Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 60 (27.7.1896)
- Date
- 1896-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448664--42205-2491198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ ,J V' 1. 1148 leichten und reinen Profession das Wort, weil diese mehr Zeit und Muße für die Thora gestattet. Aber sie lehrten nichts destoweniger, lieber als Abdecker auf offener Straße sein Brod suchen, als es aus falschem Stolz lieber den Almosen anderer zu verdanken. — Auch als chw bv ianra opoiy, auch wenn sie der Welt und ihren Ansprüchen Rechnung trugen, wußten sie sich im Dienste der Thora stehend; ja sie erfuhren es an sich selbst, welche Förderung und Festigung ihre Thorawissenschaft gerade aus ihrem Verkehr mit der Welt zog. Wie muß doch eine gründliche Kenntniß z. B. der Anatomie und Physiologie zum richtigen Verftändniß der rusiv nraSn beitragen, wie muß durch das Studium der Astronomie tnrn «mp n, durch Mathematik und Stereometrie parry n eine Erleichterung erfahren. Was nipwrn obv bv wr:, was gründliche Kenntniß der Zeit und ihrer Anforderungen für mmn pp, für die wirkliche Aneignung und fruchtbare Anwendung der Thora bedeutet, tritt aber noch fühlbarer da hervor, wo wir diese Kenntniß vermissen. Und wir vermissen sie oft, gerade bei den Kennern der Thora. Wenn ein Thoragelehrter z. B. alle nw -;h, alle religionsgesetzlichen Bestimmungen, welche das Zinsverbot betreffen, ganz genau aus den Quellen kennt; er hat aber keine Kenntniß von den Contocurrentgeschäften, des Wechsel-, Bank- und Aktienswesens, so wird es ihm schwer, wenn nicht geradezu unmöglich sein, vorkommenden Falls zu entscheiden, ob eine Verletzung des Zinsverbots vorliegt oder nicht. — Wenn an einen Thoragelehrten die Frage herantritt, ob das Telephon zur Benutzung am Sabbat erlaubt ist, so wird seine Thorakunde zur Entscheidung dieser Frage nicht genügen, wenn ihm das Wesen und die Einrichtung des Telephon nicht ganz genau bekannt ist. Wenn Jemand entscheiden soll, ob Email als Metall oder als Erde, ob Gefäße von Porzellan wie irdene oder etwa wie gläserne Gefäße zu beurtheilen sind, so verlangt die Entscheidung eine genaue Kenntniß des Herstellungsverfahrens. Welche vielfache chemischen Kenntnisse sind doch erforderlich, um ganz sicher Wolle von Leinen, Thierfett von Pflanzenfett unterscheiden zu können, alles Dinge, die der endgültigen Erledigung seitens unserer mmn wn noch harren, weil ihnen vielfach die erforderlichen Kenntnisse abgehen und nach dem ganzen Zuge der Zeit abgehen müssen! Und dabei hat es vielleicht noch niemals eine Zeit gegeben, in welcher die Mischung, Verquickung und Fusionirung nicht nur im politischen, socialen und religiösen Leben, sondern auch im Verkehrsleben so en voque ist, als gerade in unseren Tagen. Reine Butter, reines Fett, reine Wolle, reines Leinen, reine Lüge, reine Wahrheit gehören zu den seltsamsten Erscheinungen des Tages. Ueberall tritt uns ein Mischmasch und Wirrwar, eine Fusion und Confusion entgegen, welche den Dingen ihre Eigenthümlichkeit nimmt oder doch verschleiert und unempfindbar macht, so daß eine große Sachkenntniß und langjährige Routine erforderlich ist, um Schein und Sein, Täuschung und Wahrheit mit einiger Sicherheit sichten und scheiden zu können. Selbst aber von denjenigen Thorakundigen, die mit mm auch ai2" auch die Kenntniß der Welt, der Zeit und ihrer Anforderungen verbinden, wird diese Kunde vielfach als eine Rivalin der Thorakenntniß angesehen und demgemäß gepflegt. Daß sie aber richtig erfaßt und betrieben, diesen Gegensatz nicht rechtfertigen, daß sic nicht mmn Sma sondern pap mmn zur Folge haben, daß die „profanen" Wissenschaften im Lichte dieser Anschauung ihren profanen Charakter verlieren, und zum Rang von iew pbrn tsnpn mno bv erhoben werden, das ist die einschneidende, noch lange nicht nach Gebühr gewürdigte Wahrheit, welche uns durch die Einfügung von 3ie" unter die Dinge nahegelegt wird, welche zur Aneignung der Thora unerläßlich sind. Die bisher aufgezählten Momente hatten genau genommen, mit dem Gegenstand der Thora an und für sich nichts zu thun. Alle diese Dinge werden sich auch für alle andere Disciplinen als förderlich erweisen. Hier folgt mm zunächst nattw mpe, die heilige Schrift und die Mischna, welche merkwürdigerweise ebenfalls unter die Dinge gezählt werden, durch welche die Thora erworben wird, obwohl sie doch die Thora selbst, die eigentliche Grundlage sind, aus welcher sich anaatr min und ne tortr mm erheben. Aber eben weil sie die unterste Stufe der Gottesleiter bilden, auf bereit obersten Staffel die vollendete Aneignung der Thora als höchster Preis winkt, werden Mikra und Mischna so oft als erste Anfangsstufen angesehen und deshalb verkannt. Nur dadurch ist die räthselhafte Erscheinung erklärlich, daß es bei uns große Thoragelehrte giebt, welche die jüdische Gesetzeskunde bis in die feinsten Subtilitäten inne haben, und in den vierundzwanzig Büchern der heiligen Schrift gänzlich unbewandert sind. Es scheint dieser Mißstand nicht erst seit heute und gestern zu sein. Schon unsere Weisen bezeichnen die Kenntniß der 24 heiligen Bücher als den bräutlichen Schmuck des Talmid Chacham. jtt6 can ■patt? rns rhz hb*ö ni*?3 cna vr: ♦ mmtppa ma: c"ee n"aa üinpo Unser Vätersvruch geht aber noch einen bedeutsamen Schritt weiter, indem er die Vertrautheit mit Mikra und Mischnah unter die Bedingungen zählt, die für die Aneignung der Thora unerläßlich sind. Wir haben den veredelnden Einfluß, den das Studium der heiligen Schrift und der Mischnah auf Geist und Gemüth zu üben geeignet sind, am Ende des