Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1896)
- Date
- 1896-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XUTII. Jahrgang. Erste Brllage M M H9 des „Israelit". Leitender Artikel. Zur Geschichte der Judenverfolgung in Rußland. Petersburg, 20. August. Der Verein der Slavophilen bekümmert sich nicht nur um Fragen der auswärtigen Politik, er hat auch tu innere Angelegenheiten wiederholt eingcgriffen. Die großen Probleme, die Rußland durch die abnorme Lage seines Adelsulld Bauernstandes beschäftigen, werden von ihm eifrig erörtert, auch andere socialpolitische Angelegenheiten pflegen sein Interesse zu wecken, z. B. die russische Judenfrage. Man kennt die letzten Stadien ihrer Entwicklung, und es ist gewiß lehrreich, die Stimme der Slavophilen hierüber zu hören. „Daß wir diese Verlegenheit besitzen", sagen die Einen, ganz im Sinne des Leiters des Syllod, „ist Schuld der Polen. Ihr König Kasimir liebte eine romantische Jüdin Esther; er zog ihre habgierigen Verwandtelt nach Kiew und Warschau, gab ihnen und ihrerr zahllosen Stammesgcnossen das reich entwickelte Magdeburger Stadtrecht, machte sie zu Steuer-Exccutoren, die selbst die kirchlichen Gebühren, Meß-, Kranken-, Stola- und Todtengcldcr gepachtet hatten, sie trieben dieselben, unbekümmert um die zunehmende Verarmung der Bauern, so unerbittlich ein, daß 1526 ein Aufstand gegen sie losbrach. Die Abkömmlinge dieser Ahnen sind die Ursache der Judenfrage bei uns, welche durch die Ungeschicklichkeit der Verwaltung traurig verwirrt wurde." — „Alan durfte die Juden nicht aus Rußland austreibcn", erklärt man mir auf anderer Seite, „es war einfach das Gesetz zu handhaben und ihnen das Gebiet anzuweisetl, wo den Juden der Aufenthalt gestattet ist, dieses umfaßt fünfzehn Provinzen und ist größer als Deutschland oder Oesterreich". — „Die Juden bei uns", meint ein slavophiler höherer Officier, „sind keine Russen, sie sind Nationaljuden, also von trauriger Bereitwilligkeit uns zu verrathen. Ihr „Kahol"*) ist eine ganz politische Gemeinschaft. Ich erlebte es, daß ein Vorsteher Jene mit dem Banne bedrohte, die nach meinem Sinne Waaren liefern wollten. Die Juden hatte das Gewerbe in meinem damaligen Bereiche vollständig in der Hand, ich konnte nicht den Bäcker oder Schneider erhalten, den ich wünschte. Sie sehen, wie wenig sich unser Jude dem Russenthum accommodirt". Diese Vorwürfe haben nur den Schein des Rechtes für sich. Gewiß, auch die Juden in Ru߬ *) Gemeindcvorstand. land haben gesündigt und manchmal unter der Maske der Religiosität habgierigen und eigensüchtigen Zwecken gedient, ihre Begriffe, Anschauungen und Ueberzeugungen paßten sich auch nicht überall dem Staatsgedanken, an. Wei anders aber als der Staat trägt Schuld hieran? Wer zwängte diese beklagenswerthen Wesen in ihr schmutziges Ghetto mit seinem armseligen Gedankenkreise? Wer nahm ihnen die Rechte des Bürgers und hat ihnen die Befugniffe des ausgedienten Soldaten selbst nach vollzogenem Militärdienste vorenthalten? Wer verweigerte ihnen Anstellungen und Obdach? Wer verbot ihnen die Grundcrwerbung und raubte ihnen die Möglichkeit, eine höhere Bildung zu gewinnen? Der Staat und wieder der Staat, welcher sie jetzt für ihr niedriges geistiges Niveau verantwortlich macht. Er, nicht sie, müßte gerechterweise die Folge seiner Unterlassungssünden tragen! Die Judenfrage in Rußland ist kein Erbstück der Polen, sie ist eine Errungenschaft der jüngsten Zeit. Wenn sie früher auftauchte, geschah dies in einem milderen Geiste; nach dem Tode 'Nikolaus' I. wurden zwei junge jüdische Schriftsteller, Nosenthal und Tschatski, in einer Polemik als „Rabbis" verhöhnt. Der Ruski Wjestnik, das Blatt Katkow's, veröffentlichte hiergegen eine Erklärung aller russischen Schriftsteller, Tolstoi und Turgenjew an der Spitze, das eine solche Hineinzerrung von Glaubensfragen in einen literarischen Streit allen Empfindungen der russischen Volksseele widerstrebe. Wie hat sich diese Denkweise seither verändert! Unter der Zustimmung eines großen Theiles der russischen Presse wurde ein Raubzug gegen das Eigenthum der Juden unternommen, ihre Häuser fielen in Trümmer und Asche, eine erbarmungslose Verfolgungswuth befeuerte die Gegner dieser Opfer mit der spöttischen Mahnung, daß der unablässige Fluch ihres Stammes sie nicht Ruhe und Frieden finden laffe. Wie war ein so jäher Umschlag möglich? „Die Juden sind intelligent, deshalb haßt man sie, ohne sich den wahren Grund einzugestehen", meinte Leon Tolstoi in seiner kurz angebundenen Weise. Man muß weiter ausholen, um eine bestimmtere Antwort zu finden. Der letzte russisch-türkische Krieg hatte eine erschreckende Unlauterkeit in der höheren Militärverwaltung offenbart. Die öffentliche Meinung kehrte sich stürmisch gegen die Regierung und forderte strenge Strafe für die Schuldigen. In diese Zeit allgemeiner Erregung kam die neue Heilslehre vom Antisemitismus über die deutsche Grenze. Die wahren Schuldigen, die das Unglück an der Donau verursachten, schienen plötzlich gefunden. Der Betrug, der die russische Officiersehre befleckte, war nicht von