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Der Israelit · 1896-08-31 · Heft 70 (31.8.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 70 (31.8.1896)
Date
1896-08-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTTL Jahrgang. Beilage zu J\g 70 des „Israelit". Leitettder Artikel. Ci» StimtnunosöUö aus Ort fiaifetftnöt. *) Wietl, im August. Offen gestanden, wir sind in der Kirchengeschichte llicht sehr bewandert, aber soviel wissen wir doch, daß Menschenverhetzungen in keinem Kapitel derselben anbefohlen oder gerechtfertigt werden. Um so befremdlicher muß jeder wahrhafte Christ auf das Treiben jener geistlichen Herren blicken, für die das Haupt gebot des Christenthums, „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", gar nicht zu existiren scheint. Wer Gelegenheit gehabt hat, einer der vielen öffentlichen Versammlungen und auch Predigten in einzelnen Kirchen anzuwohnen, in welchen die Herren P. P. Scheicher, Latschka, Schnabl, Deckert re. gesprochen oder gepredigt haben, der mußte sich verwundert fragen: „Ja, ist denn das ein katholischer Priester, der da spricht?" Statt Worte der Liebe, hört man ja nur Worte des Haffes, Worte, die leicht zur Störung des Bürgerfriedens, zu Raub und Mord, zur Anarchie führen können. Weml unser roher, unwissender Pöbel einen Geistlichen in einer derartig aufreizenden Weise sprechell hört, muß er sich da nicht für berechtigt halten, mit roher Gewalt gegen diejenigen vorzugehen, die aus Priesters Mund sozusagen für vogelfrei erklärt werden. In Oesterreich haben alle gesetzlich anerkannten Religions-Genossenschaften gleiche Rechte; der Staat selbst gewährleistet ihnen dieselben. Wie kommt nun ein katholischer Priester dazu, oder vielmehr, wer gibt ihm das Recht, die Kinder der katholischen Kirche aufznhetzen gegeii die Angehörigen des Judenthums? Wer hat ihm erlaubt, Unfrieden zu stiften, sich an der unchristlichen Judenhetzerei zu betheiligen durch Wort und Thai? O du weitverbreitetes Christenthum, wie geschändet wirst du von einigen derjenigen, die nur berufen sind, das Wort Gottes zu verkünden! Wenn wir in so mancher trüben Stunde darüber irachdenken, wie zerfahren es seit Jahren in unserer Kaiserstadt ist, wenn wir Vergleiche zwischen einst und jetzt aufstellen, da wird uns so bang und weh unr's Herz. Wir fühlen uns so frernd, es kommt uns vor, als ob wir durch irgend einen Zauberspruch O Wir entnehmen dieses Wiener Stimmungsbild der ersten Nummer des soeben wieder neu erstandenen Wiener Freien Blattes, hoffend, daß es dem wackeren Kämpen für Recht und Freiheit diesmal besser gelingen werde, fick in den maßgebenden Kreisen Eingang zu verschaffen. Herausgeber wie der größte Theil der Mitarbeiter dieser Zeitung sind Nichtjuden. Auch der obige Artikel entstammt der Feder eines Katholiken. Red. d. Jsr. in ein fremdes Land, in eine fremde Stadt versetzt worden wären. Was sind das für Menschen heute, gegen einst. Damals, zu jener glücklichen Zeit, wo man noch fröhlich wie ein Kind sein konnte, wo die herzinnige Gemüthlichkeit der Wiener, überhaupt des Oesterreichers, von aller Welt gepriesen wurde, damals hätte man einen Ernst Schneider als gefährlichen Tobsüchtigen in eine Zwangsjacke gesteckt, einen Lueger hätte man ausgelacht, einem Schönerer hätte man wegen Hochverrath den Proceß gemacht und die Bürger gegen Bürger verhetzenden Priester hätte man in irgend ein Strafkloster gesteckt, damit sie in beschaulicher Ruhe über die wahren Pflichten eines katholischen Priesters hätten Nachdenken können. Damals, ja damals waren auch ganz andere Menschen in Wien; das Herz war noch gut — jetzt aber hat man es planmäßig vergiftet und damit dem so gepriesenen Wienerthnm den Garaus gemacht. Geht man heutzutage in ein Gasthaus, so muß mail die Gäste erst gehörig in's Auge fassen, bevor man es wagen kann, sich zu einen Tisch zu setzen. Man ist ja stetig der Gefahr ausgesetzt, von irgend einem durch die Hetzreden der Priester fanatisch gelvordenen Menschen insultirt zu werden, wenn man citt Wort fallen läßt, was so einem rüden Kerl nicht paßt. Vernünftige Auseinandersetzungen sind gar nicht mehr möglich, denn Vernunft ist ein fremdes Wort im Lexikon der Antisemiten, da gilt nur mehr das Faustrecht. Dahin ist es mit aller Geselligkeit; der Liberale geht dem Antisemiten aus dem Wege und der Antisemit fühlt sich nur wohl unter seinesgleichen; unter diesen kann er den größten Stiefel zusammenreden, kann die größten Rohheiten ausüben, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, ausgelacht zu werden oder die wohlverdienten Prügel zu erhalten. So eine antisemitische Gesellschaft zeigt in drastischer Weise, wie die Gemüthlichkeit der Rohheit Platz hat machen müssen und diese Verrohung der Massen haben zmn größten Theil die katholischen Hetz-Priester verschuldet. Und solchen Priestern wird auch unsere zarte Jugend anvertraut, von ihnen sollen sie die erhabenen Lehren des Christenthums empfangen. Man sieht sie auch, die Früchte dieser „edlen" Saat. Die jüdischen Kinder werden von ihren christlichen Mitschülern in der Schule sowohl, als auch auf der Straße in der unfläthigsten Weise insultirt. Die armen Hascherln können sich nicht helfen; still nnd ruhig müssen sie sich davonschteichen, sonst setzen sie sich der Gefahr ans, noch halbtodt geprügelt zu werden. Uns ist es unbegreiflich, daß die obersten Kirchenbehörden es stillschweigend dulden, daß katholische

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