Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 70 (31.8.1896)
- Date
- 1896-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1353 Dort war allerdings goldene Freiheit und Ungebnndenheit. Dort konnten sich seine kräftigen Arme üben. Jeder Tag brachte Nettes. Dort gab es in der Thal — namentlich bei Gelegenheit der Auktionen der ostindischen Gesellschaft — Meerwunder zu schauen. In den Gewölben der Warmoestraat konnte er oft feine Herren um die ausländischen, indischen und japanischen Gcräthe, Stoffe nnd Waffen feilschen sehen, die er vielleicht vor wenigen Tagen bei einem Schiffsschreiber angestaunt hatte, dem er seine Kisten nach der Herberge zu schaffeil mitgeholfen hatte. Mehr als einmal war es ihni gelungen, seinen Gönner Rembrandt selbst ans eine Rarität aufmerksam zu machen. Eines Tages aber gab es einen köstlichen Fund. Ein aus Japair zurückgekehrter Schiffschirnrg, ein Deutscher'), hatte zur Verpackung prachtvoller Lackkästchen einen Stoff verwelldet, der den neilgierigen Augen Schauls nicht entging. Daß die wie Seide glänzenden durchscheinenden Fetzen Papier seien, wollte der Bursche kailm glaubeit, der allerdings die Zähigkeit des Materials bewunderte, das, zusammengedreht und zerknittert, faltenirnd brüchelos sich wieder glatt legte, unbeschädigt wie vorher. Auf seine Bitte wurde ihm ein Blättchen des sonderbaren Stoffes geschenkt, und Schaut eilte damit zu Rembraudt, der augenblicklich einen Abdruck einer Radirung herstellte, dessen duftige Schönheit den Künstler in Erstaunen setzte. Für Rembraudt, der in unermüdlichem Ringen, tu immer neuen Aufgaben uitb neuen Versuchen sich verzehrte, nie sich selber genügte, für ihn rvar die Auffindung dieses netten Materials ein unschätzbarer Gewinn. Mit Freuden überließ der deutsche Schiffsarzt, was er all japanischem Papier besaß, dem Künst ler, und theilte ihnl mit, was er selber darüber wußte, und Rembraudt nahm sich vor, die ostindische Gesellschaft auf den Import des Artikels aufmerksam zu machen. Mit Schaul durchstöberte er mm alle Winkel der Stadt nach der neuen Kostbarkeit, aber mit geringem Erfolg. „Meister Rembraudt, ich hole Euch Eller japallisches Papier aus Japan selbst," sagte Schaul einmal. „Warum nicht? Glaubt Ihr, daß mich die Reise abschreckt, die drei Jahre erfordert? So lauge Ntich's denkt, biil ich fremd ülleratl, weiß ilichts von Heimath und Haus, trage meine Habe im Bündel bei nlir, frage nach keinem Obdach. Und mich verlangt cs ailch liach ben fremdelt Ländern." „BurscheSo geht das doch nicht, wie Du meinst," lachte Rembraudt. „Dich lassen sie so gar 1) Der Leser verzeiht cs mir, wenn ich hier dem Reisenden Engelbert Kämpfer (lt>r> 1 —171U) nutz Lemgo in der Grafschaft Lippe eine Huldigung darbringe, des ersten, der sich auch um die Verfertigung des japauischcn Papiers interessirte nnb eine vollständige Beschreibung desselben geliefert hat. Deutsche Schisfsärzte gab es übrigens öfters in Diensten der oniiidischen Gesellschaft und zur Zeit dieser Erzählung. nicht mit, die hochmögenden Herren Befehlhaber (Beuintshebbers) der ostindischen Gesellschaft. Da braucht cs erprobte Schiffer, gewiegte Kaufleute . . Ailch weißt Du nicht ob Du die Gebräuche Deiner Religion in Japan wirft halten können. Ob Du zum Einen oder Anderen Dich schickest, weiß ich nicht — Jahre vergehen darüber immerhin, aber halt' — einen Plan weiß ich, der einen muthigen Jungen hinausführell kann in die lveite Wett, tvenn auch nicht bis Japan: Werde ein Wundarzt; dazu will ich Dir verhelfen, wenn der Beruf Dir znsagt. Was ein Schiffschirilrg zu wissen nöthig hat, wirst Du Dir aneignen können, nnb ich will Dir für einen Lehrmeister sorgen, den besten, den es gibt in Amsterdam. Wir können ihll ja selber um Rath fragen, den Doktor Tulp. Willst Du, so nehme ich Dich gleich mit zu ihm." Schaul war die Sache recht und Rembrandt llahnl seinen Schützling gleich nach dem Gildensaal der Chirurgen rnit. Es traf sich glücklich, daß an dem Tage der Professor dort beschäftigt war. In die anatomische Vorlesung, die im obersten Stockwerk stattfand und für einen ganz engen Kreis von Zuhörern bestimmt lvar, niochte Rembrandt nicht eindringcn. So warteten die Beiden in dem Saale selbst, der nmgebauten Kirche des Margarethenklosters in der 'Reesgasse. Erst als Fechtschule gebraucht, dann als die R e t o r y k K a ln e r zu Versammlungen und theatralischen Aufführullgen der Poeten benutzt, waren die düsteren Räume der kleinen Halle jetzt ausschließlich der Gilde der Chirurgen überwiesen und zeigten sich in feierlich bürgerlicher Pracht. *) Ein großer Kamin war mit den Wappen verschiedener Regenten (Vorsteher der Gilde) in Skulpturarbeit geschmückt. Mächtige verschlossene Schränke standen an den Wänden. Gemälde vereinigten, als Gildebilder, den Vortragenden Professor und seine schwarz gekleideten Zuhörer, hier mit Secirtisch zu sammcngedrängt, dort mit der Besichtigung eines K i n d e r s c c l e t s beschäftigt. Aber ans dem umgebenden Düster leuchtete ein Bild hervor, glorreich, die eindringendstc Vcrsinnlichung, die je die Begriffe Wissenschaft, Forschung, Lehren uttb Lernen, von der darstellenden Knust erhalten haben, ohne daß der Künstler von der lebendigen Treue der dargestellten Scene das Geringste aufgegeben hätte — die anatomische Vorlesung von Doktor Tulp, I büL von Rembrandt selbst gemalt, das Gemälde, seit welchem Rembrandts Ruhm wahrhaft datirt, mit Recht eines der populärsten Bilder und noch auf den heutigen Tag als eines seiner Hauptwerke geltend. 2) Später, vom Fahre INN!) an, Isielt die Ehirurgengildc ihre Sitzungen in der Sink A n to n i es W aag, einem ehemaligen Thorthurm der Stadt.