Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 65 (13.8.1896)
- Date
- 1896-08-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1240 -£• vermischtes. Berlin Die konfessionellen V.rhäitnisse im höheren Unterrichtswesen Deutschlands stellen sich wie folgt: Es kommen auf je 10,000 Einwo ner im ganzen Reiche 50 Schüler höherer Anstalten, auf je 10,000 Protestanten 55, auf je 10,000 Katholiken 32, auf je 10,000 Dissidenten 49 und auf je 10,000 Juden 333. Für die einzelnen größeren Bundesstaaten stellt sich das Verhältnis folgendermaßen. Von 10,000 Preußen besuchen 45 eine höhere Schule, und hierbei kommen auf je 10,000 Katholiken 27, auf je 10,000 Protestanten 50, auf je 10,000 Juden 333. Von 10,000 Bayern besuchen 53 eine höhere Schule; es kommen auf 10,000 katholische Bayern 42, auf 10,000 prostetantische Bayern 67, 10,000 Juden in Bayern 370 Schüler. Die Verhältnißzahlen sind für Württemberg: 84, 53, 93, 590; für Baden: 64, 41, 86, 417; für Hessen: 68, 50, 67, 333; endlich für das Königreich Sachsen: 40, 23, 40, 357. Die relativ geringere Betheiligung der Katholiken am Genüsse des höheren Schulunterrichts, die in diesen Zahlen sich ausspricht, tritt im verhältnißmäßig stärkerem Grade bei den Realanstalten als bei den humanistischen Gymnasien hervor. Covlenz. Auf die Gefahr hin, unfern Gönnern und Freunden, den ehrenwerthen Herrn Antisemitenhäuptlingen eine unangenehme Stunde zu bereiten, fühle ich mich doch veranlaßt, Ihrem geschätzten Leserkreise von einem Acte ächter Toleranz Kenntniß zu geben, der um so bemerkenswerther ist, als er von hoher Stelle geübt wurde. Bei Gelegenheit der silbernen Hochzeit des erlauchten Fürstenpaares zu Neuwied und der in Folge dessen ergangenen Einladungen an die Notabeln dieser Stadt, wurde Herr Lehrer und Prediger Ransenberg gleich den christlichen Geistlichen zu einem „Caf4 dansant“ bei dem Fürstenpaare und zu einem „6akö“ bei Ihrer Durchlaucht der Fürstin Mutter huldvollft eingeladen. Bierserr. Von einer heldenrnüthigen Errettung aus Lebensgefahr, deren sich der Sohn einer hiesigen jüdischen Familie in Frankfurt a. M. verdient gemacht hat, berichtet das „Frankfurter Volksblatt": „Beim Ausschachten eines Kanals vor dem Hause „Hinter der schönen Aussicht 2" in Frankfurt strömte Gas in einer solcher Menge aus einem Rohre, daß vier Arbeiter plötzlich bewußtlos wurden und in die Tiefe stürzten. Ein nebenan thätiger Arbeiter rief sofort um Hilfe, woraus zwei Männer, worunter ein Spengler, herbeieilten und sich hinabbegaben. Bei dem Vorhaben jedoch, die Arbeiter herauszuholen, ereilte den Spengler dasselbe Schicksal und er fiel ebenfalls in dcn Schacht hinab, während der Andere, als er den Spengler hinunterfallen sah, sofort sich wieder in die Höhe schwang. Ein wackerer jüdischer Metzger, der im Begriffe war, zur militärischen Generalaushebung zu gehen, gab sich hierauf daran, die Verunglückten aus ihrer verhängnisvollen Lage zu befreien, was ihm auch soweit gelang, daß er drei d rselben aus der Tiefe hervorholte. Unterdessen war die Feuerwehr herbeigeholt, welche auch die beiden übrigen vom sicheren Tode des Erstickens befreite. Die fünf Verunglückten, welche außer ihrer Bewußtlosigkeit mehr oder weniger Verwundungen erlitten, wurden zur Wiederherstellung dem Heiliggeifthospital überwiesen. Der muthige Metzgerbursche Lion, welcher die erste Hilfe leistete, begab sich darauf zur Musterung und wurde zur