Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 71-72 (3.9.1896)
- Date
- 1896-09-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1366 auf eine so hohe Stufe der Cultur, daß mancher der Großgrundbesitzer, welche in der Tivoli-Versammlung den Slab über jüdische Landwirthe gebrochen haben, von ihm hätten lernen können. Auch die treue Anhänglichkeit und Hingabe seiner zahlreichen Beamten und Arbeiter könnte diesen Herren zu denken geben. Mitten aus dieser dem Edelsten und Schönsten im Leben zugewandten Wirksamkeit hat jäh und unerwartet ein vorzeitiger Tod den Sechsundsechzigjährigen herausgerissen, und kein Wunder, daß die Schmerzenskunde überall, wohin sie drang, aufrichtige, tiefgehende Trauer geweckt hat. teum. Königsberg, 31. Aug. Beim Festessen zur Synagogenfeier sprach Herr Bürgermeister Brinkmann nach der „Hartungschen Ztg." ungefähr Folgendes: Es sei gewisse rmaßen eine wilde Zeit, m welcher wir heute lebten. Längst verrottete, aber tief eingewurzelte Anschauungen, wagen sich wieder an das Tageslicht. Falscde Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen besseren und aufgeklärteren Meinungen. Ja, eanze Stände und ganze Bevölkerungsklassen werden aufgerufen zum Kampf des einen Standes gegen den anderen, der einen Klasse gegen alle anderen Klassen. Vergessen sind die Lehren und Erfahrungen früherer Zeiten Der große Prcußcnkvnig Friedrich II. scheint umsonst gelebt und Lessing seinen Nathan umsonst geschrieben zu haben. Man glaubt zu träumen, wenn man sich daran erinnert, daß wir an der Schwelle des 20 Jahrhunderts stehen. Da will mir der heutige Tag wie das Aufleuchten einer besseren Zeit erscheinen. Wenn cs nämlich richtig ist, daß wahre Religiosität nichts anderes ist als das Streben nach lauterer Wahrheit, dann hat die hiesige Synagogengemeinde nach lauterer Wahrheit gestrebt, als sie den Bau ihres neuen Tempels in Angriff nahm. Denn sie hat die Religiosität ihrer Mitglieder fördern wollen. Und dann ist mit der heutigen Einweihung von ihr ein Sieg errungen, der die Mitglieder der Gemeinde die Unbill der Zeiten und der Menschen wohl vergessen lassen kann Desbalb gereicht es mir zur ganz besonderen Freude, als Mitvertreter der städtischen Behörden dazu berufen zu sein, der Synagogengemeinde in dem wohlgelungenen Werk von Herzen Glück zu wünschen. Mit noch mehr Stolz aber möchte ich behaupten, daß an Ihrem Feste die gesamte Königsberger Bürgerschaft freudigen Antheil nimmt. Denn gehobenen Hauptes und Ihrer Zustimmung sicher darf ich es wohl aussprechcn: Hier in Königsberg leben die Bekenner aller Religionen und aller Konfessionen in Frieden und Eintracht miteinander. Daß dem aber so ist, daran hat auch die hiesige jüdische Bevölkerung selbst kein ganz geringes Verdienst. Nur einiges sei mir in dieser Beziehung auszuführen gestattet. Darf ich beginnen mit dem, was mir zunächst liegt, so muß ich rühmend und dankend anerkennen die thätige und aufopfernde Mitarbeit unserer israelitischen Mitbürger nicht blos in der städtischen Verwaltung, sondern überhaupt in allen öffentlichen Angelegenheiten. Diut ungern und gewiß zum Schaden der Gesamtheit würden wir missen die Anhänger des mosaischen Glaubens in unserer Stadtverordnetenversammlung, in unserem Magistratskollegium, in den vielerlei Kommissionen und Deputationen, in den städtischen und sonstigen Ehrenämtern. Und so manches schöne und gute Werk wäre unterblieben oder nur doch halb gediehen, wenn nicht unsere jüdischen Mitbürger mit Rath und