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Der Israelit · 1896-08-06 · Heft 63 (6.8.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 63 (6.8.1896)
Date
1896-08-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTIL Jahrgang. Erste Beilage M M 63 des „Israelit“. Feuilleton. Holländische Unfein tefc. VII. Sonntag Nachmittag.' Bei Krasnapolski sitze ich, vor mir einen Schoppen sog. Münchener Kindl. Allzu bedächtig trinke ich mein Vier, gar nicht wie zu Hause, wo ich in einem Zuge mein Krnglein leere. Wissen Sie, woher das kommt? Ich denke über alles das nach, was ich in den letzten drA Tagen gesehen und gehört habe. Und ich lies; mir vom Kellner einen Bogen Papier geben, Uin Ihnen meine Eindrücke frisch und warm zu übermitteln. Wenn nur das Vier nicht auch warm wäre! I i) bleibe noch bis morgen Nachmittag hier, dann gehe ich zurück nach Scheveningen. Ja so! Sie wissen ja noch gar nicht, wo ich mich besinde. Ich sitze in A m st e r d am, der berühmten Hauptstadt Hollands, in dem großen Eafö Krasnapolski, in der WarmäSstraße. Ringsum in den großen, schönen Sälen und Hallen herrscht ein echt großstädtisches Gewimmel und Gesumme. Ich studire die Leute und ertappe mich dabei, wie ich bei jedem Besucher herauszufinden mich bestrebe, ob er auch ein Glaubensgenosse ist Es in ganz merkwürdig. Wenn man in Amsterdam ein Paar Tage herumgebummelt hat und sich, wie ich, hauptsächlich um das jüdische Leben und die jüdischm Verhältnisse bekümmert und in dessen Mitte sich bewegt hat, da könnte man glauben, halb Amsterdam bestehe aus Juden, und das ist natürlich bei weitem nicht der Fall. Die Stadt Amsterdam hat ungefähr eine halbe Million Einwohner, von denen ungefähr der zehnte Theil Juden sind. Diese Anzahl ist freilich nicht klein, aber doch nicht außerordentlich hoch, sie erscheint aber höher, weil das jüdische Leben und Wesen hier stärker entwickelt und ausgeprägt ist, als in deutschen Städten. Dabei wohnen die Juden Amsterdams größtentheils in einem Stadtviertel, das so groß ist, wie manche kleine Stadt. In diesem Viertel befinden sich die sieben Gemeindesynagogen um noch etwa zwanzig Chewrasynagogen, die indischen Gemeinde - Verwaltungs-Gebäude, die Waisenhäuser, die Spitäler, das Psründnerhaus und Irren-Anstalten, das Beth-Hamidrasch, Talmud-Thora- Schule, Rabbiner- und Lehrer-Seminar, Kinderschnlen und Bewahrschulen, Mikwa, Fleischhalle und so und so viele jüdische Bereinslokale. Auch die Portugiesisch- Israelitische Gemeinde hat in diesem Viertel ihre Synagoge mit Beth-Hamidrasch und Seminar, Waisenhaus, Kinderschule u. s. w. Hier sind auch die drei Straßen-Complexe, wo die ärmere jüdische Bevölkerung von jeher bis auf den heutigen Tag ihre Wohnungen hat. In früheren Zeiten nannte man diese drei Complexe: Insel-Marken, Enleabnrg, Flohenburg. Da sieht es ganz eigenthümlich aus. Tausende von Männern, Frauen und Kindern, darunter manche die schmutzig und verkommen aussehen, wohnen und leben da — beinahe ganz aus der Straße. Jüdische Kutscher, Schuster, Schmiede, Zimmerleute, jüdische Schutzmänner, Dienstmänner, Frachtträger, Gemüse-Verkäufer und Verkäuferinnen, jüdische Arbeiter aller Branchen, auch die geringeren unter den Diamant-Fabriksarbeitern u. s. w. u. s. w.. Alles wohnt da in bunter Mischung. Dagegen findet man in der Juden-Breitestraße, Hochstraße, Napenburgerstraße u. s. w. (ich konnte alle Straßennamen dieses Viertels unmöglich notiren oder behalten) mehr die Geschäftsleute, kleinere und größere Läden und Magazine, worunter manche von bedeutendem Umfange. In den feineren Gegenden des Judenviertels, wie z. B. die Nieuwe Heerengracht und Kaisersgracht und Prinzengracht und viele Straßen mit Lahn z. B. Franschelahn, Kirklahn u. s. w. begegnet man mehr den jüdischen Notabilitäten. Und dabei sagte man mir, daß die ausgesprochene Eigenthümlichkeit des Judenviertels sich seit ungefähr zwanzig Jahren bedeutend verringert habe, daß in allen Ecken und Enden von Amsterdam viele Juden wohnen, in manchen neueren Straßen, sogar Haus an Haus. Und so sind denn auch bereits in den entfernteren Stadttheilen Vereins-Synagogen und Religionsschnlen von den dortigen Bewohnern errichtet worden. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen, kann sich schwerlich von dem altjüdischen Wesen, das hier herrscht, eine Vorstellung machen. Ich war Freitag- Nachmittag, eine Stunde vor Sabbat-Beginn in der Juden-Breitestraße. Dieses Untereinander und Durcheinander, dieser Wirrwarr von eilenden, laufenden, schreienden Juden und drei Stunden später: Sabbatruhe und frischgewaschene spazierende Menschen! Ich stand Sabbat-Vormitttag da in der Gegend der Synagogen auf dem großen Jonas-Daniel-Maier- Platz. (Dieser Platz trägt den Namen eines berühmten jüdischen Advokaten) und sah, wie aus den Synagogen nach beendetem Gottesdienste die Ströme der Menge, sabbatlich gekleidet, alle Wege und Straßen füllten. Man sah gar keine, anderen Menschen, Alles war Schabbes, Schabbes! Glauben Sie deßhalb aber nicht, daß auf religiösem Gebiete hier Alles nun nichts zu wünschen

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