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Der Israelit · 1896-08-27 · Heft 69 (27.8.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 69 (27.8.1896)
Date
1896-08-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1332 ^'WflJB^Msjrscw^. den verantwortungsvollen Würdenträgern begangen, das Gift hatte ein Anderer gebracht — der Jude. Die Literatur des Tages versicherte dies in allen Formen. Ihr Kreuzzug stieß auf Thcilnahmslosigkeit im Volk?. Der Muschik haßt den Juden nicht; auch die Kirche förderte die Verfolgung nicht; die Popen traten für die bedrohten Rabbis und Zadiks wie für Mitbrüder von der Kanzel ein; sie versendeten ihre heiligen Bilder zu deren Schutz, aber ein anderer, mächtigerer Gegner erstand den Juden — der Czar. Man hatte ihm gesagt, daß die Juden den Kreis, welchen das Gesetz ihrem Wohnrechte in Rußland zieht, durchbrachen; er fand nicht, daß die Zeit nur eine natürliche Correetur der bestehenden Bestimmungen vollzog; er war immer ein Anhänger starrster Gefetzesauslegung. Einer seiner Freunde hatte einen Sohn, der in die Untersuchung einer Verschwörung verwickelt war. „Gnade!" flehte er; „der Wahnwitzige zählt siebzehn Jahre!" — „Das Gesetz habe seinen Lauf," entschied Alexander ill. — „So gönne mau dem Schuldigen einige Erleichterungen seiner Haft." — „Das Gesetz dulde das nicht," erwiderte der Kaiser; er mußte später hören, daß der verzweifelte Vater, ein verdienter General, mit dem Kopf gegen die Wand einer Kerkerzelle in der Peter- Paulsfestung lief, bis er tobt zu Boden sank! Das Gesetz aber hatte gesiegt. — Der Kaiser hatte einen Vetter, der in jugendlichem Leichtsinn die Diamanten seiner Mutter einer Tänzerin schenkte. Alexander!!, verbannte ihn vom Hofe; als dieser starb, bat der Prinz, daß ihm gestattet sein möge, am Grabe seines Onkels zu beten. „Das Gesetz kennt solche Ausnahmen nicht", meinte der neue Herr. Der Prinz warf seinen hohen Namen von sich, verweigerte die Huldigung für Alexander III. und flüchtete in die Einsamkeit einer kleinen Landstadt, um als Bürger unabhängig von dem Hose eine neue Existenz zu suchen. Und nun kehrte sich diese Gesetzesüarre ohne Sinn und Gehör für milde Stinlmen der Menschlichkeit gegen die — Juden. Das Gesetz für die Juden! Sein Geist war das Mittelalter, seine Seele die Willkür, seine Bestimmungen stiegen gespensterhaft wie aus einem durch Jahrhunderte geschlossenen Grabe! Es sollte trotzdem herrschen, erbarmungs-,rücksichtsloS nach seinem völlig veralteten Wortlaute. Es fanden sich Beamte, die noch grausamer waren. Ihr Vorbild war jener Wlassowski, den jüngst ein Ukas Nikolalls' II. von seiner Stelle stürzte, weil er von all seinen Richtern als die Ursache des Ehodinka-Unglückes bezeichnet wurde. Er hat die Juden von Moskau mit teuflischer Grausamkeit verfolgt, nach ihrer Vertreibung setzte er eine Prämie für die Angeberei aus, verurtheilte er die Angehörigen wohlhabender und gebildeter Kreise zu den tiefsten Erniedrigungen, suchte mit allen Mitteln die Umwandlung des jüdischen Gotteshauses, in ein Tingl-Tangl durchzusetzen. Diese Gesinnllng machte Schllle. Polizeimeister und Gouverneure in der Provinz ahmten sie nach, sie hatten vorher schon Emissäre in Städte und Dörfer geschickt, welche die Plünderung der Judenviertel predigten. Das Militär stand Gelvehr bei Fuß, während der rothe Hahn ans die jüdischen Dächer gesetzt wurde. Wieder war das Volk nicht bei der heiligen Sache. Alan mußte die Excedenten cmS dem "Norden holen. „Der Kaiser wolle die Tumulte," versicherten diese Agenten des Krieges gegen Wehrlose. In einem Dorfe bei Kiew flehte eine Jüdin ihren "Nachbar an, mail nlöge sie schützen. „Wir werden dir beistehen," sagten die Dorfältesten, „nur lass' uns die Fenster deines Hauses einwerfen, damit der Kaiser nicht wisse, daß wir seinem Gebote im Herzen entgegen sind." Der Antisemitismus war machtlos, wenn ihn die Behörde ohne Unterstützullg ließ. General Todtleben gestattete nicht, daß dessen Wailderprediger in sein Gonvernenlent dringen, beit Juden wurde dort auch kein Haar gekrümmt. Man sollte alsbald erfahren, daß dieser Geiteral mit kluger Voraussicht gehandelt hatte. Flugschriften flatterten plötzlich aus, ihr Refrain lautete: „Erst die Juden, dann die Klöster, zuletzt die Schlösser!" Bei einer Erneute standen die Soldaten in gewohnter llnthätigkeit. „Gieb den Prügel her," meinte lachend einer der Excedenten zu einem Flügelmanne und entriß ihm sein Gewehr. Der Fall wurde dem Czar berichtet. Ein scharfer Erlaß an die Militär-Commandanten war die Folge. Alexander III. gestattete keine Judenhetze mehr in seinem Reiche. . . . Es gibt Politiker in Rußland, welche von der Beschrär kung der Juden wirthschaftliche Vortheile erwarteten. Die Ereignisse zeigten, daß sie sich geirrt haben. Aehnliches wie in Spanien und im südlichen Frankreich, wo die Vertreibung der Juden einen wirtbschafllichen Nothstand herbeiführte, hat man auch in Rußland erfahren. „Der Jude," klagte man, „sei ein Wucherer." Der Zinsfuß, den seine Nachfolger erheben, ist heute ein höherer. „Ec verderbe das Geschäft," warf man ihm vor. Daffelbe ist schlechter geworden, und nur der Consument hat schwer gelitten, weil der Preis der Waaren durch den Mangel einer Concurrenz unverhältnißmäßig gestiegen ist. „Die Juden befördern die Trunksucht," schrie man. Als sie heimathlos geworden waren, bildeten sich Mäßigkeitsvereine, um dem fürchterlichen Laster und den garstigen Gewohnheiten, die jedes Dorfnest, jede Berathung im Mir und Semstwo begleiten, entgegenzuwirken. Sie stießen auf einen mächtigen Gegner — den Finanzminister. Der Staat hat den Ausschank von Getränken den Juden abgenommen, er will nicht, daß der Erlös geringer werde. Ueberall

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