Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1896)
- Date
- 1896-08-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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UXVÜ, Jahrgang. Beilage;u M 64 des „Israelit“. Feuilleton. Holländische Reisebriefe. VIII. „Alles Gescheidte ist schon gedacht worden; man rnuß nur versuchen, es noch einmal zu denken." So Altmeister Goethe. Wahrscheinlich hat er Recht, allein ich muß offen gestehen, diesen ganzen Vormittag seiner Lehre entgegengeacbeitet zu haben. Ich habe den ganzen Morgen versucht über eine Frage, die gewiß außerordentlich gescheidt ist, nicht mehr zu denken, und nun plagt mich das Ding, seit ich mich in Amsterdam von ineinem treuen Freunde, der mir in der jüdischen Großstadt ganz besondere Ciceronedienste geleistet hat, mit kräftigem Händedrucke im Bahnhofe verabschiedet habe. Wir hatten die Frage noch im letzten Augenblicke besprochen, und dann stieg sie heimtücktisch mit mir in's Coups, und dann bei denr ewigen „Bumdada, Bumdada" der Eisenbahnräder tanzte sie mir hüpfend im Kopse herum und stieg mit inir in Scheveningen aus. Es war die Frage: Ist es für uns Juden besser, wenn Kirche und Staat im Lande getrennt oder nicht getrennt sind? Bei uns in Deutschland sind sie nicht getrennt. Dadurch erhalten die jüd. Gemeinde-Vorstände staatliche Macht und Stütze bei ihrer Verwaltung und sie können jeden Juden zum Beitrage und zur Theilnahme am Gemeindeleben zwingen. Dagegen hat der Staat bei Stellenbesetzungeen von Lehrern und Rabbinern und in anderen Sachen der Gemeindeverwaltung gehörig mitzureden, und wer da zufällig des Staates Ohr zeitweise erwirbt, kann die Richtung angeben. In Holland sind Kirche und Staat getrennt. Wohl werden noch einige Subventionen aus der Staatskasse ertheilt, das sind aber mehr freundliche Rücksichten auf bestehende Zustände. Der Staat läßt das kirchliche Gemeindewesen vollständig autonom schalten und walten, wodurch aber andererseits jeder gesetzliche Zwang fortfällt, den der Vorstand auf seine Mitglieder ausüben könnte, jeder Beitrag oder Anschluß ist nur ein contractliches Civilverhältniß, durchaus keine landesgesetzliche Pflicht. Also Licht- und Schattenseiten! Was ist nun bester? Ich glaube: bester ist autonom sein d. h. also: getrennt. Ja, aber die Gemeinden müssen doch sinanziell fortbcstehen können und-— Lieber Himmel! Da ist sie wieder, die Frage und „da sollen zwei Millionen Donnerwetter dreinschlagen," würde mein alter Feldwebel ausrufen. Ich will jetzt nicht. Nein, die Frage soll mich jetzt in Ruhe lasten. Bin ich dafür im Seebad, zum Vergnügen, zur Ruhe, zur Erholung? Und dann läßt sich diese lästige Frage nicht in einem Reisebriefe beantworten. Wöire auch langweilig für den Leser und gar nicht angebracht beim deutschen Publikum, «n'vvb xnbnl Wie kam ich aber zu dieser Frage? Ganz einfach. Erstens dadurch, daß ich den Unterschieden zwischen Holland und Deutschland hinsichtlich der jüd. Verhältnisse nachgehe. Zweitens, weil Vieles, was ich über das Getriebe in der großen Amsterdamer Kehilla und in dem Landes-Synagogen-Ausschuffe — Centrale Commission — hörte, mich dazu brachte, der Frage näher zu treten. Die jüd. Gemeinde in Amsterdam hat natürlich eine ausgedehnte Verwaltung, ihr jährliches Budget beläuft sich auf ungefähr 200,000 Gulden. In den letzten Jahren stiegen wohl die Ausgaben, allein die Einnahmen gingen zurück, und zwar einerseits durch den Rückgang in der Diamant-Industrie, andererseits dadurch, daß eine große Anzahl in Amsterdam ansässiger Juden sich nicht der Gemeinde anschloffen, also keine Gemeindesteuern zahlten. Zu diesen Letzteren zählen nicht nur Solche, die nur der Geburt und dem Namen nach noch Juden sind, sondern auch viele Andere, die noch zu Zeiten die Synagogen besuchen und mehr oder weniger jüdisch leben; allein sie mietheten einen Platz in einer Chewra-Synazoge, und zur Gemeinde zahlen sie Nichts. (Wo lassen sie sich aber dereinst begraben? Red.) Dadurch wurden in den letzten Jahren die Deficite immer größer. In Folge hitziger Debatten in den Sitzungen der Gemeinde-Repräsentanz, legten die alten Parnossim ihr Mandat nieder. Neue traten auf, führen allerlei neue Maßregeln ein, suchen die Finanzen zu heben, alte Verwaltungs-Maßregeln, die Geld kosteten, werden aufgehoben u. s. w. u. s. w. Ich habe als Fremdling kein Urtheil über den Werth dieser Maßnahmen, dazu fehlt mir jede lokale Erfahrung. Auf der einen Seite hörte ich es bedauern, daß die Parnossim vom alten Schlage, ander alten Amsterdamer Noblesse, jüngeren Leuten, meist vom Lande hereingezogen, haben weichen müssen, auf der anderen Seite lobte man das kräftige, wenn auch manchmal etwas sausewindige Streben dem finanziellen Gewackel ein Ende zu machen. Hierzu kommt noch, daß sich da noch Vieles um die rabbinatlichen Verhältnisse dreht. Ein Oberrabbiner und drei Rabbiner bilden das Amsterdamer Rabbinat. Herr Oberrabbiner Dr. I. H. Dünner, ein Mann von hoher Bedeutung, strengem, unbeugsamen Character,