Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1896)
- Date
- 1896-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1223 Massen der Bevölkerung erfassen. Nach Argentinien sind bisher durch die Colonisations-Gesellschaft nicht mehr als 500 Familien übersiedelt worden, was im Durchschnitt 125 Familien jährlich ausmacht, und wenn man diese Ziffer in Zukunft sogar verdreifachen sollte, so wird sie nicht mehr als ein Fünfzehntel der Juden ausmachen, welche jährlich in Rußland geboren werden. Die Anzahl der jüdischen Bevölkerung Rußland's wird also durch die Emigration keineswegs geringer, folglich wird die Lösung der Judenfrage vermittels der Kolonisation Argentiniens nicht im Geringsten gefördert. Wozu sollte man demnach Menschen und Kapitalien nach überseeischen Ländern schicken, wenn diese und jene in Rußland bleiben können? Unser Land ist groß und reich. Hunderttausende von Dessjatinen jungfräulichen Bodens harren des Pflügers, und zur Belebung der unermeßlichen Einöden, welche in ihrem Schoße unzählige Reichthümer bergen, sind Menschen und Geld nöthig. Daß die Juden gute Landbauer sind, ist heute keine streitige Frage mehr, sondern unbezweifelbare Thatsache. In Argentinien, in Palästina und bei uns zu Hause, im Süden Rußland's, legen die weiten Felder, welche durch jüdische Hände bestellt worden, beredtes Zeugniß dafür ab, daß die Juden arbeiten können und arbeiten wollen. Nicht umsonst werben die Gutsbesitzer bei uns im Süden jährlich Hunderte von Juden für ihre Feldarbeiten an. Jetzt kann die Kolonisations-Gesellschaft ein ungeheures Kapital zum Ankauf von Land und alles desjenigen, was zur Bearbeitung desselben nothwendig ist, verausgaben. Weshalb sollte die Gesellschaft ihre Thätigkeit nicht nach Rußland verlegen? Wo sind die vernünftigen Gründe gegen eine solche Richtung ihrer Thätigkeit? Zum Glück werden in Rußland Fragen von eminenter Bedeutung nicht durch Zeitungspolitiker des antisemitischen Lagers entschieden. Männer mit ernsten Ansichten müssen anerkennen, daß die Ueberführung bedeutender ausländischer Kapitalien nach Rußland, speziell behufs Bevölkerung brachliegender Ländereien mit russischen Unterthanen, im Interesse der Entwickelung der landwirthschastlichen Kraft des Landes höchst wünschenswerth ist. Als vor drei Jahren Herr Dr. Krauskopf aus Philadelphia mit denr Plane einer Kolonisation der Juden innerhalb Rußlands nach Petersburg kam, wurde ihm, obgleich er nur über sehr geringe Mittel, welche zu diesem Zweck von einigen amerikanischen Wohlthätern zugefagt waren, verfügte, von hochgestellten Beamten bedeutet, daß seine Idee Anklang finden würde, sobald er ein solides Projekt einreicht. Es ist erklärlich, daß es dem Prediger aus Philadelphia schwer werden mußte, solide Summen für seinen Zweck aufzubringen, aus denen man solide Projekte hätte begründen können. Jetzt aber, da die materielle Seite des Unternehmens als vollständig gesichert erscheint, wäre es sündhaft, die nöthigen Schritte nach derjenigen Richtung nicht zu thun, wo man hoffen darf, die besten Resultate zu erzielen, welche zum Nutzen des Vaterlandes und zum Frommen der armen jüdischen Bevölkerung erwünscht sind." Wereinsnachrtchten. Jerusalem. Dem Bericht des Frauen-Vereins Esrath Naschim in Jerusalem, seit seiner Gründung am 1. Teweth 5655 bis Ende Niffan 5656, entnehmen wir: Wir treten heute zum erstenmal mit einem Rechnungsbericht in die Oeffentlichkeit. Die darin enthatenden Zahlen sprechen deutlich für die segensreiche Wirkung unseres Vereins. Derselbe hat einem vorher oft und sehr merklich gefühlten Bedürfnisse abgeholfen. Durch die Verabreichung von Fleisch, Geflügel, Milch, Wäsche und barem Gelde haben wir nicht selten Wöchnerinnen und andere Kranke vor längerem Siechthum, wenn nicht vor dem sicheren Untergange, bewahrt. Während sich diese unsere eifrige Thätigkeit zum Segen mancher armen Familie gestaltete, wurde nach einigen Monaten unser Augenmerk noch aus einen andern Gegenstand gelenkt. In der 30000 jüd. Seelen zählenden Bevölkerung Jerusalems, die von vielen harten Schicksalsschlägcn hcimgesucht wird, darf es nicht Wunder nehmen, daß hie u. da ein Fall von Geisteskrankheit vorkommt. Besonders die von düsterer Nacht umschattete Frau ist hier unter der orientalischen Bevölkerung eher dem Unheil preisgegeben, als eine solche Frau in der civilisirten Welt. Sind doch schon leider Fälle vorgekommen, die uns zu dieser Behauptung Veranlassung geben! Die Ehre des jüd. Namens und die Humanität forderte es also, diese unglücklichen Geschöpfe in ihrem trostlosen Zustande in cinenl Hause zu sammeln und sorgfältig zu pflegen, dies um so mehr, als doch im ganzen Lande kein solches eristirt. Während es sich bald herausstellte, daß unser energischer Schritt, in welchem uns Gott und edle Menschen beigestanden, den Pfleglingen der Anstalt zum Segen wurde (diese machten in ihrer Gesundheit erfreuliche Fortschritte), machte sich zugleich auch das dringende Bedürfnis bemerkbar, die Anstalt zu vergrößern. Die Zahl der Kranken nahm um das dreifache zu, und wir mußten, da wir den wachsenden Ausgaben mit unseren nur allzu bescheidenen Mitteln nicht mehr standhalten konnten, an den Wohlthätigkeitssinn der Glaubensgenossinnen im Auslande appelliren. Wir thatcn dies mit dem Bewußtsein und in der Ueberzeugung, daß das Ideal jeder warhaft jüdischen Frauen sein muß: Kräftige Antheilnahme an der Förderung der