Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 70 (31.8.1896)
- Date
- 1896-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1352 nicht die geringste Belohnung zu Theil. Es schien, als ob man sich schämte, einen Henker zu belohnen, der das schändliche Metier des Nachrichters mit solchem Eifer vollzogen. Man benützte das Werkzeug, aber man verachtete Den, der dasielbe geführt. Oberst Wlasiewski erhielt während seines mehrjährigen Dienstes keine einzige Auszeichnung, was sehr charakteristisch und bei uns geradezu unerhört ist und als Beweis dienen kann, daß auch an betreffender Stelle die Wellen der Scham in die Wangen traten und man sich scheute Jemand zu belohnen, der so häßliche Dienste geleistet. Jetzt, nachdem die heilige Stadt ganz (oder fast ganz, da es doch daselbst noch Juden gibt — freilich in sehr beschränkter Zahl — die auch ein Wlasiewski bei der energischsten Unterstützung von der höchsten Seite nicht an die Luft setzen konnte, obwohl es ihm und seinen mächtigen Helfershelfern sicherlich nickt an gutem Willen fehlte) judenrein geworden, benützte man die erste beste Gelegenheit, um sich des unbequem gewordenen Polizeichess zu entledigen: der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr konnte nun gehen. Das mar das komische Finale zu der vierjährigen Wlassewski'schen Tragövie. Und das Gerechtigkeitsgefühl ist befriedigt. Er, der Viele so unschuldig hingerichtet, wurde vom selben Schicksal ereilt. Doch mit der Entlassung Wlassewski's ist der Chodinski-Jncident und dessen eventuelle Folgen für die russischen Juden noch weit nicht erschöpft. Die Katastrophe brachte noch eine ganz andere Frage auf's Tapet, weit wichtiger und folgenschwerer, als das durch die Entlastung eines verhaßten Polizeichefs hervorgerufene Gefühl befriedigter Rache. In einem Ukas an den dirigenten Senat konstatirt der junge ritterliche Kaiser Nicolaus II. mit einem nicht genug zu beherzigenden Freimuth, daß die Voruntersuchung über die Katastrophe aus den Ehodinskffeloern das betrübende Faktum zu Tage gefördert, daß der Wunsch der untergeordneten Executivbeamten, sich eine ihrer Stellung nicht zukommende Bedeutung anzueignen, zu einer Rivalität zwischen ihnen führt, die Mangel an gemeinsamen Zusammenwirken zur Folge hat. Und wer hatte von dieser Rivalität von diesem Mangel an gemeinsamen Zusammenwirken mehr zu leiden, als die Juden Rußlands, an denen der geringste Beamte seine administrativen Experimente machte, wobei nicht nur die Anordnungen der höchsten Regierungsbehörden, die Befehle des Senats vollständig ignorirt, sondern sogar Kaiserukase nicht beachtet oder ganz entstellt und vom Segen zum Fluch gemacht wurden. Daher ist der Kaiserukas, heroorgerufen durch die Chodinski'sche Katastrophe, für uns von größter Wichtigkeit und wollen wir nur hoffen, daß auch diese herrliche Anordnung des chevaleresken Monarchen nicht gleich der Stimme des Predigers in der Wüste ungehört verhalle, sondern Beachtung finde. Wir stellen uns auf den Boden der Gesetze und, wie schlecht auch die Gesetze seien, sie sind immer besser, als die Gesetzlosigkeit der Beamten. Der elastische Spruch: ,.<lurn lex — sed lex“ bleibt immer wahr. Vermischtes E. R Berlin, 27. August. Herr Tt\ David Herzog, ein Schüler des hiesigen Rabbiiierscmiuars, bisher Rabbiner der Ahawas Scholaum-Geineinde, ist zum Rabbiner in Ungarisch-Ostrau gewählt worden. Derselbe nnrd zu den hohen Festtagen seinen neuen WittnnMreis ni'trctcn. Berti«. Seit Erlaß der, Gesetzes vom 7 Juli 1891 sind in Preußen 2828 Rentengnter in evangelischer, 2182 in katholischer und«! in israelitischer Hand begründet worden Eßlingen. Die Wittwe des Baron Moritz Hirsch hat drirch Perniittlrmg des inzwis-ben ebenfalls verstorbenen Kanfrnarrns Salti Sontheiirrer hier dem israelitischen Waisenharise 2000 Mt. überwiesen. Feuilleton. Helldnnkel. Eine jüdische Erzählung aus dem Leben Nenibrrrndls und Mannsie Bert Israels. Von Professor Dr. M a n c f e l d. f'Jinrflbviicf niif d,iS Stremifte unter,lieber,'ebunflSvfcljte auch für die Niederlande darbet,alten.j '> > IV. Die anatomische Borlesnng des Dr. Tulp Rembrandt schloß mit Manassc eine Freundschaft, die snr's Leben dauern sollte. Der Gelehrte führte den Maler mehr und mehr in die jüdischen Gebräuche und Sitten ein, brachte ihm manche malerische Erscheinung des Orients - Gelegenheit dazu bot sich öfters; denn die wohlthätige und reiche Antsterdamer Gemeinde wurde von jenen Unterstützungen einsaminelnden Reisenden, die ans dem heiligen Lande kamen, wo arme Gemeinden oft hungerten mit) ohne die Unterstützung des Abendlandes zu Grilnde gegangen wären, gewiß nicht vergessen. Er besprach mit ihm die Bibelterte, die der Künstler auf's sorgfältigste studirte und anwendete. Zweimal hat aber Rembrandt das Porträt seines Freundes selbst ansgeführt: im Jahre I ein Oelbild, das den Gelehrteil in der bürgerlichen Tracht mit breitrandigem Hut, zugeknöpftem Gewand und herabgeschlagenem Kragen zeigt und im selben Jahre die Radirnng. Doch wir wenden uns jetzt wieder zu dem jugendlichen Helden unserer Erzählung. „Tritt ..ls Lehrling in meine Offizin ein'/'hatte Manasse vorgeschlagen. „Aber, Herr, verzeiht!" hatte Schaut erwiedert, „am Hafen gefällt mir's doch zu gut."