Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 61 (30.7.1896)
- Date
- 1896-07-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448665--42229-2491223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mm Jahrgang. Erste Beilage zu M 61 ües „Israelit“. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Ans Hessen. In der pädagog. Beilage zu Nc. 59 des „Israelit" befindet sich ein Bericht über die Konferenz des Vereins isr. Lehrer Mitteldeutschlands vom 25. Mai d. I. Dort referirte Herr Lehrer S t e inh a r dt—Magdeburg über die Verhandlungen des in Berlin im Dezeinber v. I. stattgehabten DelegirtentageS und findet sich bemüßigt, über dieselbe ein „offenes Wort zu reden" in einer Weise, die zu einer eben so offenen Beurtheilung herausfordert. Herr Steinhardt sagt mit Bezugnahme auf die Stellung der Delegirten gegenüber den „nicht staatlich geprüften Religionslehrern": „es sei kaum glaublich, welche mittelalterliche Anschauungen in pädagogischer Beziehung von einzelnen Herren Doktoren dort vertreten worden sind und wie sehr diese eine feindliche Stellung dem Lehrerstande gegenüber eingenommen hätten. (!) Schon das Wort, es dürfe kein Unterschied gemacht werden zwischen staatlich geprüften und nicht geprüften Lehrern, sei eine Beleidigung des Lehrerstandes. Man würde doch durch den Umstand, daß man einen Gemeinde -Kontrakt in Händen habe, laut welchem man Unterricht in der Religion und im Hebräischen ertheilen müsse, noch nicht zum Lehrer, und es sei doch eine Perfidie (!!), von einem strebsamen Lehrer zu verlangen, seine Interessen mit denen eines solchen „Auch-Kollegen" zu identiftziren." Mit Verlaub, Herr Referent, Ihr Gedächtniß scheint Sie arg im Stiche gelassen und Ihr Aerger über manches dort gehörte offene Wort scheint Sie zu unverantwortlicher Ungerechtigkeit hingerissen zu haben. Wo in aller Welt zeigte sich, besonders bei einzelnen Herren Doktoren eine feindselige Stellung gegenüber dem Lehrerstande? Wäre eine solche Feindseligkeit vorhanden, dann wären die betreffenden Herren wahrlich lieber zu Hause geblieben, als sich in der rauhen Winterzeit einer beschwerlichen Reise nach Berlin und den Strapazen eines zum Theil unerquicklichen Redekampfes auszusetzen. Es ist in der That ein kühnes Unterfangen dieses Herrn, in so durchaus unwürdiger, unqualificirbarer Weise einzelnen Delegirten Beleidigungen ins Gesicht zu schleudern, zu denen auch nicht der geringste Anlaß gegeben. Mittelalterliche Anschauung, feindliche Stellung und zuletzt noch Perfidie Männern vorzuwerfen, die vielleicht eben so gesunde Ansichten besitzen und mit eben so großem Interesse für den gesammten Lehrerstand eintreten, wie Herr Steinhardt, dazu gehört wirklich mehr als ein erlaubtes Maß von Dreistigkeit. Es steht sicher zu erwarten, daß der neubegründete Lehrerbund im Interesse der Billigkeit dieses sein Mitglied in die Schranken weisen und belehren wird, wie man Männern von entgegengesetzter Anschauung entzegentritt. Wenn eine solche Tendenz, wie sie hier bei einem Mitglied des Bundesvorstandes entgegentritt, im Bunde zur Herrschaft kommen sollte, wie nicht zu erwarten steht, dann ließe dieser Umstand auf die Thätigkeit desselben recht unerfreuliche und wenig ersprießliche Schlußfolgerungen ziehen. Wir hegen iudeß eine bessere Meinung vom Lehrerbunde, als daß wir ihm eine solche Zukunft prognosticiren könnten. Und worin bestand denn das große Verbrechen? Man verlangte, der neue Lehrerbund solle sein Interesse in gleicher Weise den geprüften und nichtgeprüften Lehrern zuwenden. Man erkannte von allen Seiten voll und ganz an, daß es zumeist vom Uebel ist, daß von einer staatlichen Behörde nicht autorisirten Lehrern der Religionsunterricht übertragen werden müsse. Indessen seien diese Lehrer doch einmal da, und es sei Sache der betr. Rabbinen und Gemeinden, bei der Anstellung derselben die nöthige Vorsicht zu gebrauchen. Die Gemeinden seien auch meistentheils gar nicht in der Lage, ein angemessenes Gehalt für einen seminaristisch geprüften Lehrer aufzubringen, und müßten mit einem Beamten von geringerer Qualification fürlieb nehmen. Dazu kommt noch, daß diese Lehrer sehr häufig vielleicht eine eben solche Befähigung zur Ertheilung des Religionsunterrichtes besitzen und meistentheils mit Rücksicht auf ihre unsichere Stellung einen größer« Ernst und größere Gewissenhaftigkeit als andere zeigen. Run soll es eine Perfidie sein, für Gleichstellung dieser Aermsten der Armen zu plaidiren, die sicherlich eines nachdrücklichen Schutzes bedürfen! Es gibt ja unter den jüdischen Lehrern Deutschlands sicherlich Männer, die ebenso wie der Magdeburger Herr und seine Berufsgenossen eine staatliche Prüfung, vielleicht noch böhern Grades abgelegt haben; wie wäre es, wenn diese Herren Lehrer - Doktoren sich gleichfalls aufs hohe Roß setzten? sagten, die nur am Seminar geprüften Lehrer wären im Vergleich zu ihnen nur „Auchcollegen", die minderwerthig wären und in deren Gesellschaft sie sich nicht wohl fühlten. Selbstbewußtsein ist eine lobenswerthe Eigenschaft, wenn dieses aber zu Selbstdünkel und Selbstüberhebung ausartet, dann wird sie thöricht, lächerlich. Wir könnten dem Herrn Referenten die Gegenfrage Vorhalten; ob denn ein junger Mann, durch den Umstand, daß