Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 63 (6.8.1896)
- Date
- 1896-08-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1202 ticren niedriger als in den anderen. Endlich finden wir noch folgende Zahlen aus London in der intereffanten Broschüre: Die Schwindsucht verursacht 16 Procent aller Todesfälle unter dem männlichen Geschlecht in London, bei den Juden aber nur 7 Prozent; 11*/2 Prozent unter dem weiblichen Geschlecht gegen 3 Prozent bei Juden. Wir können darauf verzichten, noch weitere Details anzuführen, die vorhandenen geben bereits eine vollständige Uebersicht und lassen die These vollständig gerechtfertigt erscheinen, daß das System unserer hygienischen Gesetze vollständig befolgt, dem jüdischen Volke wie dem einzelnen Juden ein längeres Leben sichert. Kolberg, 28. Juli. Der „Zeitung für Pommern" entnehmen wir: Am letzten Sonntag Vormittags 11 Uhr fand im jüdischen Kurhospital die Stiftungsfeier dieser Anstalt statt. Der Betsaal des Kurhospitals hatte festlichen Schmuck angelegt. In der stattlichen Versammlung, die sich eingcfunden hatte, bemerkten wir neben zahlreichen Badegästen den Kolberger Bürgermeister Herrn Kümmert, sowie die Vorsteher der Anstalt. Nach einleitenden Gesängen und Gebeten bestieg Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt die Kanzel, um die Festrede des Tages zu halten. In gedankenreichen und ergreifenden Worten schilderte der Redner die Mühseligkeiten und Vergänglichkeiten des Lebens, sowie die allen Schmerz der Erde verklärende Menschenliebe. Der Redner gedachte des Wegcs, den die Anstalt seit 22 Jahnn gegangen. Aus dürftigen Anfängen entstanden, sei das Hospital eine vielbegehrte Zufluchtsstätte der Armen und Bedrückten, der Beladenen und Schmerzensreichen geworden. Im letzten Jahre habe die Anstalt 171 Kranken die Pforten der Heilung ltnb Genesung öffnen dürfen Aber noch sei vieles zu thun. Der Raum sei zu eng, das Haus zu klein, nicht der fünfte Theil der um Aufnahme Bittenden könne berücksichtigt werden. Deßhalb habe die Anstalt im letzwergangenen Jahre das Nachbargrundstück hinzugekauft, damit aus erweitertem Terrain ein neuer Bau sich erhebe, nicht stolz und prunkend, sondern einfach und schlicht, aber luftig und weit, wie die Gesundheitspflege der modernen Zeit es gebiete. Mit einenr begeisternden Appell an die nie versagend.' Liebe edler Menschen, auch zu diesem großen Werke mit Einzelspenden und größeren Stiftungen zum Neubau und dessen Einrichtung Beihülse zu leisten, schloß die Festrede, welche einen tiefen Eindruck auf alle Erschienenen machte. Wußte nran doch, daß der verehrte Redner nicht ein.r fremden Sache seine Worte lieh, sondern daß einer der Mitbegründer und Leiter der Anstalt, der seine ganze Kraft für dieses Werk seines Lebens rastlos hingibt, vor uns stand! Möge reicher Erfolg das edle Streben lohnen! Mit einem Seetengebete für die Heimgegangenen Wohlthäter der Anstalt und dem Gebete für Kaiser und Vaterland schloß die ernste, erhebende Feier. Graudeirz, 81. Juli. Die Stadtverordneten- Versammlung beschäftigte sich wiederum mit der Abänderung des Gemeinde-Einkommensteuer-Regulativs von 1892 dahin, daß die jüdischen Kultusbeamten wie die christlichen von der Gemeinde-Einkommensteuer befreit sein sollen, sowie dem Antrag eines jüdischen Kultusbeamten auf Erlaß der Steuer. Letzterer Antrag wurde als ungesetzlich sofort abgelehnt, über den ersten Antrag entspann sich wieder eine lange Debatte. Der Magistrat steht auf dein Standpunkt, daß die Befreiung der jüdischen Kultusbeamten von der Steuer nicht zulässig ist. Herr Kämmerer Tettenborn führte aus, daß im Kominunalabgabengesetz von einer Befreiung der jüdischen Kultusbeamten nicht die Rede ist, und daß auch das Oberverwaltungsgericht ausdrücklich festgestellt hat, daß jüdische Kultusbeamten nicht zu befreiten Beamten gehören. Der Bezirksausschuß aber muffe sich nach diesem Erkenntniß richten und würde die beantragte Aenderung des Regulativs nicht bestätigen. Aus Grund der früheren Verhandlungen sei bei den Städten Elbing und Culm angefragt worden, wie es dort mit der Befreiung der jüdischen Kultusbeamten stehe. In Elbing sind diese Beamten auf Grund eines Gemeindebeschlusses von der Gemeinde-Einkommensteuer frei, dieser Beschluß ist aber schon vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes gefaßt und auch nicht bestätigt. In Culm ist nur der Rabbiner auf Grund eines Gemeindebeschlusses befreit, dieser Beschluß ist gleichfalls nicht bestätigt, er wird gehandhabt. Es wurde schließlich der Antrag des Herrn Stadtverordneten Belgard angenommen, in das Regulativ die Bestimmung einzuschalten, daß die Befreiung sich auch auf die jüdischen Kultusbeamten erstrecken solle. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Die „Verj udung" der Sozialdemokratie.) So lautet der jüngste Anwurf gegen das Judenthum, mit dem die antisemitische Presse gegenwärtig anläßlich des Strikes in Neunkirchen ihre Spalten füllt, weil der Führer der dortigen Arbeiter, Dr. Berstl, ein geborner Jude sein soll. Gegen den Unsinn dieses Anwurses wendet sich selbst ein erzantisemitisches Blatt, wie es die „Politischen Fragmente" sind, in seiner letzten Nummer. Jedenfalls für Dr. Berstl lehnen wir alle Verantwortlichkeit ab, er kümmert sich nicht uni uns, wir haben keinen Einfluß auf ihn. Das genannte Blatt bemerkt ganz richtig, wenn es wie Bileam nur mit dem Fluche im Herzen lobt, „daß ein wirklicher Jude, das heißt ein Jude, der an dem Glauben seiner Väter festhätt, ein Sozialdemokrat sein kann, ist ausgeschlosien . . . Die jüdischen Führer in der