Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 64 (10.8.1896)
- Date
- 1896-08-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1222 Thätigkeit und feiert zugleich seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Daß er dies Alter, und zwar in voller geistiger Frische erreichte, erscheint fast ebenso wunderbar wie die Thalsache, daß er ein so reiches geistiges Leben führen und in mannigfachen Schriften den glänzenden Beweis dafür liefern konnte. Hat er doch seit vielen Jahren schon auf den Gebrauch der wichtigsten Sinneswerkzeuge, der Augen und des Gehöres völlig verzichten müssen. Blind, taub und durch andere körperliche Leiden an einen Ort gebannt, steht er mit der Außenwelt nur dadurch in Verbinnung, daß ihm die Finger treu liebender Angehörigen und verehrender Freunde und Freundinnen ihre Beobachtungen, Erlebnisse, Gedanken, Empfindungen, die Vorgänge auf allen Gebieten des Lebens, ja den Wortlaut der Zeitungen und Bücher durch Zeichen mittheilen, die sie mit der einen Fingerspitze in seine innere Handstäche ziehen und drücken. Und dennoch hat der außerordentliche Mann das scheinbar unmögliche erreicht, sich innerlich von dem Druck solchen Leidens so zu befreien, daß er sein Leben mit heiterer Resignation erträgt und sich die höchsten Geistesfreuden nicht kümmern läßt. Das bewundernswertheste Zeugniß dafür liefert Lorm's 1894 im Verlage der literarischen Gesellschaft zu Wien erschienenes Werk „Der grundlose Optimismus". In der gesamrnten Presse ist es seiner Zeit eingehend besprochen und seiner hohen Bedeutung, der bahnbrechenden Kraft, der Originalität, Fülle und Tiefe seines Gedankeninhalts entsprechend gewürdigt worden. Vor fünfzig Jahren erschien Lorm's erste Schrift unter dem Titel „Wiens poetische Schwingen und Federn." Es ist ein weiter, mühe- und leidvoller Weg der geistigen Entwickelung, welchen der Schriftsteller seitdem in diesem halben Jahrhundert zurückgelegt hat und aus dem er trotz aller Hindernifie zu jener Reife, Energie und Schärfe des Denkens und zu jener Vollendung des sprachlichen Ausdrucks gelangt ist, welche den „grundlosen Optimismus" in gleichem auszeichnen. Rußland. Riga, 30. Juli. Die Wochenschrift „Nedeljnaja Chronika Woschoda" bringt an leitender Stelle einen sehr beachtenswerlhen Artikel, welcher weitere Verbreitung verdient und deßhalb in wortgetreuer Uebersetzung mitgetheilt sei. „In letzter Zeit ist das Interesse der russischjüdischen Gesellschaft für die Kolonisation Argentiniens merklich erkaltet. Ohne Zweifel fällt ein Theil der Schuld auf das Central -Comitk in Petersburg, welches es nicht für nöthig gefunden hat, periodische Rechenschaftsberichte über seine Thätigkeit und den Gang der Kolonisation zu veröffentlichen. Die Nachrichten aber, welche in die Zeitungen drangen und auf unbekannten Wegen im Publikum verbreitet werden, die Gerüchte und Legenden waren derart, daß sie weder ein lebhaftes Interesse erhalten, noch — aufrichtig gesagt — ein großes Vertrauen zu demjenigen erwecken konnten, was unter der geheimnißvollen Aegidc der Leiter des Hirsch'schen Kolonisations- Unternehmens geschah. Gegenwärtig tritt die Gesellschaft in eine neue Phase ihrer Entwickelung und gewinnt so mächtige Mittel zur Arbeit, daß man ihr unwillkürlich allerernsteste Aufmerksamkeit zuwenden muß. In dieser Woche versammeln sich in London alle neue Leiter desKolonisations-Untcrnchmens, der Anglo-Jewish-Affociation, der Pariser Alliance Jsraelite Universelle, der jüdischen Gemeinden von Berlin, Frankfurt und Brüssel, mit einem Worte, alle Besitzer von Aktien der Gesellschaft. . . . Unter Anderem wird der Kongreß die Verhandlungen mit der Wittwe des Baron Hirsch über die Höhe des Kapitals, welches sie an die Kaffe der Gesellschaf zu zahlen geneigt ist, zu Ende zu führen haben. Bekanntlich hat der verewigte Philantrop seine Gemahlin, Frau Clara Hirsch, zu seiner Unioersal-Erbin bestimmt; falls sie sich aber weigere, die Erbschaft zu übernehmen, dann sollte das gesammte Vermögen der Kolonisationsgesellschaft zufallen. Die Baronin Hirsch hat auf die Erbschaft nicht verzichtet, aber aus Rücksicht auf den Wunsch des Verewigten, welcher die Kolonisationsgesellschaft zum nächsten Erbschastskandidateu bestimmt hatte, hält sie es für eine moralische Pflicht, einen bedeutenden Theil des ihr zugefallenen Vermögens demjenigen Werke zu widmen, dessen Gedeihen der Verewigte zur schönsten Aufgabe seines Lebens gemacht. Die Summe ist noch nicht genau festgesetzt, aber sie wird jedenfalls sehr bedeutend sein. Aus sicherer Quelle erfährt unser Correspondent, daß eine Zuwendung von hundert Millionen Franks und vielleicht noch mehr erwartet wird. Der Londoner Kongreß hat seinem ausführenden Organ, dem Präsidium der Gesellschaft, die Verwendung der erwarteten großen Summen, sowie anderer Kapitalien vorzuzeichnen. Bei uns in Rußland sieht kein denkender Mensch in der Emigration ein einigermaßen ernstes Mittel zur Lösung der Judensrage. Die Geschichte hat ihre unabänderlichen Gesetze, und die jüdische Geschichte, welche in diesem Falle keine Ausnahme bildet, beweist, daß das Schicksal der jüdischen Bevölkerung sich überall auf der ganzen Erde nach einem und demselben Gesetze gestaltet: einerseits vollzieht sich die allmähliche Gleichberechtigung der Juden mit der Stammbevölkeruug und andererseits kommt stufenweise die kulturelle Vervollkommnung der Juden. Alle anderen Wege, jedwede Repressalien eine künstlische Entfremdung der Juden vom staatsbürgerlichen Leben des Landes verschärfen die Judenfrage nnd entfernen dieselbe von der regelrechten Lösung. Die Emigration kann kaum bedeutende