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Der Israelit · 1896-08-03 · Heft 62 (3.8.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 62 (3.8.1896)
Date
1896-08-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IXXTO Jahrgang. Mage j« 62 des „Israelit". Leitender Artikel. fJobcöonosjrro und seine Nettheidlzung io der Iodkoftoze. Petersbilrg, 26. Juli. Seit einiger Zeit veröffentlicht der bekannte Mitarbeiter der „Neuen freien Presse", Herr Friedrich Schütz, in diesem Blatte eine Reihe von Charakterschilderungen aus Rußlaltd, welche allenthalben das größte Aufsehen erregen. „Momentaufnahmen in Rußland" nennt Herr Schütz bescheidenerweise diese seine Beobachtungen, für jeden Kenner und Jeden, der sich für russische Verhältnisse interessirt, dürsten manche seiner Aufnahmen nicht nur ephemeren, sondern historischen Werth behalten. Heute hat er dem großen Pobedonoszew seine Visite abgestattet und der Oberprokurator der heiligen Synode äußerte sich über die Judenfrage wie folgt: „Ich habe, als die Judenfrage bei uns spielte, aus allen Weltgegenden Briefe erhalten, aus Deutschland, Frankreich, (England, Amerika, selbst aus Australien! Man bedrohte, man beschimpfte mich. Ein Mann schrieb mit Angabe seines Namens und seiner Adresse, man rverdc mich tödten, wenn ich in meiner Berfolgungswuth nicht innehalte. Ich erkläre Ihnen nun: Ich bin nicht Schuld an dem Vorgehen gegen dre Juden in Rußland. Ich habe Freunde unter den Juden, es giebt viele unter ihnen, die mich genau kennen und die das wissen. Mir kommt cs nicht in den Sinn, die Anhänger einer Religion zu ächten! Welcher religiöse und wirklich gläubige Mensch könnte das?! Die Jndenfrage in Rußland ist nicht leicht zu beurtheilen, sie ist eine der complicirtenen der Welt. Sie hat keinen religiösen, sondern vielmehr einen sozialpolitischen Charakter. Wir haben die Judenfrage von den Polen als schlechtes Erbstück, als eine Art Inventar übernommen. Die Polen, außer Stande, durch ihre aristokratische Mißwirthschaft ein Bürgerthum zu bilden, ließen die Juden an seine Stelle treten, aber Adel und Juden haben sich gegenseitig gleich schlecht beeinflußt, dadurch ist ein Typus von Juden entstanden, der nicht mit dem der Juden anderer vorgeschrittener Länder verglichen werden werden kann. Dies führte auf dem Lande zu bedauerlichen Mißständen und Mißbräuchen, dies förderte in den Städten die Theilnahme jüdischer Studenten an den garstigsten Umtrieben. Der Staat war genöthigt, in irgend einer Weise einzuschreiten. Was er thun wollte — nämlich die Aufrechterhaltung der gesetzlichen Bestimmungen sichern — war Achnliches, wie dos, was man im freien Amerika gegen die Chinesen ausgeführt hat. Nicht mehr. Ja noch weniger! Ein Nacenkampf lag uns fern. Den anständigen, den gebildeten Juden geht es gut bei uns und wird es immer gut gehen. Als man die entscheidenden Maßnahmen traf, schrieb mir der verstorbene Baron Hirsch: „Ich biete Rußland 50 Millionen zum Ausbauc seiner Eisenbahnen, wenn Sie in Ihrem Bedrückungsplane gegen die Juden innehalten!" — Ich wies ihn an die Regierung und stellte ihm meine Auffassung der Frage dar. Ich konnte ihn nicht abgestoßen haben, denn er setzte die Correspondenz noch länger fort. Eines Tages erklärte er, er wolle eine Million für einen wohlthätigen Zweck widmen. Ich rieth ihm, diese Summe dem Heiligen Synod zur Verfügung zu stellen, damit dieser für das Geld Schulen gründe. Das that er auch. Sehen Sie, Hirsch war ein Jude, der mich mit der Zeit näher kennen lernte, und er stimmte gewiß nicht in das allgemeine Geschrei gegen mich ein, in dem so viel Lüge und Verleumdung, so viel bewußter und unbewußter Jrrthum enthalten ist." Zit dieser: Aeußerungen des Herrn Pobedonoszew, der jetzt, nachdem er den Zenith seiner Macht längst überschritten, in der Gestalt eines unschuldigen Lämmchens zu erscheinen sich bemüht, möchten wir uns gestatten, Folgendes zu bemerken, und wir glauben in Anbetracht der hohen Steuer, die der Oberprokurator der heiligen Synode den deutschen Juden auferlegt hat, indem er sie die Kosten des Durchzugs russischer Unterthanen durch Deutschland zahlen ließ, ein Recht zu diesen Bemerkungen zu besitzen: „Religiöse und wirklich gläubige Menschen können die Anhänger einer anderen Religion nicht ächten", aber blindwüthige Eiferer, Zeloten und Fanatiker haben zu allen Zeiten im Namen ihrer Religion Andersgläubige auf das Grausamste verfolgt und lver wollte leugnen, daß dies der russische Torquemada nicht ebenfalls gethan hat? Herr Pobedonoszew nracht den Polen zum Vorwurf, daß sie die Juden die Stelle des Bürgerthums einnehmen ließen, spricht aus diesen: Vorwurfe nicht der reine nackte Haß gegen die Juden? Warum sollen die Juden nicht ebenso fähig sein, wie jeder andere Volksstamm die Pflichten des Bürgerthums zu erfüllen und haben sie in Rußland als Handwerker, Kaufteute und Ackerbauer es nicht gezeigt, daß sie diese Fähigkeit in hohem Maße besitzen? Daß sie unlautere Elemente auch unter sich besitzen, :ver kann ihnen daraus einen Vorwurf machen in einem Lande, in dem sie solchen Bedrückungen von jeher ausgesetzt waren und dann ist es auch noch immer die Frage, ob der Prozentsatz der Schlechten bei ihnen größer ist wie bei anderen Volksstämmen unter gleichen Verhältnissen. Wir möchten es bezweifeln. Herr Pobedonoszew sagte, der Staat wollte weiter nichts thun, als „die Aufrechterhaltung der gesetzlichen Bestimmungen sichern." Nun weiß man aber doch recht gut, daß in Rußland keine Reichsgesetzgebung, sondern Tausende von Ukasen existiren, von denen einer dem anderen widerspricht, warum hat der Herr Oberprokurator gerade d i e Ukase zur Geltung kommen lassen, die den Juden bedrücken, warum hat er nicht die ^gesetzlichen Bestimmungen", die z. Z. Alexanders II. zu Gunsten der Juden erlassen wurden, herausgesucht, sondern seines Vorgängers Nicolaus I.? Auf alle diese Fragen wird der Präsident der heiligen Synode wohl kaum eine Antwort zu geben im Stande sein.

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