Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1896)
- Date
- 1896-08-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1329 Feuilleton. Helldunkel. Sine jüdische GrMurlg aus dem Leben Nrmbrandts und Manasse Ken Israels. Von Professor Dr. Maneselb. ^Nachdruck auf daS Strengste untersagt. Uebersetzungsrechte auch für die Niederlande Vorbehalten.) IH. Rembrandt und Manasse den Israel. Heute sollte Schaul wieder zu Rembrandt. Aber je mehr das dort Gesehene und Erlebte durch seine Sonderbarkeit und Neuheit ihn reizte, desto mehr machte er sich auch Gedanken, ob die dort mit eigenen Augen gesehenen Wunder nicht seiner Seele zum Verderben sein möchten. Zauberei, wußte er, war ja verboten. Und ob das bei Rembrandt Gesehene nicht der Zauberei angehöre, darüber wollte er sich doch erst vergewissern, ehe er sich getraute, die Schwelle jenes Hauses wieder zu betreten. Die Atlfklärung aber wollte er sich von dem Rabbiner selbst erbitten, dessen Haus er ja in der Breedstraat wußte, einer Verlängerung der Straße, wo auch Rembrandt wohnte. Nachdem der Knabe dort an der Thüre den Klopfer gebraucht hatte, wurde ihm aufgemacht und der Diener wies ihn ohne Weiteres nach dem Hofe: „Der Rabbi ist in der Druckerei!" Dort trat er also ein und glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen, als er in dem kleinen, mit Druckerpressen und Geräthen erfüllten Raume den Rabbiner an einem Setzerkasten beschäftigt fand, wohl um eine Korrektur eines Satzes zu bewerkstelligen, den ein Gehülfe nicht ganz zu seiner Zufriedenheit fertig gebracht hatte. „Was will der Mensch?" rief der Rabbiner, der noch beschäftigt, kaum aufgesehen hatte, nachdem er aber seinen Sabbatgast erkannte, sogleich die Arbeit ruhen ließ *) und lächelnd frug: „Schaul, was führt Dich her?" „Raobi.'" sagte er, „noch eh' Ihr ein Wort gesagt, habt Ihr mir den Zweifel gehoben, der mich eigentlich hierher geführt hat." Manasse blickte fragend. „Ihr seid doch kein Zauberer; was Ihr thut ist doch wohl gottgefälliges und erlaubtes Werk. Dann ist auch dasselbe, was ich bei Anderen habe üben sehen, möglicherweise auch erlaubtes und Gott wohlgefälliges Werk." „Dein „Möglicherweise" war die Einschränkung eines Logikers; denn allerdings, wenn zwei dasselbe thun, ist es deswegen nicht dasselbe. Aber was ist *) Das Geschäft eines Druckers war noch immer in der Tradition der Gelehrten jener Zeit ein hochangesehenes, und Manasse betrieb, nachdem es ihm mit Handelsgeschäften weniger geglückt war, eine hebräische Druckerei, die seine Nachfolger zu noch bedeutenderer Blüthe brachten. das für ein Werk, und wer ist der Andere, der dasselbe thun soll, wie ich?" „Cr hat Geräthe, Rabbi, wie Ihr — nicht ganz dieselben, aber was er druckt sind auch nicht Schriften, wie Eure Druckarbeiten, sondern es sind Abbilder der Lebenden, mld sein Name heißt Rembrandt." „Rembrandt! Du kennst Rembrandt?" „Ja, er hat mich in sein Haus bestellt; er liest mit seinen Augen in der Luft, wie in einem Buch, und was er sieht, schreibt er mit einem Griffel hin so deutlich und genau, wie ein Spiegel die Aehnlichkeit zeigt, wenn man hincinschaut." „Ich habe von Rembrandt und seiner Kunst schon vieles gesehen uild gehört, und des jungen Mannes Name ist schon groß — aber erzähle nur weiter, wie Du den Mann hast kennen gelernt — Rembrandts Kunst ist aber Wunder des Allmächtigen, keine Zauberei, das sei versichert, mein Sohn!" Nun erzählte der Junge, durch Manasses theilnahmvolles Lächeln ermuntert, bis in's Einzelne sein Erlebniß. Als er von den Bildern berichtete, die wie drohende Gespenster ihm vorgekommcn waren, lachte Manasse heiter vor sich hin. „Zu Rembrandt geh' ich gleich mit Dir, Du und kein anderer, sollst mein Abgesandter sein vor dem Haupte des Gewaltigen, und Du fragst, ob ihm mein Besuch nicht eine Störung sein möchte." Voller Freude stürmte der Knabe hinweg, Manasse aber hatte rasch sich gerüstet, den jungen Künstler zu besuchen. Der Name des Rembrandt Harmenez van Rhyn war damals freilich schon hochberühmt. Die Eigenthümlichkeit seiner Beleuchtung, seine Manier ^dcr Zeichnung, seine neue malerische Auffassung der Statur, das Costüm seiner biblischen Sujets wurden von eifernden Freunden zu erreichen versucht, von zahlreichen Schülern, die von weit und breit hcrzuftrömen anfingen, nachgeahmt und in den Ateliers der Maler hitzig verfochten. Schon rankte sich aber auch um das Bild des zurückgezogenen, seinen Künstleraufgaben und seinen Sammlungen lebenden Mannes die Legende, wie der berauschende Nachtschatten mit seinem Geranke ein Steinbild in stillenl verschlossenen Garten überwuchert. Kunstfreunde und Gelehrte traten aber mit Rembrandt in Freundschaft, während die prunkvolle Gastlichkeit der hohen Würdenträger in ihren stolzen Häusern an den Grachten und auf ihren zierlichen Landsitzen ihm freilich nicht zusagte. „Wenn _ ich meinen Geist ausspanne, suche ich nicht Ehren, sondern die Freiheit," sagte er. Die Straßen, die von magischem Schimmer durchglühten Höfe, die wasserumgebenen Bollwerke um die Stadt, die alten Thürme, Strohhütten und Mühlen vor den Thoren draußen.