Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 61 (30.7.1896)
- Date
- 1896-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1169 Sie ergriff mit ihrer zitternden Hand lebhaft die seinige und drückte sie warm. „Tausend Dank," sprach sie mit matter Stimme, „Sie haben mir das Leben wicdergegeben. Sie hat Gott gesandt, um mich aus der entsetzlichsten Lage meines Lebens zu erretten. Ich weiß nicht, wieso ich in die Gewalt jener ruchlosen Menschen gerathen bin." Jetzt erst gewahrte er, daß von ihren Fingern das warme Blut auf seine Hand träufelte. „Ah — Sie bluten," rief er erschrocken. „Wahrhaftig," sagte sie, „ich wußte nichts davon. Ich muß mir den Arm verletzt haben, jetzt spüre ich auch einen brennenden Schmerz in demselben. „Gestatten Sie, daß ich Ihnen, so gut es angeht, einen Verband anlege." Rasch holte er aus seinem Koffer ein feines Battisttuch hervor, riß entschloffen den Aermel ihres Kleides entzwei und verband ihr die Wunde, die sich auf dem Oberarm in der Nähe der Schulter befand. Er entledigte sich dieses Geschäftes sehr linkisch, denn plötzlich stieg ihm eine verwirrende, heiße Blutwelle zum Kopf. „Sie fühlen sich matt vom Blutverlust," sagte er dann mit unsicherer Stimme, „wollen Sie sich nicht an meine Schulter lehnen." „Ich danke," entgegnete sie seiner Aufforderung nachkommend, „ich fühle mich wirklich recht kraftlos." Es wurde eine Stimme in ihm laut, die ihm seine Fürsorge für das gefährliche Weib zum Vorwurfe machte. Er beruhigte jedoch diesen Vorwurf mit dem Hinblick auf die hiflose Lage Helenens und sagte sich, daß es geradezu Barbarismus wäre, in diesem Zustand die alte Kälte zu beobachten. Doch diese strenge, objective Auffassung konnte nicht lange Stand halten. Als er so schweigsam an ihrer Seite saß und die holde Last ihres Hauptes seine Schulter beschwerte, da durchschauerte ihn ein Gefühl, welches — er mußte es sich selbst gestehen — nicht in samaritanischer Menschenfreundlichkeit seinen Ursprung hatte. Das war ein Gruß aus dem längst versunken geglaubten Zauberland seiner Liebe. Ein heftiger Fieberschauer schüttelte die von der Kälte, dem ausgestandenen Schrecken und Mühseligkeiten erschöpfte Helene und Gottfried hüllte sie fester in die weiten Falten ihres Pelzmantels ein. Da tauchten endlich in nicht zu weiter Ferne die Umriffe des Schlosses auf und bald waren sie vor der Freitreppe desselben angelangt. Gottfried sprang aus dem Schlitten und war Helenen beim Aussteigen behülflich. Nun hielt er seine Mission für beendigt und gedachte sich zu entfernen, aber ehe er diese Absicht ausführen konnte legte Helene, welche sich nur mühsam aufrecht hielt, ihren Arm in den seinigen und er konnte nicht umhin sie über die Treppe hinaufzubegleiten. Das Schloßgesinde schlief noch immer fest und schien keine Ahnung zu besitzen, von dem was sich zugetragen. Nur die Zofe war noch wach in ihren! Gemache und weinte still vor sich hin über das Schicksal ihrer Herrin. „Sie werden wohl Ihrem heutigen Werke die Krone aufsetzen," sprach Helene zu Gottfried, „indem Sie die Güte haben werden, mich in diesem Momente nicht allein zu lassen. Ich fühle eine unheimliche Einsamkeit. Darf ich Sie bitten hier einzutreten?" Sie öffnete die Salonthüre und er folgte willenlos ihrer Aufforderung; Helene aber begab sich in ihre Gemächer. Auf dem Wege dorthin trat sie in das Zimmer ihrer Zofe ein, unr ihr eine Weisung zu ertheilen. Mit starr aufgerissenen Augen schaute das Mädchen die plötzlich in der Thüre erschienene Helene wie ein Gespenst an, taumelte von ihrem Sitze auf und stürzte mit einem dumpfen Aufschrei am Boden hin. Hermann Gottfried war allein im Salon zurückgeblieben. Nun da in der Stille der Einsamkeit die Bilder der heutigen Ereignisse an seinem innere Aug' vorüberzogen, wähnte er fast die wunderbare Verkettung eines Traumbildes zu schauen. Mit verwunderten Augen schaute er sich in dem vornehmen Raume um, welchen er vor kurzer Zeit erst mit dem festen Entschlüsse verlassen hatte, ihn nie wieder zu betreten. Und nun hatte ihn das Schicksal fast mit Gewalt hierher zurückgeführt und die Thüre hinter ihm abgesperrt. Hahaha — eine drollige Geschichte; er kam sich vor wie ein Gefangener. Mit auf dem Rücken gekreuzten Händen begann er auf den weichen persischen Teppichen auf- und abzugehen .... Plötzlich bannte er seine Schritte vor einem weiblichen Portrait, welches an der Wand hing. Es war das Bild Helenens aus ihrer Mädchenzcit. Der ganze holde Zauber ihrer Anmuth, die ganze Pracht ihrer jungfräulichen Schönheit lag über ihr ausgegoffen — so hatte sie ausgesehen, als sie sein Herz zu jener tiefen verzehrenden Leidenschaft entflammte. — Er seufzte tief auf und wandte den Blick vom Bilde ab. Das Schicksal ist doch oft hart in seiner Grausamkeit, mit welcher es den Menschen nutzlose Tantalusqualen anhäuft. Nicht genug, daß ihn das Schicksal jene berückende Syrene in einem Zeiträume wieder auffinden ließ, wo die tiefe, unüberbrückbare Kluft der Glaubensverschiedenheit ihn von ihr trennte, erschwerte es ihm noch die Flucht vor ihrem gefährlichen Zauber und brachte ihn in dem Momente unter den merkwürdigsten Verhältnissen mit ihr zusammen, da er im Begriffe stand zur endgültigen Lösung aller Fäden auf einige Tage nach ihrem gemeinschaftlichen Wohnort zurückzukehren. Wieder begann er seine stille Promenade durch das