That mitgeholfen hätten und noch mithelscn würden. Wie wenig beanspruchen sie selbst dagegen fremde Beihilfe! Keine besonderen Privilegien verlangen sie, keine Rechte, die nicht auch jedem anderen Bürger bereitwillig gewährt werden. Und sehe ich die Liste derer durch, welche aus städtischen Mitteln Unterstützung beziehen, so muß ich eingestehen, daß unsere jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen von der Armenpflege nur wenig Nutzen haben. Nicht daß ich meinte, Armut käme bei ihnen überhaupt nicht vor! Aber stärker als anderswo wirken bei ihnen die Bande der Familienzusammengehörigkeit und der Freundschaft, groß und bewundernswerth ist ihre Gatten- und Kindesliebe, und mancher glaubenseifriger Christ könnte sich hierin an ihnen ein Vorbild nehmen. Wer endlich Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie häufig gerade die Herzen und Hände der Juden sich öffnen, um auch fremde Noth zu lindern oder um segensreiche Einrichtungen für das Gemeinwohl zu fördern, der wird gern das Wort unseres Kaisers unterschreiben, daß christlich-social eigentlich ein Unding ist Ist dock in der That Wohlthätigkcit wie überhaupt jede edle Gesinnung keiner einzigen Religionsgemeinschaft allein eigenlhümlich! Empfänglich für jede Weiterentwickelung des Menschengeschlechts, erglüht für Kunst und Wissenschaft, erfüllt von wahrer und echter Humanität, dabei folgsam den Staatsgesetzen und königstreu, so steht nicht bloß vor meinem Geiste derselbe Jude, den inan ehemals verbrannte und dem heute nur noch verblendete Fanatiker seine Rechte kürzen wollen, so muß er allen erscheinen, die nur gerecht sein wollen. Und wenn einmal dereinst, vielleicht erst nach Jahrhunderten, die Gegensätze der Religionen und der Konfessionen sich derart ausgeglichen haben werden, daß der Mensch nur noch nach seinem inneren Werthe geschätzt und bcurtheilt wird, alle anderen Unterschiede dagegen bedeutungslos geworden sein werden, wenn das Menschenthum diesen Triumph erleben wird — dann wird, so hoffe ich, bei der Feier dieses Triumphes die Königsbergcr Synagogengemeinde nicht unbetheiligt bei Seite stehen wollen. In diesem Sinne weihe ich mein Glas der Königsberger Synagogengemeinde und allen ihren Mitgliedern. Die Synagogengemeinde lebe hoch! Herr Professor Dr. Samuel verlas hierauf ein eingelaufenes lateinisches Telegramm des Herrn Probst Szadowsky von der hiesigen katholischen Gemeinde, in dem derselbe der Synagogengemeinde im neuen Gebäude Heil und Segen wünscht. Merzig a. d. Saar, 28. August. Ein Fest bisher seltener Art wurde kürzlich hierselbft gefeiert. Der hiesige Synagogen-Chor (Männer und Knaben) beging *b das Fest seines 50jährigen Bestehens. Gegründet unter der Aegide des rühmlichst bekannten ranye ntw: '*i, stand der Chor 38 Jahre unter Führung seines vor 4 Jahren verstorbenen Schwiegersohnes, Herrn Godcheaux Schnerb Varr, dessen wahrhaft hervorragende Eigenschaften als s-isd. pn und als Mensch s. Z. in diesen Blättern eingehend gewürdigt wurden. Seit dieser Zeit füllt ein Sohn desselben, Herr Jsaac Schnerb, den Dirigentenposten aus, und zwar auf der ihm überlieferten streng orthodoxen Basis und in einer Weise, von der die jüngst stattgehabten Feierlichkeiten ein glänzendes Zeugniß ablegen. Von Nah llnd Fern strömten am Freitag, den 14. August die Gäste herbei und versammelten sich um 6 Uhr in der festlich geschmückten Synagoge, wo die Feier mit einer Lewandowsky'schen Composition: 'zrc N2 gesungen vom Synagogen-Chor ihren Anfang