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Der Israelit · 1896-08-13 · Heft 65 (13.8.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 65 (13.8.1896)
Date
1896-08-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Flehen, noch weniger half eine Verteidigung. Beide Mädchen wurden vor den Augen des Vaters nach schrecklichen Qualen ermordet, der Sohn, der sich zur Wehr setzte, tödtlich verwundet ... Er war übrigens nicht der Einzige, dessen Haus in jener Schreckensnacht von einem gleichen Schicksal betroffen wurde . .. Die Wirthin nähert sich dem Geiger und berührt seinen Arm. Er erwacht. Man muß schon weiter spielen, die Geige schweigt schon zu lange und die Gäste warten. Er holt aus seinem Gedächtnisse eine uralte Romanze hervor. Diese ist eine vortreffliche Begleiterin wogender Erinnerungen. Es zittert über ihm die Stimmung des Mondscheins und darin klingen Seufzer, Rauschen geheimnißvoller Weisen, entfernter Glockenklang. Er spielte eifrig, aber seine Seele weilte anderswo. Beim Glanze des Mondes irrten sie auf dem Friedhof zwischen den geliebten Gräbern, wo alle, die seinem Herzen am thenersten waren, nun im ewigen Schlaf liegen. Die Frau, die Mutter seiner Kinder, und bereit zwei Töchter, jäh tu der Blüthe des Lebens von Mörderhand hingerafft . . . Und der Sohn, dieser herrliche, einzige Junge, das Glück und die Hoffnung der Seinigen? Wo mag er jetzt sein, wo mag er herumirrett in der weiten Welt? Als er sich gegen den Mörder zur Wehr setzte, um seine Schwestern zu beschützen, trug er mehrere Wunden am Kopfe davon. Lange schwebte er zwischen Tod und Leben, dann, als er wie durch ein Wunder zum Leben zurückgekehrt war, drohte ihm der Prozeß wegen Gewaltthätigkeit und Aufreizung; waren die schweren Wunden nicht Beweis genug für feine Schuld? Prozeß, langjährige Hast und darauf Berschickuttg — das hatte er zu gewärtigen. Er floh. Und nun tummelte er sich in der neuen Welt herum, fern von der Heimath, seinem Schicksal überlassen, fern vom Vater, für den er noch das einzige Band mit dem Leben bildet. Der Vater konnte ihm keine Hilfe geivähren, er müßte ihm im Gegentheil zur Last fallen, denn er fühlte seine Kräfte inuner mehr verfallen. Die Hand führte nur mühsam den Streichbogen, das Leben schwindet stufenweise dahin. Es ist schwer, so in der Welt ein trauriges Dasein zu fristen; mehr als einmal betete er inbrünstig zu Gott, er möchte ihn zu sich nehmen. Aber er lebt und schleppt die müden Glieder einher, wer weiß wie lange noch. Er sehnt sich so sehr nach Ruhe, er möchte so sehr sich hinlegen in das kühle Grab, zur Seite der Seinigen . . . Und vor seiner Seele stehen die Augenblicke, als man seine Frau und die beiden Töchter zu Grabe brachte. Diesen Moment wird er niemals vergessen. Eine unabsehbare Menge hatte sich angesammelt, um den Qpfern das letzte Geleit zu geben, ein einziges großes Schluchzen, ein fieberhaftes Weinen schüttelte die Menscheit alle. Dann begann der Chasan das „LI mole Rachmim.“ Es war ein herzbrechender Gesang .... Und unmerklich, ohne daß der Geigenspieler es beabsichtigt, entquollen den Saiten des Instruments die Töne des Todtcnliedes .... Mancher Gast läßt die Hand sinken, die das Glas zu den Lippen führt und horcht, indem er zum Spielenden aufschaut. In dem geräuschvollen Saale herrscht augenblicklich Stille, die Juden haben sich wie auf ein unsichtbares Zeichen erhoben und wagen nicht gegen dieses seltsame Spiel Protest einzulegcn. Die feierlichen, jammervollen Klagetöne wirken wie beklemmend und erstarrend auf sie. Endlich schlägt ein angeheiterter Zecher mit aller Kraft gegen den Tisch und ruft: „Donnerwetter, Alter, waS spielen Sie denn da? Das ist ja schrecklich traurig." Aber das Spiel verstummt nicht, denn der Spielende hat diesen Ausruf nicht vernommen, er spielt unausgesetzt weiter, und mit immer mehr Macht führt seine Hand den Streichbogen. Sein Gesicht ist bleich, die Lippen krampfhaft geschlossen und die Augen weit geöffnet. Rur die Rechte ist unaufhörlich in Bewegung, als wollte sie die Saiten des Instrumentes zum Bersten bringen. Die Wirthin des Lokales verließ das Büffet, trat zu dem Spielenden und ergriff seine Hand. „Um Gotteswillen, was machen Sie?" Die Mnsik schwieg. Die Hände des Spielenden sanken ohnmächtig nieder, die Geige siel zu Boden. „Ihnen ist nicht wohl, Sic sind krank," rief die Wirthin erschrocken. Sofort versammelte sich eine große Anzahl der Anwesenden um den Spieler und wollte ihm Hilfe bringen. Dieser seufzte tief auf, blickte um sich, imb erinnerte sich wo er war. „Verzeihen Sie," brachte er mühsani hervor, „mir war etwas übel, ich weiß selber nicht, was ich spielte." „Ach, was Sie spielten.' Mein Gott, LI mole Kachmim haben Sie gespielt." „Entschuldigen Sic, ich werde mich bessern," sagte er leise. „Ich werde anderes spielen. Einer von den Gästen protestirte. „Aber was werden Sie da spielen?" rief er. „Sie stehen ja kaum auf den Fußen. Trinken Sie lieber ein Glas Wein." Die Wirthin ließ sofort Wein kommen. Der Geiger trank das Glas mit einem hastigen Zuge herunter. Ein zweites lehnte er ab. „'Rein, nein, ich danke. Mir ist schon wohl, ganz wohl. Ich kann schon spielen." „Ra, gottlob, wenn Sie spielen können, ist es gut. Ich fürchtete, Sie würden krank werden." „Rein. Ich kann spielen, sofort will ich beginnen."

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