Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 63 (6.8.1896)
- Date
- 1896-08-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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( 5 1203 Sozialdemokratie haben entweder ihre Religion gewechselt, das heißt, sind Christen geworden, oder aber sich für konfessionslos erklärt." Und in der That, ein wirklicher Jude kann kein Sozialdemokrat sein, ist es auch nie gewesen und wird es auch nicht sein; aber nicht aus Gründen, die das antisemitische Blatt, um den Juden, bei der Wahrheit über sie, doch eins am Zeuge zu flicken angibt, weil nämlich „das Judenthum die Gleichbeil und Brüderlichkeit perhorrescirt, und seine Religion dem Juden verbietet, einer Partei anzugehören, welche die Gleichheit und Brüderlichkeit zur Voraussetzung hat". Nein, der gläubige Jude kann kein Sozialdemokrat sein, gerade, weil er die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen heilig hält und er muß dies doch, weil seine Bibel die Schöpfung des Menschengeschlechtes mit einem Elternpaar erzählt; weil das ganze Prophetenthum von der Einheilsidee dcsMenschengeschlechtes getragen wird und weil das Judenthnm niemals eine Classe Menschen gehabt hat, die sich aus einem anderen Teige als die übrigen Menschen geknetet dünkte, wie das feudale Mittelalter bei all seiner Christlichkeit . Wer aber an die Einheit des Menschengeschlechtes glaubt und ihrer Verwirklichung entgegensieht, muß jeden im Ebenbilde Gottes Erschaffenen achten. (Oesterr. Wochenschr.) Budapest, l. August. Der hier erscheinenden „Attg. Jüd. Zeitung" wurde im Laufe von 8 Tagen aus verschiedenen Theilen des Landes nicht weniger als :> Berichte über Ritualmord-Beschuldigungen cingesandt, die alle beweisen, mit welch' rasfinirter Niedertracht und böswilligen Mitteln seitens moderner Hamane selbst in dem wahrhaft liberalen und menschenfreundlichen llngarn gearbeitet wird. Der erste Bericht stammt aus dein im Szobolcser Komitate gelegenen Orte T.-Adan, wo gelegentlich eines dieser Tage dort gasiirenden galizischen Rabbiners das Gerücht ausgesprengt wurde, daß das 5 - b Jahre alte Kind des Orts-Geistlichen (derselbe sammt Frau weilten damals in der Hauptstadt) verschwunden sei, und daß dasselbe nun der „polnische Rabbi" mit seinem Gefolge „zu ritueClcu Zwecken" geraubt habe. Schon bestürmte das bethörte und aufgehetzte Volk die Wohnung des ehrwürdigen Gastes und wollte Selbstjustiz üben, als die von der benachbarten Stadt unterdessen berufenen Polizisten dadurch dem „Spaß" ein Ende machten, indem sie das „geraubte" Kind auf dein Dachboden der Geistlichen- Wohnung munter und wohlgenmth auffanden. Laut Aussage des Kindes haben es „gute Menschen" dort versteckt, damit die bösen Juden ihm kein Leid thun. — Der zweite Fall ereignete sich in Jli<'>r<'>, tue das plötzliche Verschwinden des 4-jährigen Mädchens des Gemeinde-Richters den Judenfeinden hinreichenden Anlaß gab, die elende Lüge eines durch die Juden begangenen Ritual-Mordes zu colportiren. Einige Antisemiten erfrechten sich sogar, in Gegenwart vieler Bauern zu erzählen, daß sie mit eigenen Augen gesehen hätten, wie einige ihnen bekannte Juden auf der Fahrt zu einer Hochzeit das arme Kind mit Gewalt auf den Wagen geschleppt haben und dasselbe in einen Sack vernähten, während das Kind jännnerlich geweint habe. Es ist leicht denkbar, welchen Eindruck solche elende Erzählungen auf das leicht 511 bethörende Bauernvolk machen mußten, und es ist einzig und allein nur der göttlichen Hilfe zu verdanken, daß die Situation für die dortigen Glaubensgenossen nicht höchst verhängnißvoll wurde. Nach 4tägigem Verschwinde» aus dem Elternhause wurde das vermißte Kind auf einer dem Heimathsorte ziemlich entfernten Wiese lebendig aufgefunden, wohin sich das Kind aus Furcht vor der Zuchtruthe seines Vaters geflüchtet hatte. — Der dritte, bis zur Stunde noch nicht aufgeklärte Fall, hat sich in Miskolez zugetragen. Im Hofe eines dortigen Glaubensgenossen wurde nämlich des 'Nachts — infolge des unaufhörlichen Bellens eines Hundes — ein circa 1 Meter langer und 4«> Eentimetcr hoher Holzverschlag aufgefunden. Als die Kiste mit Hilfe voll Polizisten geöffnet ward, fand ruan in derselben ganz zusammcngekaucrt ein etwa 15 Jahre altes Bauernmädchen, welches nicht todt, sondern nur bewilßtlos datag und mit ärztlicher Hilfe zur Besinnung gebracht wurde. Eine strenge Untersuchung ist im Zuge. Allgemein ist die Annahme, daß hier ein mit Gottes Hilfe mißlilngener Versuch zu einer Blutbeschuldigung vorliegt. — cw' n:n IClt* ,'L'" xb'. Budapest. (Mischehen in Ungarn.) Die Civilehe-Jnstitution hat wohl in gar keinem Lande, wo sie existirt, dem Judenthum Rosen getragen; von solch' zersetzender Wirkung aber, wie sie hier in Ungarn ist, dürfte sie wohl nirgends sonst sein. Kaum neun Monate sind es her, daß die Verehelichung zwischen Juden und Christen gesetzlich gestattet ist, und schon zählen nach Hunderten die geschloffenen Mischehen. Laut einem eben jetzt veröffentlichten statistischen Ausweis gingen blos in den ersten vier Monaten nach JnSlebeutreten des in Rede stehenden Gesetzes 17 > Juden resp. Jüdinnen solche Ehen ein, von denen die weit größere Hälfte auf die Hauptstadt entfallt. Anfangs war man geneigt, sich zu vertrösten, daß diese horrende Zahl einerseits dem Reize der Neuheit zuzuschreiben, andererseits, daß dieselbe die Folge von früheren, mehrjährigen Verhältnissen sei; daß dem aber nicht so ist, beweist der Umstand, daß die hauptstädtischen Standesämter auch noch jetzt ununterbrochen jede Woche mehrere Civil- resp. Mischtrauungen ausweisen.