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Der Israelit · 1896-08-03 · Heft 62 (3.8.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 62 (3.8.1896)
Date
1896-08-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Auch der Vergleich mit den Chinesen ist ein überaus hinkender. Die Chinesen bedrohten die amerikanischen Staaten mit einer Invasion von vielen Millionen. Aber selbst, wenn daö „freie" Amerika hier gezeigt hat, daß auch es trotz seiner Freiheit noch nicht auf der Höhe ver Menschlichkeit angelangt ist, warum nimmt man sich in Rußland gerade ein Beispiel an solchen Dingen, da doch die Vereinigten Staaten noch andere nachahmenswerthere Einrichtungen als die Chinesenbill besitzen? Die Juden in Rußland, seit vielen Jahrhunderten dort ansässig, kommen ihren legitimen Berufsgeschäften nach, und wenn man sie nur nicht auf eine Provinz zusammenpferchen würde, so würde sich ihr Nutzen für die Cultur ihres Vaterlandes in noch höherem Maße bemerkbar machen. „Den anständigen und gebildeten Juden geht es bei uns gut und wird es bei uns immer gut gehen." Fragen Sie doch gütigst die Mitglieder des Comitös für die russischen Juden in Berlin, wieviel anständige und gebildete Juden von ihnen befördert worden sind, denen es in Folge der Maßnahmen der Regierung in ihrer Heimath nicht gut gegangen ist? Erkundigen Sie sich doch einmal, nneviel russische Juden heute noch an den Armenkasien in Deutschland herumlaufen, die früher in Rußland hochgeachtete Stellungen einnahmen und die durch irgend einen aus dem Moder hervorgesuchten Ukas um ihre gesammte Habe gekommen sind? Oder war vielleicht Herr Baron von Günzburg kein „anständiger und gebildeter Jude" und trotzdem ließ man ihn da fallen, wo mau ihn mit einem Wort vor unsäglichem Elend hätte bewahren können. Daß Baron Hirsch seine Correspondenz mit Herrn Pobedonoszew fortsetzte, kann doch wohl nicht als Beweis dafür gelten, daß Ersterer die Unterdrückungspläne des Synods billigte. Dieser edle Menschenfreund glaubte vielmehr nicht rasten zu dürfen, bis er Alles, was in seiner Kraft steht, aufgeboten habe, um seinen Brüdern zu helfen. Daß er dann trotz der ablehnenden Haltung PobedonoSzew's noch den Versuch machte, den Unterdrücker milder zu stimmen, das spricht doch eher zu Gunsten Hirsch's, wie des russischen Synodenpräsidenten. Nach dem Gesagten dürfte es wohl klar sein, daß Pobedonoszew klüger gehandelt haben würde, wenn er geschwiegen hätte. Heute weht G. s. D. ein anderer Wind in Rußland. Wiederholt seit seiner Thronbesteigung, selbst bei feierlichen Anlässen und im Angesichte der Oeffentlichkeit hat der junge Czar seinem Wunsche entschiedenen Ausdruck gegeben, daß Niemand in seinem Reiche wegen seiner religiösen Ueberzeugung verfolgt werden dürfe. Der Kaiser machte auch keinen Unterschied zwischen den Anhängern der verschiedenen Glaubensbekenntnisie und wurde es in der hohen russischen Gesellschaft nicht wenig vermerkt, daß der Czar nach seiner Krönung nicht nur an katholische Priester, sondern auch an protestantische Geistliche und selbst an Rabbiner Ordensauszeichnungen verlieh, um auch hierdurch zu beweisen, daß alle Jene, die dem Czar und dem Reiche Dienste leisten, ohne Unterschied der Religion, seiner Anerkennung gewiß sein können. Namentlich dasSchicksalderunterdrücktenJuden interessirt den Czar, dessen persönlicher Initiative bereits sehr viele Erleichterungen die namentlich in den Städten wohnenden Juden zu verdanken haben. Für die liberale Gesinnung des jungen Kaisers zeugt auch die Nachricht, die heute aus Petersburg kommt. Nach derselben hat Kaiser Nikolaus die Revision aller gegen die Juden in Rußland erlassenen Gesetze und Ausnahmsmaßregeln angeordnet. Zu diesem Zwecke hat der Reichsrath eine besondere Kommission, bestehend aus hohen Funktionären der verschiedenen Ministerien, entsendet, welche im Herbste ihre Thätigkeit beginnen wird. Die offenkundige Thalsache, daß der Czar den in vielen Gouvernements überhandnehmenden Verfolgungen ein Ende machen will, wird gewiß genügen, die Arbeiten dieser Kommission zu beschleunigen. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin, 28. Juli. (Israelitische Gastfreundschaft). In einer christlichen Missionszeitschrift ist Folgendes zu lesen: In den Lebens- und Berufserinnerungen der Gräfin Rittberg, der Oberin des Hilfsschwesternvereines in Berlin, findet sich ein Beitrag zur Behandlung des obigen Themas. Während des Krieges von 1866 kam die Gräfin einst um Mitternacht mit anderen Pflegerinnen in die böhmische Stadt Horitz. Der Leiterwagen, welcher die sechs Frauen von Königinhof aus dorthin gebracht hatte, hielt auf dem Marktplatz. Man suchte zunächst eine Nonne auf, von welcher ein Malteserritter behauptet hatte, daß sie noch eine Matratze vorräthig habe. Aber die letztere konnte den müden Reisenden nicht mehr als Nachtlager überwiesen werden, die Nonne hatte sie längst an einen Verwundeten vergeben. Außerdem war im Lazareth nicht einmal mehr für Eine Person Raum, geschweige denn für sechs. „Sehr enttäuscht", schreibt die Gräfin, „ja etwas verzweifelt, trat ich den Rückweg an. Wir konnten doch unmöglich die Nacht auf dem Marktplatz stehen bleiben; der Kutscher verlangte, daß wir ihn sofort entließen. An eine Unterkunft in einem Gasthause war nicht zu denken, da überall Verwundete untergebracht waren. Da sah ich einen Mann dahin wandern. Ich stürzte ihm nach, trug ihm unser Anliegen vor und fragte ihn um Rath, wo wir wohl die Nacht Unterkommen könnten. Er

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