Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1896)
- Date
- 1896-08-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448673--42399-2491401- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1333 bestehen, auch dort, wo die Juden fehlen, die Laster fort, nur mit dem Unterschiede, daß der Grundwerth sank, die Arbeitslosigkeit stieg und das National- Vermögen eine schwere Schädigung erlitt. Trotz dieser Erfahrung, so meint Ferdinand Schütz in der „Neuen Freien Presse", der wir diesen Artikel entnehmen, hielt die Regierung bis in die letzte Zeit an den Tendenzen Alexander's III. fest. Vergeblich mahnten einsichtige russische Schriftsteller zur Umkehr, vergeblich versuchten einflußreiche Juden des Auslandes ihren Glaubensgenossen hilfreich beizuspringen. Ein großer englischer Verein entwarf eine Adresse an den Czar. Ihr Inhalt war ein Aufschrei der Menschlichkeit gegen die Brutalität. Das Schriftstück wurde abgemiefen, schließlich ist es doch in die Hände Nikolaus' II. gelangt. Eine russische Schriftstellerin, die in England die freie Luft eines großen Weltreiches athmet, verstand es, die entgegenwirkenden Schwierigkeiten zu besiegen. Fremde Staatsmänner, die der Zug der Zeit außer Dienst gestellt, Schriftsteller, die sich wiederholt als die wahren Freunde Rußlands bewährt, förderten ihre Bemühungen — lauter Liberale, die ihre Ueberzeugungen nicht verhüllen, auch wenn widrige Strömungen jeglichen Forschritt zu ersticken suchen! Als sie den erwünschten Erfolg gewonnen und der Czar die an ihn gerichtete Denkschrift gelesen hatte, trat ein unerwarteter Umschwung ein. Er war zuerst in den Zeitungen erkenntlich, welche die Judensrage jetzt in anderem Tone behandeln. Auch die Regierung ließ ihre Reserve fallen, die Praxis in der Handhabung der gesetzlichen Bestimmungen wurde eine menschenfreundlichere, der Besuch fremder Juden in Rußland wurde zunächst für Ausstellungen und Congresse freigegeben, Beamte, deren Milde bisher als Fehler galt, wurden befördert, die „Juden-Commission" im Ministerium des Innern, die so lange gefeiert hatte, erhielt Befehl, die alten Gesetze und die barbarischen Verordnungen Alexander's III. einer neuen Berathung zu unterziehen, selbst die rrbitterten Gegner der Juden fühlten das Bedürfniß, zu erklären, daß sie ihnen nicht in prinzipieller Feindschaft gegenüberftehen. So mächtig ist ein Kaiserwort. Seltsam! Während in europäischen Culiurstaaaten die Frage des Antisemitismus sich noch frommer Patronanz erfreut und der cynische Vandalismus seiner Bekenner die höchsten Errungenschaften des menschlichen Geisüs bedroht, ist in Rußland, das selbst so lange mit pharaonischer Grausamkeit die Mischen Unterthauen bedrückte, eine Wendung zum Bessern eingetreten. Zögernd that Nikolaus II. den ersten Schritt hiezu — möchte er den zweiten muthig wagen. N'^cht nur die Juden — die Menschen in Europa werden ihm Dank hiefür wissen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 22. August Der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat eine kurze Abhandlung mit der Anfschrift „Die (Kriminalität der Juden sin Deutschland" erscheinen laffen. Dieselbe ist insofern von praktischer Bedeutung, als in der antisemitischen Bewegung die Behauptung eine große Rolle spielt, daß die Juden, zum Verbrechen besonders veranlagt, für die betheiligten Länder eine große Gefahr seien. Die Arbeit tritt in eine zahlenmäßige Prüfung der Richtigkeit dieser Behauptung ein. In der Zeit von 1882—1892 wurden überhaupt in Deutschland verurtheilt: 38,288 Juden gegen 3,973,662 Nichtjuden. Nach der Bevölkerungsziffer hätten auf Juden 47,306 Verurtheilte entfallen dürfen. Bei einer ganzen Kategorie von Strafthaten bleibt dos Verhältniß ein den Juden sehr günstiges. Wegen Beleidigung des Landesherrn bez. von Bundesfürsten wurden nur 49 Juden verurtheilt statt 61, wie es in Berücksichtigung der Gesammtziffer (5117) nach dem Bevölkerungsverhältniß hätten .sein dürfen. Weiter wurden Juden verurtheilt wegen Gewalt und Drohungen gegen Beamte 361 statt 1676, Befreiung von Gefangenen 27 statt 116, Hausfriedensbruch 1369 statt 2051, Verbrechen und Vergehen in Bezug auf den Personenstand 7 statt 14, Blutschande 7 statt 44, widernatürliche Unzucht 20 statt 50, Mord 2 statt 17, Todtschlag 4 statt 20, Kindesmord 5 statt 23, fahrlässige Tödtung 38 statt 77, einfache Körperverletzung 1910 statt 2547, gefährliche Körperverletzung 2377 statt 7015,. schwere Körperverletzung 4 statt 72, einfacher Diebstahl 3223 statt 9515, schwerer Diebstahl 326 statt 1050, Raub und räuberische Erpresiung 9 statt 55, Jagd- und Fischereivergehen 31 statt 893, Unterschlagung im Amte 7 statt 55. Bei diesen und verschiedenen andern Strasthaten fallen von 2,865,402 Verurtheilten 14,918 auf die Juden, während das Bevölkerungsverhältniß 34,112 verurtheilte Juden hätte erwarten laffen. Dagegen sind die Zahlen bei andern Strafthaten den Juden ungünstig. Es wurden Juden verurtheilt wegen Verletzung der Wehrpflicht 4006 statt 2408, die es nach dem Bevölkerungs-Verhältniß hätten sein dürfen; wegen Zuwiderhandlung in Bezug auf Konzessionspflicht, sowie gegen behördliche Anordnungen betreffs Schutzvorrichtungen bei gewerblichen Anlagen 1068 statt 579, wegen Münzvergehen 25 statt 10, Meineid 213 statt 111, fahrlässiger falscher Eid 96 statt 54, falsche Anschuldigung 119 statt 69, Zweikampf einschließlich der Studenten-Duelle 73 statt 14, Erpressung 162 statt 64, Gewerbs- und gewoynheitsmäßige Hehlerei 124 statt 27, Betrug 3775 statt