Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 68 (24.8.1896)
- Date
- 1896-08-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1312 Feuilleton. Helldunkel. Eine jüdische Erzählung aus dem Leben Rembrandts und Manasse Ben Israels. Von Professor Dr. M anefeld. sNachdruck auf daZ Strengste untersagt. Uebersevun^Ä^cht,- auch für dir Niederlande Vorbehalten.j LI. Schwarze Kunst. Den Knaben Schaut fänden wir in dem Ameisengetriebe der großen Stadt nicht wieder, wenn wir jetzt nicht zufällig seiner ansichtig würden. Da kauert er in der Sonne, blinzelt träumerisch nach dem blendenden Wasser; seine Arbeit für heute ist gethan: sein Geld hat er in der Tasche, und so darf er süßem Nichtsthun sich überlassen. Längst weiß er nichts mehr von ängstlicher Befangenheit; unter dem Lärmen und Treiben fühlt er sich so frei, so ungestört, so einsam und glücklich, daß er keinen Wunsch kennt, unwirsch sogar auffährt, als eben ein noch junger untersetzter Mann mit tief in die Stirne gezogenem Filzhut ihm auf die Schulter schlägt und holländisch auf ihn einspricht. Es soll Arbeit geben, etwas zu verdienen, das versteht er wohl; aber das paßt ihm im Allgenblick am wenigsten; er weist lachend die Zähne uird zeigt dem Manne eine Hand voll Kilpfer- und Silbermünzen — er arbeitet heute nicht mehr, für heute ist er reich genug. Der Mann runzelt die Stirne und bringt jetzt ein Buch aus dem Mantel zlnn Vorschein, schlägt ein Blatt auf und zeigt dem Knaben dessen eigene Portraitskizze. Die Zeichnung erkennt er freilich und neugierig läßt er sich jetzt auch bereit finden, dem Manlle §11 folgen, der kein Kaufmann, noch lveniger ein Handwerker zu sein scheint. Es ist auch nicht ein reicher Müßiggänger, denn der kostbare Malitel uitd der Federhut verrathen eine sorglose Handhabung, und Stutzer nehmen auf ihre Kleidung mehr Rücksicht. An einem Haufe der Broestraat war das Ziel der Wanderung erreicht. Ein reich ausgestatteter Vorplatz, über desserl Geplätte längs des Fensters hin noch ein brettener Boden aufgelegt war, nahm sie auf. Sechs spanische Stühle, einige mit schwarzen Kissen belegt, standell an den Wänden. Bild an Bild, Landschaften, Köpfe, Stillleben, damals vauitas H genannt, weil man die Vergänglichkeit des Irdischen so darzustellen besonders beliebte, dann einige Köpfe von Gvps verriethen den Geschmack des Hausherrn; alles aber war dem armen Knaben, der nur die buntscheckigen 1) Die vanitas Nembrandts vom Jahre 1635 enthielt auf einem teppichbedeckten Tisch in Zusammenstellung: ein großes aufgeschlagenes Buch, eine Spähre, Sanduhr, Mandoline, Flöte, einen Todtenkopf, eine grüne Schale, einen Almanach, eine Brille, Uhr u. s. m. Malereien auf den Marktplätzen seiner Heimath gesehen hatte, ein unheimliches Räthsel. In dem anstoßellden Zimmer scheinen erst recht wildbelebte Phantome von den Wänden herab auf ihn einzudringen, vor deren Blick und unverständlicher Bewegung der arme Unwissende erbebte, bis er mit verzweifeltem Mllth die Hand zu eineni der hochangebrachten Rahmen emporstreckte und über die dunkle Fläche der Leinwand hinfuhr, wodurch er sich allerdings darüber beruhigte, daß alle diese Gestalten nicht auf ihn herabkänren. Der für ihn unfaßbare Schein der Wirklichkeit blieb aber in seiner beängstigenden fremdartigen Wabrheit bestehen. Der junge Mann aber kehrte rasch zurück, nachdent er Mantel und Hut draußen abgelegt hatte und, amüsirt von der Befangellheit des Knaben, bedeutete er ihm, mit einem dazu mitgebrachten Turban den Kops llmwickeln und mit einem Mantel sich drapieren zu lassen, einen Pilgerstab in die Hand zu nehmen und so etwa zll einem jungen Tobias als Modell zu stehen. Angst aber drückte sich in des Aruien Zügen alls. Der Maler zeigte wiederholt und heftig nach den Bildern an der Wand; das aber vermehrte nur des Knaben Entsetzen, der nichts anderes erwartete, als daß ihm durch Zauberei das Leben genommen und sein Ich, seine Persönlichkeit in ewiger Erstarrung dort auf eine Leinwand gebannt werden solle. Mit blitzenden Augen wehrte er ab und wollte schon entfliehen, als der Künstler seine Angst zu verstehen anfing, lachte und nun laut durch die Räume des Hauses hinrief: „Saskja, Saskja! Komm' schnell!" Augenblicklich flog eine jugendliche Frauengestalt-) heran, fröhliche Augen, lachender Mund mit Perlenzähnen, unter dem Häubchen verstohlen hervorlugende Löckchen — ein Bild der Gesundheit und Jngendschöne. „Was willst Du, Nembrandts" rief sie. „Saskja, der Bursche fürchtet sich! ich will ihu zeichnen; kannst Du ihn beruhigen — sieh' nur ein prächtiges Modell zu einem Tobias^). „Sage lieber: der Hirtenknabe David, den Fsai von den Schafen herbolen ließ und der vor Samuel tritt." Aber zum Knaben wendete sich die junge Frau, zeigte ihm lachend eines der Bilder an der Wand; es war ihr eigenes Porträt in gar prächtigem Gewand mit köstlichem Geschmeide umgeben; die schelmischen Augen und die Grübchen der Wangen konnte 2» Saske van Uleiiburgh, Tochter des hochangesehenen Leenwardencr Rechtsgelehrten. Rombertus van Ulcnburgh vermählte sich mit Ncmbrandt 1034. 3) Darstellungen ans der Geschichte des Tobias beschäftigten damals den .Künstler. Dem 17. Jahrhundert war es überhaupt Vorbehalten mehr das allgemein Menschliche und Gemüthliche der biblischen Stoffe zu verwenden.