Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 68 (24.8.1896)
- Date
- 1896-08-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1318 aber keine Kunst verschönern und kein Geräthe zieren. „Lebe ich nicht?" rief sie aus und umfaßte stürmisch den mit gewaltiger Mähne umwogten Kopf ihres Gatten. „Herr," sagte Schaul, „Ihr seid ein mächtiger Zauberer, ein großer Chacham, und in Polen und Galizien macht es Euch keiner nach!" „Jetzt hast Du tvohl verstanden, was Du sollst, und nicht umsonst sollst Du Dich hinstellen. Hälft Du Dich gut, dann bekommst Du das Silberstück!" rief der Künstler und zeigte dern Knaben eine allerdings nicht sonderlich große Münze. Der Bursche, der am .Hasen Geld verdienen und Geldsorten unterscheiden gelernt hatte, sah wohl ein, daß mit den paar Stübern der Teufel keine Seele fangen, kein Zauberer Menschen bethören möchte, und hatte schon seine Unbefangenheit wieder erlangt. Der Künstler war aber von seinem ersten Plan, eine Studie zu malen, abgekommen, und statt das eigentliche Atelier zu betreten, schritt er rasch nach dem Fenster, wo das Licht durch einen mächtigen, mit einem dünnem Zeug überspannten, schräg angebrachten Nahmen abgeblendet war, nahm ein kleines, schwarz überzogenes Kupfertäfelcheu und seine Radirnadel zur Hand, bedeutete dem Jungen, wohin er blicken sollte, und war allsogleich in vollstem Küustlereifer, mit blitzenden Augen seine Aufgabe erfassend, während er der raschen Entwickelung seiner Arbeit auf der Platte anscheinend kaum einen Blick schenkte. Währenddessen aber befand sich der Knabe doch in einer sonderbaren Aufregung; er hatte das wirkliche und fast unerträgliche Gefühl, daß er jeden Zug der spitzen Radirnadel zu spüren glaubte, und als nach unglaublich kurzer Zeit die Arbeit fertig war, kam es dem Armen wie Erlösung aus Folterqual vor. Des Künstlers junge Gattin, die in dunkler Ecke, auf den Arm gestützt^) träumerisch, wie glückliche junge Frauen ztt thun pflegen, dagesessen war, kam auch aus ihrer Verborgenheit hervor und verlangte fröhlich, daß die Zeichnung nun gleich dern Säurebad übergeben und geätzt werden sollte. „Rembrandt, das machst Dil doch gleich fertig!" „Gewiß!" rief der Künstler. „Ich verspreche mir sogar viel von der Zeichnung uub bin selbst neugierig." Augenblicklich umgab sich vor den Augen des scheu von ferne blickenden Schaul die Kupferplatte mit dem schützenden Wachsrand. „Du kannst Zusehen!" rief der Künstler und winkte den Zauderndell heran. ES dauerte nicht lange, so bildeten sich über der radirten Fläche unzählbare feine Perteil (Luftbläschen), -l) Auf verschiedenen Radierungen Rcmbrandts so aufgefaßt. die allsogleich mit einem Federbart abgekehrt wurden. Das Säurebad wurde jetzt abgeschüttet, die Platte abgespült, dann abgetrocknet. Der Künstler prüfte am Licht den Grad der erreichten Aetzung und entfernte mit dem Daumennagel den schützenden Firniß an einer unerheblichen Stelle; dann überstrich er das genügend tief Geätzte mit flüssigem Aetzgrund. Nach einiger Zeit war der aufgetragene Firniß soweit getrocknet, um die Platte von Neuem der jetzt zu kräftigerer Wirkung bestimmten Säure aussetzen zu können. Schon zu Anfang waren die Fenster geöffnet worden. Lachend uut> hüstelnd entfloh aber doch diesmal vor den aufsteigenden Dämpfen die junge Frau; der Künstler aber prüfte, genau zublickend, den Stand der Aetzung, ja verlor keinen Augenblick die sichtbarlich kämpfenden chenlischen Kräfte uub deren Tücke ans den Augen. Jetzt schien ihm der Augenblick gekommen, daß die Einwirkung der Säure beendet werden mußte. Jubelnd sah er das Werk seiner Hand frei vor Augen. „Saskja, es ist gelungen, gelungen!" rief er. Auch der Knabe drängte sich neugierig heran. Diesmal war wirklich Zauberei im Spiel. Die schwarze unansehnliche Platte, noch eben mit unverständlichem blendenden Liniengewirr durchfurcht, strahlte blank und feurig; und hielt man sie gegen das Licht, dann tauchte aus denk Halbdunkel bald deutlicher, bald unbestimmter, in feinen Tönen wie hingehaucht die Zeichnung hervor, verschwand und kam wieder mit jeder Bewegung der haltenden Hand — ein geheimnißvolles Näthfel. „Jetzt auch gleich den Abdruck!" rief Nembrandt, brachte Holzkohlen in Gluth unter einem Rost, über welchem er die Platte einschwärzte. Feuchtes Papier war ebenfalls bereit; da stand die Presse mit dem gewaltigen Stern, den der Künstler jetzt langsam zu drehen anfing. Jetzt erfaßten die mächtigen Eichenwalzen — die oberen mit dickenl Tuch umspannt — die Platte sammt ihren elastischen Unterlagen, die sie mit der Tafel, worauf alles ruhte, vorwärts schob. Mit aller Kraft, den Fuß aufgestemmt, mit der Körperlast daran schwebend, bewegte der Mann das Rad, bis die Platte durch die Walzen hindurch gegangen war und diese von dem furchtbaren Druck befreit, wieder zum Vorschein kam. Jetzt ein athemloser Moment der Erwartung; andächtig, vorsichtig leise und allmählig hob der Künstler den Abdruck von der Kupferplatte auf und hielt ihn freudig vor sich hin — da allerdings lebte das Bild, vollendet, ein Kunstwerk, jedem, der da Augen hatte, verständlich. Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte auch die junge Frau mit zugesehen. „Und Du bist auch noch hier!" lachte der Künstler, dann lohnte er den Knaben aus und rief ihm noch nach: „In zwei Tagen findest Du Dich hier ein, wieder um dieselbe Abendstunde!" (Fortsetz, f.)