Kavallerie ausgehoben." (Lion ist, wie wir erfahren, mittel- und stellenlos und muß bis zu seiner im Oktober erfolgenden Einziehung die Wohlthätigkeit seiner Glaubensgenossen in Anspruch nehmen, die ihm hoffentlich in reichem Maße zu Theil wird. Red. d. Jsr.) Würzbirrg. Dr. Joseph Heimburger von der hiesige,! Universität ist als Professor für Strafrecht und Straipiozeß an die Universität -Ltraßburg berufen worden. Bei seinem Eintritt in das Lehramt 1893 veröffentlichte er die Schrift: „Die staatskirchenrechtliche Stellung der Israeliten in Bayern, ein Beitrag zuc Lehre von der Privatkirchengesellschaft." Nutzdorf. (Schwierige Lebensrettung durch einen Juden.) Hierselbst sprang der Bindergehilfe Thomas Kraholetz in den Donaustrom. Ein Straßenpassant, Leopold Blumenthal, Vertreter der Wiener Firma Emanuel Mühlrad, sprang in voller Kleidung dem Lebensmüden nach und brachte ihn unter großer Mühe noch lebend an's Ufer. Carlsvad. (Eine wackere Thal.) Dieser Tage badete ein hiesiger Knabe, im ungefähren Alter von 14 Jahren, in der Nähe der städtischen Sckwimmschule. Plötzlich verlor er den Boden unter seinen Füßen und zum Entsetzen mehrerer Personen, welche ihn beobachteten, wurde er von den Wellen fortgerisscn. Die Zuschauer waren durch die schreckliche Situation des Knaben derart außer Fassung gebracht, daß sie auf die Hauptsache, nämlich die Rettung des Ertrinkenden vergaßen. Schon hielt man den Knaben für verloren, als sich plötzlich ein bejahrter Herr, ohne sich der Kleider zu entledigen, in den Fluß warf und denselben mit eigener Lebensgefahr und unter den größten Anstrengungen voni sichern Tode rettete. Der wackere Lebensretter war Herr David Moser, der Mitinhaber des k. k. Specialitäten- Hauptverlages von EarlSbad der in der Nähe angelte und ohne Zögern bereit war, sein eigenes Leben für ein anderes zu opfern. (Prag. Tagbl.) Carlsba-. Fürst Ferdinand von Bulgarien überbrachie dem hier zur Eur weilenden Hosschauspieler Adolph von Sounenthal vor dessen Abreise persönlich sein Bild und die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, die bisher nur die Königin von Rumänien erhalten hat. Feuilleton. Der Geigenspieler. (Schluß.) Es war so plötzlich gekommen . . . gerade am Sabbatabend nach der Hochzeit seiner ältesten Tochter . . . Zwar herrschte seit einiger Zeit eine gedrückte, schwüle Atnlvsphäre, aus der Umgegend kamen beunruhigerlde Nachrichten, daß man die Wohnungen der Juden überfallen und geplündert, Frauen geschändet, Greise und Kinder gemordet hatte . . . Aber er schenkte den, keinen Glauben, überdies lebte man hier mit den Christen im schönsten Einvernehmen, er selber stand in vielerlei Handelsverbindungen mit ihnen, wurde von ihnen hochgeschätzt, viele lebten sogar von ihm. Wie sollte man da ahnen . . .? Und doch . . . In jener schrecklichen Nacht, als sie gerade in trautem Kreise um die 'Neuvermählten herumsaßen, ließ sich von der Ferne ein unbestimmtes Geräusch vernehmen, das immer mehr anschwoll und näher kam, bis es dem tosenden Brüllen eines Meeres glich. Alle eilten schreckensbleich zu den Fenstern, da erscholl ein Klirren wie von tausend eingeworfenen Scheiben. Ein Hagel von Steinen ergoß sich in das Zimmer hinein, einer traf seine Frau, die sogleich mit blutendem Kopfe zusammenbrach. Dann krachte das Thor, eine schwarze, vielköpfige Menge füllte das Haus, alles niedertretend, vernichtend, zerschmetternd. Vergebens war jedes