir die Lösung derselben den Philosophen, wir wollen vielmehr den von unserem Gesetzgeber gethanen Ausruf: „Ich kann nicht mehr" in physiologischer Beziehung näher betrachten. Unstreitbar deutet ein solcher Ausspruch aus die Anzeichen einer krankhaften Erscheinung hin. Er läßt auf das Eintreten oder aus das Vorhandensein einer gewissen Schlaffheit, Erlahmung oder Entkräftung schließen. Es ist überhaupt der höchste Ausdruck der Ohnmacht, dieses biblische, hier von Moses angewandte Wort: „Ich kann nicht mehr." Wer hat wohl in seinem Leben diesen Ausruf noch nicht gehört, ja nicht selbst gethan. Der Arbeiter hält in seiner Thätigkeit inne, der ermattete Wanderer auf seinem Wege mit dem Rufe: „Ich kann nicht mehr." Der durch Leiden, durch eine Krankheit in seiner Thätigkeit Gehemmte sagt: Ich kann nicht mehr. Bei jeder Ueberanstrengung, bei jeder Ermüdung, immer ist dies das Merkmal des Schwindens der Kräfte. Diesem Ausruf: „Ich kann nicht mehr" begegnen wir auf jedem Gebiet der menschlichen Thätigkeit, in jeder Lage. Leider vernehmen wir ihn auch — nur zuviel — auf religiösem Gebiete. Lenken wir denn unsere Aufmerksamkeit auf diese unglückliche Erscheinung, die, wie man ersehen wird, das ganze religiöse Leben untergräbt und zerstört und die Besprechung unseres Verfalls zu einer Preisfrage macht. r.«m. In einen! Midrasch findet sich folgende Erzählung: Ein jüdischer Gelehrter, wurde einst von einem römischen Kaiser gefragt: „Was hat eigentlich Moses als Regent so Großes gewirkt, daß Ihr ihn noch nach seinem Tode so hoch schätzt V" — „Er hat Gesetze gegeben". —• „Das thue ich auch", entgegnete der Kaiser, „folglich gebührt mir die gleiche Hochachtung." „Aber Moses Gesetze werden von seinem Volke befolgt." — „Die meinigen auch" — „Nun, so versuche es einmal, ob deinen Verordnungen in gleicher Weise Folge geleistet wird. Moses hat uns z. B. vor Jahrhunderten den rav gegeben und uns untersagt, an diesem Tage Feuer anzuzünden. Diesem Gebote kommt man heute noch mit der größten Gewissenhaftigkeit nach; es giebt wohl kein jüdisches Haus, in dem an diesem Tage Feuer angezündet wird. Würde ein gleiches Verbot von dir ebenso befolgt werden? Schwerlich." Der Kaiser untersagte nun jegliches Feueranzünder! in der Hauptstadt für 3 Tage. Am ersten Abend bestiegen beide einen hohen Turm, um zu sehen, inwiefern das kaiserliche Gebot befolgt würde. Aber, o Ueberraschung, bald hier, bald dort in den Häusern sahen sie wie Lichter angezündet oder bewegt wurden. Des Kaisers Gebot blieb also unerfüllt. „Siehst du," sagte der Gelehrte, „daß du Moses nicht gleichkommst. Deine Gebote werden schon am ersten Tage übertreten, während die Mosaischen Gesetze heute noch, nach so vielen Jahren, auf das Pünktlichste befolgt werden." Wie Vieles hat sich seitdem verändert! Daß es kein jüdisches Haus giebt, in dem nicht pünktlich der rctr gehalten wird, wird Keiner mehr zu behaupten wagen. Ebenso verhält es sich mit unseren übrigen Geboten. Und doch, vor einem halben Jahrhundert noch wurde Moses' heilige Thora treu und pünktlich von der Gesammtheit Israels befolgt. Ein