Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 71-72 (3.9.1896)
- Date
- 1896-09-03
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1389 der eine des Sonntags 'rüber kommen und predigen, der andre sein Lädlein durch's Dorf tragen, das ist unsere Meinung, Punktum, Jud'." Und Salomon verneigte sich und schob sich mit seinem sich immer gleichbleibenden Lächeln rückwärts zur Thüre hinaus, „nichts für ungut, nichts für ungut", murmelnd. Aber so schweren Herzens wie diesmal hatte er noch nie des Bürgermeisters Schwelle überschritten; er mußte nun der Braut das Warten plausibel machen, und sie war ein junges eigensinniges Mädchen, das durchaus wollte, daß er sich in dem Städtchen niederließ. Den langen Kampf endigte er mit der Erklärung: „Von meinem Geschäft laß' ich nicht, so lang' ich leb' — und sie: „Und ich wart' nicht länger als ein Jahr." Das Jahr ging herum, auch ein zweites, drittes und viertes. Die beiden handelten noch immer miteinander. „Salomon, ich wart' nimmer." „Ich rath' Dir, wart', sonst reut Dich'S!" Und die frischen Wangen des Mädchens blaßten allmählich ab, ihre Jugend schwand dahin, und es fing an, ein wenig lächerlich zu werden, sie noch immer behaupten zu hören: „Salomon, ich wart' nimmer." Er aber fuhr mit heiligem Eifer fort, sie mit den denkbar triftigsten Gründen zu beruhigen, sich also bald bei ihr, bald bei dem Bürgermeister in Beredsamkeit erschöpfend: auf seinen Wanderungen aber suchte er die Beweise zusammen, welche das Herz des Bürgermeisters zu seinen Gunsten, das der Braut zum Warten bewegen sollten. An einem schönen, warmen Frühlingstag war's, als Salomon zum ersten Mal ein Gefühl von Müdigkeit auf seinen Wanderungen befiel. Also ließ er sich am Ufer eines kleinen Weihers nieder, drin sich die Sonne spiegelte. Und Salomon blickte in das stille Gewäsier; plötzlich riß er die Augen weit auf, fuhr zurück, schaute wieder hinein, schaute von rechts, schaute von links — keine Täuschung — sein Ziegenbärtchen war grau. „Gott der Herr!" stöhnte er auf, „ich bin geworden ein alter Mann und hab's nicht gemerkt." Als er gegen Abend im Ort ankam, schritt er einher wie rin müder hoffnungsloser Greis; aus alter Gewohnheit lenkte er die Schritte nach dem Wirthshaus des Bürgermeisters, blieb jedoch plötzlich stehen, die Worte murmelnd: „Was nutzt's — was hat's genutzt —" kaum hatte er jedoch ein paar Schritte weiter gethan, reute es ihn wieder, und kehrte er um. Dies wiederholte er etliche Male, und der Hund des Bürgermeisters saß vor der HauSthüre und beobachtete des Juden Gebühren mit kritisch-argwöhnischem Blick. Dieser Hund, ein häßliches, bösartiges Thier, war der Schrecken des ganzen Ortes; da jedoch der Bürgermeister viel auf seinen ruppigen Köter' hielt, so duldete man diesen und hütete sich, in seine Nähe zu kommen. Als Salomon eben zum vierten Mal zum Haus zurückkehrt, war auch der Hund zu einem Einschluß gekommen, sprang auf den Hausirer los, riß ihm ,den Rock vom Leib und zerfetzte ihm die Hose. Salomon schrie laut auf, worauf der Bürgermeister am Fenster erschien und den Hund voll Zorn hereinrief. Kopfhängend verfügte sich das Thier ins Haus und kauerte sich demüthig zu den Füßen feines Herrn nieder; Salomon war ihm gefolgt. „Was hast du gemacht?" fuhr der Bürgermeister seinen Hund an, indem er ihm einen Tritt versetzte, „muß ich denn alle Tage eine Schandthat von dir hören!" „Er ist ein Glückspilz," meinte Salomon, mit seinem halb listigen, halb rührenden Lächeln nach dem Hunde blickend, „er ist kein Jud' — also baf er getrost die Leut' beißen, ihre Kleider zersetzen;" ihre Haut schürfen und ihre Gans und Kinder vek-. lagen — ich — muß mich öuckktt And bücken, 'AM wenn auf mich niederpraffelt der Hohn und Schimpf wie Hagelkörner, ich darf mir nicht erlauben zu schreien — au! Ich Hab' die Mütz' aufzuheben; die der Krüppel vom Dorf ' vor mich hinwirff^ und mich kleinzu stellen vor ihm •— dafür bin ich ein Jüd'. —- Wenn der HstnW aber draußen steht und ist ausgeschlossen -aus ' Versehen, und es bricht ein die Nacht, haß er winselt und heult und an der Thür scharrt — steht nicht auf der Knecht oder die Magd, die Frau oder gar der Herr Bürgermeister selbst, um dem Hund zu offenen das Thor? — Wenn aber ich winsle und klopfe — ein heimathloser Mann — und ruf' fast ein halb Jahrhundert lang: „Macht mir auf — laßt mich eintreten in die Gemeinschaft der Menschen! — wer steht auf, um mich einzulaffen? Der Knecht nicht und die Magd nicht — und die Frau und der Herr Bürgermeister auch nicht weil ich bin ein Jud'! Js er nicht ein Glückspilz, der Hund?" Salomon hatte gesprochen, ohne die Stimme zu erhöhen und schaute jetzt den Bürgermeister mit dem alten, demuthsoollen Lächeln an. Dieser hatte sich in all den Jahren nie Gedanken gemacht Mer den Jammer des Juden; in dieser einen Stunde jedoch fiel's ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah /; mit Entsetzen in einen Abgrund schreienden Elends, schreiender Ungerechtigkeit.