Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 62 (3.8.1896)
- Date
- 1896-08-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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v "^7-" f'f: yt»yy?igr« i!■*,••■: 1185 so schönen Tenor und noch einen so prächtig wallenden Bart besitzt; sie behaupten vielmehr, daß derlei Dinge in Händen bewährter Männer ruhen muffen, die sich über Kenntnisse und Lebensführung durch ebenso bewährte Männer ausweisen können. Es erhob sich daher in der ganzen Gemeinde ein wahrer Sturm, eine hartnäckige, unbeugsame und allgemeine Opposition, wie sie unsere „führenden" Männer noch nicht erlebt h.iben. Und nun galt die Opposition dem Statut in seiner Totalität. Man berief mehrere Volksversammlungen, an denen die Männer ans den besten Klaffen der Gesellschaft theilnahmen und die sich allesammt mit großer Entschiedenheit gegen das ganze Statut erklärt haben. Auf einer solchen Versammlung hatte ein Theilnehmer sich sogar erlaubt — liurresco referens! — zu behaupten, daß der orthodoxe Rabbiner das wahre Oberbanpt der Gemeinde, der Prediger aber, mit seiner gütigen Erlaubniß, nur ein Scheinrabbiner, ein Paraderabbiner sei. Ja er verstieg sich soweit, dies zu beweisen, was übrigens gänzlich überflüssig war, da bei uns kein Mensch jemals anders gedacht hat. Man weiß bei uns nur zu gut, wie ein solcher „Rabbiner" gewählt wird, was für Einflüffe, was für Persönlichkeiten dabei maßgebend sind. Da fragt man nicht etwa, was der betreffende Kandidat an jüdischem Wissen mitbringt, was er als Gelehrter geleistet hat, noch weniger kommt seine religiöse Gesinnung in Frage, am allerwenigsten aber kommt es darauf an, ob er den stenerzahlenden Gemeindemitgliedern sympathisch ist. Wenig hat gefehlt, und wir hätten heute zum Prediger einen Mann, der einige Wochen nachher an der R e f 0 r m g e m e i n d e des Berliner Sonnt ag sj uden t hums als Prediger istallirt wurde! Während die Rabbiner Lembergs von jeher zu den Autoritäten allerersten Ranges auf talmudischem Gebiete gehört haben, hat Lemberg seit dem Jahre 1842 keinen einzigen Prediger gehabt, der auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft auch nur die geringste Bedeutung besessen hätte. Das ist schon so unser Loos. Und was das Predigen anbetrifft, so ist es männiglich bekannt, daß im Lemberger Tenipel derzeit kein besseres Mittel gegen Ueberfüllung vorhanden ist. Wozu eigentlich die Gemeinde einen Prediger bezahlt? Das ist im Grunde das Geheimniß der „führenden" Geister. Aber man nmß dort im Grunde jemanden haben, der sich ähnlich wie ein katholischer Geistlicher kleidet und bei Empfängen paradirt, das ist so schön, wenn die christlichen Mitbürger, die Herren Gevatter Schneider und Handschuhmacher, welche im Gemeinderath sitzen, von uns eine gute Meinung haben, und denken, wie schön „fortgeschritten" wir eigentlich sind. Und wenn erst bei einer Neuwahl eines solchen Predigers der Herr Bürgermeister, Vicebürgermeister und die übrigen Honorationen um Rath gefragt werden, ob ihnen der Kandidat auch gefällt, wie herrlich doch das ist! Das alles ist ja sehr schön, denken sich die Orthodoxen, aber Ehescheidungen vornehmen darf der Herr doch nicht. Es ist keine Gefahr vorhanden, daß Jemand sich in einer religiösen Angelegenheit um Rath an den Prediger wenden könnte, auch wenn zehn Cultusräthe ihm den Titel Rabbiner ertheilen sollten. Aber die große Gefahr ist vorhanden, daß man mit dem ptM irro leichtfertig umzugehen anfange und eine unheilvolle Verwirrung anrichten könnte. Wie haben doch unsere Vorfahren gerade diesen Theil des jüdischen Religionsgesetzes mit einem dichten Gehege umgeben, wie haben sie es geschützt und gehütet, in dem tiefen Bewußtsein, daß es sich hier uni eines unserer wichtigsten Heiligthümer handelt, nämlich um die Reinheit des Familienlebens! Und nun soll dies Alles unbedachtsam ausgeliefert werdend sJ2ciu. Und so haben denn die Orthodoxen gegen das ganze Statut an die nächst Vorgesetzte Behörde reeurrirt und darauf hingewiesen, daß an der Berathung desselben Herr Dr. Caro, der ohne Rabbiner zu sein, ein besoldeter Gemeindebeamter ist, widerrechtlich theilgenommen hat. Und siehe da, der Magistrat der Stadt Lemberg als erste Instanz hat dem Recurs Folge gegeben und das Statut als ungültig erklärt. Aber ein Cultusrath kann doch offenbar nicht zugeben, daß er einmal einen Bock geschossen hat; daher haben die Herren Cultusräthe an die Statthalterei appellirt. Die Entscheidung steht vorläufig noch aus. Aber von „fortschrittlicher" Seite wird kräftig gearbeitet, daß man zu Ungunsten der Recurrirenden entscheide. Inzwischen haben die Streitigkeiten in der Gemeinde große Zerrüttungen gezeitigt. Der Stein des Zankes war in's Rollen gekommen und riß vorläufig bei den eben stattgehabten Wahlen in den Gemeinderath reichlich die Hälfte der bisherigen Gemeinderäthe mit. Dies ist verhängnißvoll für die Interessen der jüdischen Bevölkerung. Die Gegner machen sich den Hader in der Mitte der Juden zu Nutze und wußten aus der Uneinigkeit Kapital zu schlagen. Doch fordert die Gerechtigkeit zuzugeben, daß wenn der Streit weiter tobt, und wenn derselbe noch Opfer fordern sollte, dies wahrlich nicht an den Orthodoxen liegt. Diese haben sich bisher vielerlei gefallen lassen, insofern cs nicht die Allgemeinheit, sondern bloß jenen geringen Bruchtheil der Gemeinde betraf, der sich um den sogenannten „Tempel" gruvpirt; aber hier ist man vor einem Non possumus angelangt, und jedes Nachgeben wäre sündhaft. Der arme Cultusrath befindet sich hier in einer eigenthümlichen und sonderbaren Lage. Langsam haben sich ihm auch die Augen geöffnet und er hat eingesehen, was er für namenlose Dummheit be-