Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1896)
- Date
- 1896-08-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448673--42407-2491409- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1341 „müssen Prüfungen machen, damit sie später keine Stiefel machen, Schuhmacher aber, die Stiefel machen sollen, müssen keine Prüfungen machen. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?" Mit solchen und ähnlichen Wortspielereien hat Herr Dr. Lueger klar genug bewiesen, daß noch so viele Prüfungen Einen nicht davor bewahren, den allergrößten Stiefel zu reden. In Beziehung auf die Arbeiterfrage weiß Dr. Lueger nur Einen Rath — die Abschaffung der Frauen- und Kinderarbeit. Daß letztere bei uns so gut wie abgeschafft ist, weiß Dr. Lueger nicht, und noch weniger dürfte er wissen, was jene Familien, deren Töchter jetzt durch Weben, Spulen rc. gute Löhne verdienen, anfangen sollten, wenn den Mädchen verboten würde, in die Fabrik zu gehen. Um solche Kleinigkeiten kümmern sich große Geister nicht. Es freut uns aufrichtig, daß Dr. Lueger gekommen ist und sich und seinen Anhang so gründlich blamirt hat, und um uns dafür dankbar zu erweisen, wollen wir ihm einen guten Rath ertheilen. Werther Herr Dr. Lueger! Die Dummheit, uns Vorarlberger für Galizianer anzusehen, haben Sie nun einmal begangen, daran ist nichts mehr zu ändern. Wenn Sie aber einmal nach Galizien reisen und dort Vorträge halten, versuchen Sie es nicht, den dortigen Bauern vorzurcden, Martin Thurnher und die Reblaus seien ihr Verderben, denn davon wissen die armen Polaken und Ruthenen aus Erfahrung ebenso wenig, als unsere Bauern von den jüdischen Zwischenhändlern und von den Wechseln. Wir kommen da unwillkürlich ins Spaßhafte; was Dr. Lueger redete, läßt sich eben mit dem besten Willen nicht ernst nehmen. Dr. Lueger ist abgethan in Vorarlberg. Die Zeit wird kommen, wo es auch in Wien mit feinem hohlen Glanze aus ist, und wir glauben, sie ist nicht mehr allzu ferne. Rußland. Petersburg. Der „Bessager des Gouvernement" publizirt die Statuten der neuen Ingenieurschule für Wegebauten, die im Jahre 1897 in Moskau eröffnet werden soll. Einer der Artikel dieser Statuten untersagt die Aufnahme von jüdischen Zöglingen. Das „Journal officiel du Ministere des Finances" publicirt den neuen Codex für Industrie. Der Artikel 34 lautet folgendermaßen: Einem jeden steht es frei, eine Werkstelle zu eröffnen, ohne ein Attest als Meister zu besitzen, oder daß er in den Listen der Arbeitsoffizien verzeichnet stehe. Nur die Juden des Territoriums bilden eine Ausnahme; dieselben dürfen weder eine Werkstatt eröffnen noch bei sich irgend welche Industrie betreiben, ohne daß sie regelrechte Ausweisscheine darüber besitzen und vorher in den Listen der Arbeitsoffizien ausgenommen sei.n. Kutais Der „St. Pet. Herold" berichtet-. In Kutais bildet das Tagesgespräch die Aussiedelung von 190 jüdischen Familien aus der Stadt in einen der Vororte. Den Grund zu dieser Maßregel gibt der schnelle Zuwachs der jüdischen Bevölkerung im Ghetto und die in Folge dessen in diesem Quartal verschlechterten hygienischen und sanitären Verhältnisse. Dre Aussiedelungsfrage wurde bereits im Jahre 1890 angeregt, die hierzu eingesetzte Commission beendete ihre Arbeiten aber erst in diesem Jahre und am 1. Juli wurde der Beschluß dieser Commission publicirt. Die Kutaiser Judenschaft beabsichtigt bei höheren Instanzen um die Aufhebung dieser für sie empfindlichen Verfügung einzukommen. Dänemark. (WS.) Copeirhagen, 23. Aug. Wenn es auch der jüdischen Sitte nicht entspricht, Bilder von Holz und Stein zu errichten, so ist es doch höchst ehrend für die jüdische Gemeinschaft, wenn Nichtjuden ihren! jüdischen Bruder dadurch den Ausdruck ihrer Hochachtung und Liebe zu erkennen geben. Ich habe Ihnen seinerzeit über das Hinscheiden des hiesigen hochverdienten und allgemein verehrten Herrn Professor Dr. med. Ludwig Israel Brandes und dessen feierliches Leichenbegängnis berichtet. Ich füge noch Folgendes hinzu: Fast gleich nach seinem Ableben wurde der Gedanke rege, diesem Menschenfreunde, der so unbeschreiblich viel Gutes für die Kranken und Armen geleistet, ein Monument zu errichten. Ursprünglich entsprang diese Idee dem großen Commerzial-Hospital, wo zwischen den Angestellten und den Patienten eine sehr beträchtliche Geldsumme gesammelt wurde. Anstatt dieselbe ausschließlich für Anschaffung von Kränzen und anderen Vlumenspenden zu verwenden, wurde der größere Theil des Geldes weggelegt, als Gründungsfond für ein künftiges Monument. Später bildete sich ein Comit6 und die Sache kam in Gang. Vor nicht langer Zeit wurde die vollendete Statue enthüllt. Dieselbe ist von einer besonderen Art blaugrauen Marmors und einer gefälligen Erscheinung. An der Spitze des Monumentes ist eine bronzene Büste, iV-mal in Lebensgröße des Verstorbenen. An der Vorderseite ist ein Bronze-Relief, „Gnade" vorftellend, darunter die Worte: „Er liebte seinen Nebenmenschen" eingravirt sind. Das ganze Monument steht gegenüber dem Krankenhaus (Sygehjemmet), Heim und Spital für Alte und Kranke, gegründet und geleitet von dem selig Verblichenen. Die Ceremonie hatte eine sehr große und ausgezeichnete Gesellschaft herangezogen und auch eine außerordentlich zahlreiche Volksmenge war herbeigeströmt, die allen Straßenverkehr suspendirte. Der Eintritt in den das Hospital umgebenden Garten war nur den mit Karten Versehenen gestattet. Vor