Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1396 Betrachtung der Ziele als der angewandten Mittel stellt sich diese Bezeichnung als ein weitgehender Euphemismus dar. Denn wo in aller Welt wurde bei denjenigen Maßnahmen, die man mit diesem Namen bezeichnet^ versucht oder auch nur beabsichtigt, den Bekenner:: der Konfession, gegen die die Maigesetze gerichtet waren, die religiöse Erziehung und Bildung ihrer Kinder in ihrem Bekenntnisse unmöglich zu machen, sie thatsächlich zu zwingen, ihre Kinder an einem ihrer Konfession entgegengesetzten Unterricht theilnehmen zu lassen, geschweige denn, sie daran zu hindern, sich aus ihre eigene Kosten diejenigen religiösen Institutionen herzustellen, deren sie nach ihrer religiöser: Ueberzeugung bedürfen? Welch ein Schrei der Empörung über solch' unerhörten Gewissenszwang würde sich da rutt Recht erhoben Haber:! Und doch ist mit diesen Zügen ganz genau der jammervolle Zustand gezeichnet, in dem die gesetzestreuen Juden unter der Gewaltherrschaft eines rücksichtslosen Fanatisn:us ein halbes Jahrhundert zu schmachten hatten. Der damalige Vorstand — in dieser Beziehung herrschte trotz des Wechsels der Personen eine vollständige Eontinuität — war von der unerschütterlichen Ueberzeugung erfüllt, das gesetzestreue oder Talmudjudenthum sei der Inbegriff aller Unkultur, aller Rohheit, kurz alles Verderblichen. Er theilte in dieser Beziehung den Standpunkt unserer Antisemiten striktester Observanz. Und darun: begann er einen schonungslosen Vernichtungskampf gegen es. Er erkannte richtig, daß man ihm nur beikommen könne, wenn mal: Sorge trage, daß die Jugend in Unkenntnis; desselben heranwachse, oder vielmehr, wenn man es ihr von vornhereii: nur in derjenigen Beleuchtung zeige, die ihn: teilte Todfeinde zu geben beliebten. Danach wurde denn auch verfahren. Die im Jahre 1804 gegründete Gemeindeschule, das Philanthropin, machte durch den im Sinne der entschiedensten Neforn: ertheilten Religionsunterricht, sowie durch "die ganze erziehliche und vorbildliche Einwirkung eifrigst und erfolgreich Propaganda für den Abfall von: Gottesgesetze. Das entsprach allerdings den Wünschen derjenigen Gemeindeglieder, die bereits auf diesem Standpunkt standen. Es drückte a::ch nicht schwer die Indifferenten, wenngleich viele derselben eine tveniger radikale Richtung vorgezogen hätten. Den schwersten Gewissensdruck aber bereitete es den gesetzestreuen Eltern, die zum großen Theilc sich genöthigt sahen, auch ihre Kinder dieser Schule altzuvertrauen und die mit tiefem Schmerze die verderblichen Folgen dieser Einwirkung auch auf ihre Kinder wahrnehmen mußten. Für die Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses in der Erziehung ihrer Kinder wurde nicht nur nicht gesorgt, sondern durch Maßnahmen des Vorstandes die religiöse Ausbildung ihrer Kinder ihnen geradezu unmöglich gemacht. Einen Augenblick freilich schien ihnen Erlösung zu winken. Im Jahre 1818*) nämlich bestimmte das Gemeindenülglied Model Schn st e r, gesegnet sei sein Andenken! ein bedeutendes Kapital zur Gründung einer UntLrrichtsanstalt, in der Talmud in Verbindung mit den Gegenständen der allgemeinen Bildung gelehrt werden sollte. Das Geld war bereits in Händen Dritter deponiert. Sie hatten jedoch zu früh aufgeathmet. Sie hatten mit den: Fanatismus des Vorstandes nicht gerechnet! Derselbe besaß das Ohr des Delegierten des Senates, der eigentlich auch seinen Sitzungen beiwohnen sollte, und seinen Anschwärzungen des Talmuds gelang es, die St i ft u n g z u h i n t e r t r e : b e n. Der großherzige Stifter Halle bereits bei Lebzeiten in seinem Hause fein edles Vorhaben zu verwirklichen gesucht und bereits Lehrer für Talnuld und andere Fächer angestellt. Da rief der Vorstand die S t a a t s g e w a l t ai:, um dieses „w e n: g E r s p r i e ßl ich es für d ie Erziehung der Iugend v er sprechende Institut" (sie!) zu unterdrücken! — Sie schütteln unglänblich den Kopf und frage::, ob es denn möglich sei, daß der Vorstand einer jüdischen Gemeinde, der altehrwiirdigen Frankfurter Gemeinde, solches that? Sie fordern Beweise - Die liegen aktenmäßig vor. Hören nur den Vorstand selbst, wie er sich dieser That noch zwanzig Jahre später rühmt. In: Jahre 1838 erzählt er selbst in einem an den damaligen Senatskommissär gerichteten Schriftstücke: „Im Jahre 1818 fanden sic — (die Gemeindeglieder, die der Jugendbildnng eine ihren religiösen Ueberzeugnngen entsprechende Richtung geben wollten!) — in dem verstorbenen Geineindegliede M o d e l Schuster einen eifrigen Beförderer ihrer Pläne. Derselbe bestimmte in seinen: damals errichteten Testamente ein ansehnliches Stifttlngseapital von 50,000 — 60,000 fl. für eine Talmudschule, und suchte noch bei seinen Lebzeiten seine Stiftung in seinem Hause in Gang zu bringen. Er beschränkte sich hierbei nicht aus den Talmud, sondern engagierte auch Lehrer für andere Fächer. In weiser Fürsorge f ü r das Wohl u n s c r c r Gemeinde, sahen sich Ew. .Hochwohlgeboren hierdurch bewogen, über dieses beabsichtigte, wenig Ersprießliches für die *) Wir entnehmen die im Folgenden enthaltenen thalsächlichen Angaben einer im Jahre 1854 erschienenen, nach den Akten gearbeiteten Schrift: „Die Religion im Bunde mit dem Fortschritt. Von einem Schwarzen." Auf die Veranlassung zu dieser hochinteressanten Schrift, die, wie alle das Verhältnis der Retigionsgesellschaft zur Israelitischen Gemeinde betreffenden Denkschriften, der Feder Samson Raphael Hirschs entstainmt, kommen wir wohl noch kurz zurück.