Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 61 (30.7.1896)
- Date
- 1896-07-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1164 neu war nur, daß Graf Tarnowßki in einem Alhem sich mit aller Entschiedenheit gegen den Antisemitismus verwahrte, den er als unchristlich und unmenschlich verwarf. Ob sein System christlich ist ooer nicht, wage ich nicht zu entscheiden; sehr menschlich aber scheint cs doch nicht zu sein. Das war jedoch kein Hinderniß, daß die Rede des Präsidenten der ersten polnischen wissenschaftlichen Institution, der auch mehrere Juden angehören, in der ganzen polnischen Presse Galiziens lebhafte Anerkennung fand. Es war just in der Mitte des Quartals uno die Zeitungen hatten nicht den Verlust an jüdischen Abonnenten zu befürchten, und konnten deßhalb nach Herzenlust dem Redner Beifall spenden. Natürlich konnte nicht davon die Rede sein, daß alle diese frommen Wünsche Kalo in Erfüllung gingen, aber die Ausführungen des illustren Redners waren nur der laute Ausdruck einer längst im Stillen wühlenden Bewegung, die ohne viel Worte zu machen, den ökonomischen Kampf gegen die schwächsten Schichten der jüdischen Bevölkerung führte und ihnen den Boden abgrub, und die seither umso kräftiger gedieh. Der diesjährige, am vergangenen Freitag abgeschlossene zweite Katholikentag zeigte eine wesentlich veränderte Physiognomie. In diesen drei Jahren war dem Lande, der Gesellschaft und der Religion ein weit größerer und bedenklicherer Feind erwachsen als die Juden, nämlich der Radicalismus in seinen vielen Gestaltungen. Bei etwas größerer Scharfsichtigkeit hätte man diesen Feind längst wahrnehmen können. Allein es bedurfte offenbar kräftigen Schüttelns. Dieses fand statt bei den letzten Landtagswahlen, um derenwillen Gras Badeni „mit der eisernen Hand" die Uebernahme des Ministerpräsidiums hinausschob, um sie mit der besagten eisernen Hand persönlich zu leiten und die trotzdem zum Schrecken der herrschenden Parteien ein Dutzend radiealer Abgeordneter in den Landtag gebracht, welche aus der letzten Session mit wilden und unerhörten Forderungen austraten. So erkühnte sich einer dieser Bauern zit verlangen, daß die Steuer zur Erhaltung der Straßen nicht mehr aus den Bauer abgewälzt werde; ein anderer stellte an einen hohen Landtag das Ansinnen, ein Jagdgesetz beschließen zu wollen, wonach der edelgeborene Waidmann sür den Schaden, welches das Wild auf Bauerngrund anrichtet, Ersatz zu zahlen hätte. Andere stellten andere Forderungen, welche alle offenbar darauf hinzielten, die Grundfesten der Gesellschaftsordnung ins Wanken zu bringen und die reine Anarchie herbeizuführen. Da rafften sich endlich die berufenen Hüter der Ordnung aus und thaten sich zusammen, um das rote Gespenst zu erorziren. Dieser Thätigkeit war der zweite Katholikentag gewidmet. Aus den drei Plenarsitzungen wie in den zahlreichen Seetionen wurde der radicale Teufel mit tausend Formeln beschworen und die Hauptrede die gegen die Juden gerichtet sein sollte, kehrte sich diesmal gegen den Sozialismus, gegen den Radicalismus und noch gegen ein paar mit der Schlußsilbe ismus versehene Objekte. Darum wurde aber der Juden durchaus nicht vergessen. Im Gegentheil, man wendete ihnen große Aufmerksamkeit zu, und eilte lange Reihe von Resolutionen, welche in der Versammlung gefaßt wurden, aber wohl vorläufig blos fromme Wünsche bleiben werden, legen davon Zeugniß ab. Jedoch wurde eine andere, feinere Methode gewählt, als dazumal. Wer den Reden lauschte, mit denen die kirchlichen Würdenträger und die Laien einander bei der Eröffnung der solennen Versammlung und bei den feierlichen Sitzungen begrüßten, der mußte die Bibelfestigkeit dieser Herren bewundern. Biblische Citate schwirrten in der Luft, die Atmosphäre war förmlich mit Altem Testament geschwängert. Die Helden Alt-Israels vom Vater Abraham bis zu den Makkabäern mußten aufmarschiren, um den Kämpen wider den Feind der Gesellschaft als Muster zu dienen. Wollte man beweisen, daß den Juden jeder Handel und jedes Handwerk am Sonntag untersagt werden müffe, so berief man sich auf das dritte Gebot, das die Ruhe am Sabbat vorschreibt. Ja der Präsident des Organisations-Komites, Herr Profeffor Pilot, ließ es sich nicht nehmen, in der Eröffnungsrede zu betonen, daß die katholische Idee, in deren Namen man sich versammelt, jeden Rassen- und Rcligienshaß unbedingt ausschließe. Dies hatte seinen guten Grund. Trotz der hohen Begeisterung vergaß man keinen Augenblick, daß schon in nächster Zeit die Reichsrathswahlen stattftnden dürften, und zwar auf erweiterter Basis. Da die Juden trotz allem, so zu sagen leider auch Wähler sind, und in den jüdischen Bezirken sogar den ausschlaggebenden Faktor bilden, wenn zwei Parteien gegenüberstehen, so wäre es sehr inopportun gewesen, diesmal den Juden vor den Kopf zu stoßen. Dies würde die Juden insgesammt der radicalen Volkspartei in die Arme getrieben haben, die sich in den Kopf gesetzt hat, den Polenclub in Wien zu sprengen. Gelänge solches auch nur zum Theil, so hätte der Polenherrschaft in Galizien das letzte Ständlein geschlagen. Und bildet der Jude eine „Gefahr für die Kirche", so läßt man sich eine Gelegenheit nicht entgehen, wo man ihn politischen Zwecken gebrauchen oder mißbrauchen kann. Daher empfahl es sich diesmal von einem Sturmgeläute gegen die Juden abzusehen, und das Antijudam in kleinen Dosen der Versammlung zu reichen. Man zerbröckelte also die große „Judenfrage" in winzige Theilchen und that je eines davon in die verschiedenen Seetionen, welche diesbezügliche Resolutionen faßten.