Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1896)
- Date
- 1896-08-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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-y-ZsT^v-vV* r?.> 1225 das Alltagsleben mit seinen Sorgen und Plackereien für die Dauer von ganzen sechs Tagen auf's Neue beginnt. Es ist eine Empfindung, wie beim Uebertritt aus einer höheren weihevollen Welt in eine andere, triviale. Hier sanimelten sie sich immer, um frisch an die tägliche Arbeit zu gehen und die Pläne für die nächste Woche zu besprechen. Was sie aber besonders anlockte, und wie mit magischer Kraft hierherzog, war das Geigenspielcn eines unbekannten Musikanten, der seit längerer Zeit an jedem Sabbatabend hier ein Solokonzert auf seinem Instrumente gab. In einem der Säle stand auf einer Estrade von Brettern, die ein fahlgewordener Teppich bedeckte, ein altes Klavier. Das Instrument war ausgedient, verstimmt und wurde nicht mehr benutzt. Es diente blos zur Parade. Das Schicksal, welches mit leblosen Dingen zuweilen wie mit Menschen verfährt, hatte es aus dem glänzenden Salon in die Kneipe geschleudert, wo es in früherer Zeit allabendlich vor dem Publikum ächzen und die raucherfüllten Räume mit Musikklängen erfüllen mußte. Nun burftc cs Gnaden halber seinen Ehrenplatz weiter behaupten. Aber als die Uhr über dem Büffet die siebente Stunde schlug, brachte der Kellner ein hohes Notenpult, stellte cs neben das Klavier und gleich daraus trat ein ältlicher, gebückter Mann in langem unförmlichen Mantel ein, unter dem er sorgsam und zärtlich eingehüllt, wie ein Kleinod, eine Geige verbarg. Sein Haar war schon vom Reif des Alters ziemlich stark bedeckt, im Gesichte hatte er unzähliche Furchen, die Augen blickten müde und wie erloschen unter den schlaffen Liedern; doch sobald er zu spielen begann, schienen sie sich zu beleben, und je länger er spielte, desto lebhafter brannte das Feuer in demselben. Er legte den verschlissenen Mantel ab, ergriff die Geige, rückte sie zurecht und ließ einige Accorde vernehmen. Dann entquollen seinen Fingern die Töne eines alten sentimentalen Walzers, von ruhigem maßvollen Rhytmus, wie der Gang einer alten Uhr. Die Juden hielten in ihrer leisen Unterhaltung nicht inne; sie fuhren fort über ihre Angelegenheiten irn Flüstertöne sich zu berathen, ohne diese Spielerei, die nicht für sie berechnet war, der Beachtung zu würdigen. Aber eine in der Nähe sitzende Schustersfrau, mit rothem Gesichte und leicht rührbarer Seele, stieß ihren Gatten am Arme und sagte schmelzend: „Hörst Du's Männchen? Auf unserer Hochzeit wurde eben dieser Walzer gespielt. Erinnerst Du Dich noch, Herzchen?" „Er—inne—re mich noch, Schatz!" versetzte stammelnd der Schustermeifter. „Spielt der aber, daß ihm der . . ." „Ja, so, liebes Herz, der arme Mann; auf seine alten Tage muß er fideln. Reich ihm einen Groschen, leg's hin auf's Pult. Mag er für seine Arbeit belohnt werden, da er mich an die jungen Tage erinnert." Der Gatte erhebt sich und schwankenden Schrittes, aber mit kecker Miene näherte er sich der Estrade. In der hingestreckten Hand hält er die zwei Groschen und öffnet den Mund um etwas zu sagen, als sein Auge dem Blicke des Spielenden begegnet. Es mußte etwas Magisches in diesem Blicke gelegen haben, denn der gute Meister ließ die Augen sinken, stotterte etwas wie eine Entschuldigung und beschämt, gleichsam betroffen, schob er die Gabe zwischen die auf dem Klavier herumliegenden Notenhefte und entfernte sich. Dieser Kneipenkünstler verstand es augenscheinlich, für seine Person Achtung zu erwecken. Er verhielt sich würdevoll, sammelte keine Gaben auf die Noten und ging nicht mit dem Teller umher. Es achteten ihn daher die Gäste ohne Ausnahme. Wenn er spielte, nahm seine Stellung etwas befehlendes an und sein Blick gewann einen Ausdruck von Stolz. Auch der berauschte Handwerksbursche, wenn er in seiner Nähe saß, mäßigte seine Ausdrücke und Gesten, um ihn nicht 511 beleidigen. „Unser Geiger," nannte man ihn in dieser Kneipe. Niemand kannte ihn näher, Niemand wußte woher er kam. Bor einigen Monaten hatte er hier zu spielen begönne«, und seither stellte er sich ein paar Mal in der Woche, regelmäßig aber am Sabbat Aberlds ein, und spielte mit kleinen Unterbrechungen, bis es Mitternacht schlug. Dafür bekam er etwas Geld und ein Abendbrot, welches er jedoch hier nicht verzehrte, foitbcru in ein Papier gewickelt nach Hause mitnahm. Ein dunkles Gerücht erzählte, daß dieser Geigenspieler ans ferner Gegend hergekommen sei und einmal bessere Tage gesehen habe. Schwere Unglückssälle, die viele Tausende betroffen, hätten fürchterliches Unheil über sein Hans gebracht, seine Angehörigen hingerafft mtb ihn selber, vereinsamt und aller Mittel beraubt, gezwungen, mit Geigenspiel seinen kümmerlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Er war übrigens immer sehr schweigsam und verschlossen, redete Niemanden an, in der Synagoge stellte er sich in einen Winkel, das Gesicht zur Wand gekehrt. Niemand wußte, was es mit den über ihn verbreiteten Gerüchten auf sich hatte, man forschte auch nicht danach, denn in jener Zeit waren derlei, durch die genannten Unglückssälle verkümmerten und zerbrochenen Existenzetl nichts Seltenes, und zogen die Aufmerksamkeit nicht aus sich. Hier erschien er pünktlich zur Stunde, spielte bis Mitternacht, ohne lange Pausen zu machen, so daß seine Finger fotwährend in Bewegung waren. Man hatte sich an ihn, etwa wie an ein altes Möbelstück oder ein Bild gewöhnt, das zur Einrichtung des Lokals gehörte.