Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 71-72 (3.9.1896)
- Date
- 1896-09-03
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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i§88 sein Holz umsonst aus dem Walde hole» durfte, ein Stück Wiesenlandes zum Abmähen erhielt und zu Neujahr zwölf Gulden aus der Gemeindekasse. Allein hier ebensowenig als in den übrigen Dörfern des Bezirks wollte man den Juden haben, welcher mit zäher Kraft an seinem Ziele festhaltend, nicht aufhörte zu bitten und zu betteln, bis ihn der Tod eines TageS auf seiner Wanderschaft ereilte. Salomvn fuhr den Vater in ein entferntes Städtchen, allwo den Juden eine Ecke in der Mutter Erde angewiesen war, und trieb alsdann das Geschäft allein weiter. Er trug ein Ziegenbärtchen, und wenn er lachte, nahm sein Mund von der ganzen Breite seines Gesichtes Besitz, was ihn durchaus nicht verschönerte; nichtsdestoweniger hörte er nie auf zu lächeln, um die Menschen für sich einzunehmen; denn was der Vater nicht erreicht, wollte er erreichen. Also wanderte er von Ort zu Ort, handelte mit seinen Spitzen, Broschen und Schmucknadeln und kehrte bei den Bürgermeistern ein, um es ihnen mit demüthiger Beredsamkeit plausibel zu machen, daß er doch auch ein Mensche also lieber in Gemeinschaft mit Menschen, als avseits in einem Hüttlein hause, das weder zum Dorfe rechts, noch zum Dorfe links gehöre. Jndeß mit der Zeit wurde -die.Zungenfertigkeit des nie von seinem Thema ablassenden Inden den Herren Bürgermeistern zuwider keiner ließ sich mehr m der. Wirthsstube blicken, sobald der Hausirer erschien. Nur einer machte eine Ausnahme — just der Bürgermeister des gesegneten Thales; er hatte Zeit übrige die-Leute seiner Gemeinde machten ihm wenig zu schaffen,, indem sie fröhlich und bchggjich dahin lebten, den lieben Gott einen guten Mann'sein ließen und schließlich mit Fettbäuchlein aus der Welt schieden. Also war dem Bürgermeister die Ankunst des Hausirers allemal eine willkommene Zerstreuung; es nahm ihn wunder, was er Neues Vorbringen mochte, und obgleich er auf Salomons Bitten stets die gleiche Antwort gab: „Jud', das rührt mich nit", so war sein Herz doch von warmer Liebe für seine Mitmenschen erfüllt, deren ganze Zuneigung er besaß. Nur war der Jude für die Ortsbewohner eben kein Mitmensch; sie glaubten eben immer noch, daß er den Stifter der christlichen Religion ans Kreuz geschlagen und wer's ihn büßen lasse« konnte, der that'S. Und der Bürgermeister ragte durchaus nichts über die Anschauung seiner Zeit hinaus; er blieb, so oft ihm der Jude etwas vorlamentirte, gerade so ungerührt, wie's vor nicht zwei Jahrhunderten die Herren Richter angesichts der ihre Unschuld betheuernden Hexen geblieben waren. Wenn jedoch ein paar Tage über die Zeit hingingen, in der Salömon zu erscheinen pflegte, streckte der BÜrgermeiM alle Augenblick den Kopf zum Fenster seiner MrtySflube hinaus, ungeduldig vor sich hin murmelnd: „Wo bleibt er denn, der Maulaff', das Fratzengesicht, der Judassohn?" Mit derselben Sehnsucht war er auch Heuer wieder erwartet worden. Freilich, als Salomon eintrat, zaghaft, mit gekrümmten Rücken, that der Bürgermeister ganz so, als käme ihm nichts auf der Welt ungelegener. „Potz Hagel und Stroh, da ist Er ja schon wieder, ja, was will Er denn, glaubt Er vielleicht, ich Hab' nichts zu thun, als Seine Jeremiaden anzuhören! Er denkt wohl gar, ich sei ganz allein für Ihn auf der Welt!" „Nichts denk' ich", versicherte Salomon, betheuernd die Hand auf's Herz legend, „wo werd' ich mir erlauben, was zu denken, wenn's dem Herrn Bürgermeister kommt ungelegen." „Ungelegen kommt mir der ganze Kerl", fuhr ihm jener ins Wort, „Tagedieb, Er, mit der geschmierten Zung, 'raus, 'raus, und mach' Er's kurz, was in des Teufels Namen hat Er sich schon wieder ausgesonnen?" Salomon schluckte ein paarmal; seine sonst blassen Wangen waren heute geröthet, seine Augen glitzerten. „Mag es der Herr Bürgermeister nicht übelnehmen, weil es steht geschrieben in der heiligen Schrift: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und also Hab' ich mich umgethan und Hab sie gefunden, schön ist sie auch und sparsam, daß es eine Lust wär', zu führen 'ne Wirthschaft und Kinder zu erziehen in der Furcht vor Gott und vor allzu großen Unkosten, mit einem Lädchen, auf daß die geehrte Einwohnerschaft hätt' ihre Freud' an der prächtigen Auslag' und Billigkeit der Waar', 's fehlt nur die Ortschaft." „Was der Kerl für Geschichten erzählt", fuhr der Bürgermeister auf, der nie gröber that, als wenn er sich innerlich recht ergötzte, „und da soll man hinstehen und eine Geduld haben wie der heilige Hiob, als ob einem die Popp was anging! Ei, so heirath' Er sie doch, und zieh' er in Gottes Namen nach Jerusalem, und laß er uns fürderhin ungeschoren!" Salomon schüttelte das Haupt. „Mein Geschäft laß' ich nicht, nicht daß ich nlir's erlaub', zu hoffen, oder gedenk' zu verdienen die Ehr' mir zu gründen 'ne Heimath in einer Gemeind' von so großem Ruf, ich spekulier' auf was anderes als auf mein Unwerth, ich spekulier' auf die christliche Barmherzigkeit; denn wär's nicht 'ne herrliche Gelegenheit der Barmherzigkein, einem Ausgestoßenen zu sagen: Gehör' zur Gemeind' und sei ’it gemachter Mann?!" „Das glaub' ich", lachte der Bürgermeister, „aber das rührt mich nit, wir wollen ebensowenig einen Pfarrer als einen Juden im Ort haben; mag