Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-09-03 · Heft 71-72 (3.9.1896) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 71-72 (3.9.1896)
Date
1896-09-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448675--42432-2491436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1364 kaltblütig eine kleine Schwenkung. Der Panegyriker von gestern wurde im Handumdrehen zum Pamphletisten von heute. Der Zweck heiligt das Mittel. Die Schmähungen Samson Raphael Hirschs sind ja nur das Vehikel zum Lockrufe für die Mitglieder der Religionsgesellschaft. Bei den Aelteren, mit der Geschichte der Religionsgesellschaft Vertrauten, ist freilich der Versuch völlig aussichtslos, darüber gibt sich sicher Niemand einer Täuschung hin. Allein bei den Jüngeren, und vor Allem, bei den von auswärts Zugezogenen, denen die einzelnen Stadien der Entstehung und Entwickelung unbekannt sind, ist, so mochte man denken, doch nicht jeder Versuch vergeblich. Dazu kommt, daß seit Jahren durch systematische Entstellung die Erkenntniß der wirklichen Verhältnisse planmäßig verdunkelt wurde und zur Herstellung der Einsicht in die wichtigen, grundlegenden und ausschlaggebenden Momente ihrer Geschichte nichts Genügendes geschehen ist. Dieses Beginnen in solchem Augenblicke klarzustellen und diesen Versuch der Unterminirung und Abbröckelung für die Zukunft festzuhalten, ist der Zweck dieser Zeilen, und nur unter diesem Gesichtspunkte dürfen wir, ohne der dem Andenken des großen Verewigten Vin schuldigen Verehrung zuwiderzuhandeln, zugleich die Frivolität der gegen ihn geschleuderten Verunglimpfungen, die übrigens durchaus nicht neu, vielmehr gute alte Bekannte sind, mit einigen Worten beleuchten. Dadurch, daß die erwartete Veränderung inzwischen nicht eingetreten ist, verlieren diese zur Signalisirung der Gefahr und deßhalb zur Klarstellung der geschichtlichen Basis der Religionsgesellschaft bestimmten Darlegungen in keiner Weise an Actualität. Heben wir zunächst den absonderlichen Einsall hervor, die „Orthodoxie in Frankfurt" eine „Patrieierorthodoxie" zu nennen. Die Religionsgesellschaft wird damit als eine „Patrieiergemeinde" umworben und es wird an dieses Kosewort anknüpfend sodann in behaglicher Breite ausgeführt, wie ihr feiner Patriciergeschmack, der ein Faible für das mit Eleganz gepaarte Alterthümliche nicht verleugnen konnte, den eigentlichen Regulator für die Orthodoxie eines Samson Raphael Hirsch gebildet habe. Die Hauptsache in der ganzen Diatribe ist die scheinbar beiläufig als bekannte Thatsache hingeworfene Behauptung, daß die Religionsgesellschaft ihre ganze Berechtigung nur davon herleite, daß die große Gemeinde alte Gebete abgeschafft und die Orgel eingeführt habe, und daß nur Samson Raphael Hirschs Sorge wegen einer Gefährdung des Bestandes der Religionsgesellschaft ihn gehindert habe, die spätere Bereitwilligkeit des Vorstandes der großen Gemeinde, auch dem Bedürfnisse der Orthodoxen entsprechende Einrichtungen herzustellen, gebührend zu würdigen. Das weitere ergiebt sich von selbst. Da nun jetzt die gewaltige Persönlichkeit, deren Zauber einst die Gemeinde beherrschte, nicht mehr zu fürchten ist, da die Lippen geschlossen sind, die es verstanden, mit logischer Schärfe jede Verhüllung der Wahrheit zil zerreißen und jede täuschende, mit Schlagwörtern agirende Sophistik unerbittlich zu zergliedern, so hält man es an der Zeit, alte verrostete Pfeile wieder hervorzusuchen, um zuerst diesen Heros des gcsetzestreuen Judenthums seines angeblich falschen Nimbus zu entkleiden, sein Wirken als Vertretung selbstischen Interesses und seine Werke als Ausgeburtelt eiltes in grundlosem Subjeetivismus und eitler Rechthaberei befangenen unwissenschaftlichen Sinnes hinzustellen. Dann werden, so hofft man, doch sicher seiner gläubigen Heerde, dieser „Patrieiergemeinde", die Augen aufgehen, sie werdeit erkennen, wie sie sich so lange haben blenden lassen und werden — der „L>eparatgemeinde" den Rücken kehren ulld im Schoße der Hauptgemeindc, die ja so bereitwillig für die Orthodoxen sorgt, ihre volle Befriedigung ftubcit. Wenn nun auch die Schule, in der unsere Söhne und Töchter zu bewußten Jllden und Jüdinnen herangebildet werden, immer das Fundament unserer Religionsgesellschaft bleiben wird, und man im Hinblick auf sie gewisse Träume, wie sie den Aspirationen des Anonymus zu Grunde liegen, ltur auszudenken braucht, um sie als Schäume zu erkennen, so halten wir es doch an der Zeit, der obigen Behauptung eutgegenzutreten und zu fragen: War es wirklich die Abschaffuilg einiger „alten Gebete" lind die Einführung der Orgel in die Synagoge, was die Gründung der „Separatgemeinde" veranlagte unb wovon sie die Berechtigung ihrer Existenz herleitet V Nicht mehr und nicht lveniger als einen Vernichtungskrieg hatte in den der Gründung der Religionsgesellschast vorangehenden Jahrzehnten der damalige Vorstand der Israelitischen Gemeinde gegen das gesetzestreue Judenthum in Frankfurt geführt, einen Krieg, in denl er auch vor offener Vergewaltigung nicht zurückschreckte. Wenn wir durch beharrliche Verdunkelung dieser Thatsache genöthigt sind, wenigstens einzelne dieser Maßnah,neu anzuführen, so wollen wir zuvor unserer Ueberzeugung Ausdruck geben, daß die unglaubliche Intoleranz, die diese Maßnahmen dietirte, und die gehässige Religionsverfolguug, als die sie sich darstellen, von unseren andersdenkenden Brüdern gegenwärtig ganz ebenso scharfvcrurtheilt werden, wie von uils. Wir gehen noch einen Schritt weiter und sagen: sie wurden auch von dem Gros der damaligen Gentciudeglieder keineswegs gebilligt. Die Gemeinde war aber damals mundtodt. Der langeZeit in ungesetzlicher Weise sich selbst ergänzende Vorstand war und blieb allmächtig. Und wenn wir jetzt diese der Geschichte angehörenden Thatsachen in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.