Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 63 (6.8.1896)
- Date
- 1896-08-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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übrig läßt. Ich hörte im Gegentheil leider traurige Beispiele von Jndifferenttsmus und religiösem Verfall. Tausende junge Leute und Männer jüdischen Glaubens sitzen Samstags in und vor den Kaffeehäusern, Cigarre rauchend und treife-effend, Tausende haben ihre Läden und Comptoire am heil. Sabbat geöffnet. In den letzten zehn Jahren soll der Abfall von der väterlichen Religion schauderhaft zugenommen haben. Ich hörte aber andererseits auch wieder herrliche Beispiele von der Treue und Festhalten unserer Emunoh. Man erzählte mir von einem Mekor- Ch aji m-V er ein von circa 120 echt jüdischen jungen Leuten, von einem f r o m m e n jüdischen Arbeiter-Verein „Bezalel" genannt. Gewiß, auch hier herrscht starke Gährung, aber die offizielle Führung ist echt jüdisch. Bei allem Abfall liegt hier doch noch Kraft im Judenthume. Ich habe den tiefen Eindruck erhallen, daß in diesen holländischen Juden und speziell in Amsterdam ein Kern steckt, der das alte Wort svbx ub zur Wahrheit macht und machen wird. Ich habe Ihnen noch manches höchst Inlereffante mitzutheilen, heute aber, keine Silbe mehr. Adieu. (Fortsetzung folgt.) B. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 31. Juli. Unter dem Vorsitz Prof. Virchow's hat sich auf Ersuchen des Moskauer Organisations-Comites für den auf den August 1897 einberufenen XII. Internat. Medizin. Kongreß nach dem Vorgänge bei dem römischen Congreß, und zwar zunächst provisorisch, ein deutsches Reichscomitö gebildet. Diesem gehören die ersten Koryphäen deutschmedicinischer Wissenschaft, neben Virchow, v. Bergmann, Waldeyer, Gerhardt, Fränkel u. v. a. an. Der Grund, aus dem bisher nur eine provisorische Conftituirung erfolgte, ist folgender: Das Konnte; hat, bevor es endgültig seine Thätigkeit übernimmt, geglaubt, eine Regelung der Paßfrage in dem Sinne versuchen zu müssen, daß allen deutschen ärztlichen Congreßbesuchern Pässe ohne Unterschied der Religion ausgestellt werden, denen die gleichen Rechte und Verpflichtungen anhaften, daß also speziell für Aerzte jüdischer Konfession jeglich besondere Beschränkung beim Eintritt in Rußland oder beim Aufenthalt dort wegfällt. Nach den jetzt eingegangenen Nachrichten steht die Regelung der Frage in diesem Sinne in sicherer Aussicht. M. B. Elsatz-Lothrirrgen. Ihr werthes Blatt enthält in Nr. 61 das Votum von Wilhelm Humbold vom 17. Juli 1809. Dieser vortreffliche Artikel erinnert an den berühmten Brief, welchen der Graf von Mirabeau an den König Friedrich Wilhelm II. bei dessen Thronbesteigung richtete, in welchem er unter vielen weisen Rathschlägen, um den Wohlstand des Landes zu heben, die Gleichstellung der Juden empfahl. Dieser Brief fand gnädige Aufnahme, doch der gegebene Rath blieb lettre morte. Mirabeau war noch unter Friedrich dem Großen die angenehmste Persönlichkeit, die Frankreich nach Berlin schicken konnte. Zwanzig Jahre später ertönte seine mächtige Stimme inmitten der National-Versammlung, wie folgender Auszug der damaligen Sitzung vom 24. Dezember 1789 es bezeugt. „Sollen die Schauspieler (eowtzckikmx) und die Juden das Bürgerrecht genießen d Herr von Beanmetz greift die Juden auf's heftigste an, verlangt Zurückstellung für alle Juden. Graf von Mirabeau: sticht ohne Erstaunen habe ich diesen achtbaren Redner mitangehört, Ihnen sagend, daß die Juden vielleicht keine Civil- und Militär-Aernter bekleiden wollten, für welche Sie dieselben würdig erklären wollen und schließt ironisch, dieses wäre von Ihnen eine zwecklose Freigebigkeit! Nun, meine Herrn, ist es wahr, daß die Juden nicht Bürger sein wollten, daß Sie dieselben nicht als solche erklären sollend In einer Verfassung als solche, welche Sie jetzt aufbanen, nlüssen alle Männer Menschen sein, man muß alle aus Ihrer Mitte ausweisen, die es nicht sind oder es ablehnen, es zu werden. Aber das Gesuch, welches die Israeliten dieser Versammlung vorlegten, beweist gegen die Behauptung des Vorredners. (Hier liest Mirabeau einen Satz des Gesuchs vor.) Ich beantrage, daß man die Frage über die Israeliten vertage, um dieselbe später noch besser zu beleuchten, habe aber einstweilen die Eindrücke zerstören wollen, welche der Vorredner gegen dieses Volk aufbrachte, welches eher unglücklich als strafbar ist. Mirabeau wollte sich hiermit das Terrain für die Hauptredeschlacht vorbereiten. Doch dieses Vorposten-Gefecht, die Juden vor Lügen und Verschmähung schützend, schmetterte er deren Feinde mit solcher Wucht entgegen, daß die Versammlung folgenden Antrag annahm: „Alle Bürger ohne Ausnahme des Cultus sind fähig erklärt für alle Civil- und Militär-Aemter." Oe st er r. -Ungar. Monarchie. Budapest. In dem benachbarten Alt-Ofen, wo einst Autoritäten ersten Ranges auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft und Gelehrsamkeit als Rab-