Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 59 (23.7.1896)
- Date
- 1896-07-23
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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1145 fehlende Knopf konnte doch unmöglich die Anziehungskraft auf den hohen Herrn ausüben, mithin waren es andere Gründe, die ihn zu der auffälligen Besichtigung des Knopflochs veranlaßt hatte. Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn. Ein Orden stand ihm in Aussicht! Zweifellos! Wenn der Chassen jetzt noch nicht auseinanderging vor Neid, dann war nie im Leben daran zu denken.-:- „Der Vater singt mit dem „Oberkoll," sagte Frau Rosenthal in der Küche lächelnd zu ihrer ältesten Tochter Franziska, „es muß ihm was Gutes widerfahren sein." Und in der That hörte man den Lehrer in einer unnatürlich in die Höhe geschraubten Stimmenlage das schöne Lied singen: „Du liebes Aug', du lieber Stern," das aus seinem Munde klang wie: „Do libbes Oog". Ob er dabei den ersehnten Ordensstern in Gedanken hatte, erscheint zweifelhaft, wenn man die Erklärung seiner Ehegattin dazu vernahm: „Das Lied hat dem Vater einmal eine Cantorstelle verscherzt," erzählte sie ihrer Tochter. „Eine schöne Stimme hat er doch," setzte sie mit berechtigtem Stolze hinzu, „und in Schul hat er am Freitag ganz gut gefallen, die Stelle war ihm sicher. Da hat ihn aber der Vorsteher auf den Abend zu sich eingeladen, dort hat er das Lied gesungen: „Du liebes Aug'" und von dem Augenblick an war's aus. Warum? weiß man nicht. Dann hat er sich erst entschlossen Religionslehrer zu werden." Drinnen in der Stube hatte indessen Herr Rosenthal die Tischdecke vom Tische entfernt, Schreibzeug und Papier herbeigeholt und saß in schweren Nöthen. Die Antworten auf die Ansprachen des Ueberbringers des Ordens, sowie die verschiedenen Deputationen aus Vorstand und Gemeinde mußten entworfen werden. Und wenn sich der Religionslehrer auch viel darauf zu Gute that, nicht blos ein jüdischer Gelehrter, sondern auch ein gebildeter Deutscher zu sein, so läßt es sich dennoch nicht leugnen, daß die deutsche Sprache eine ganz verzwickte Grammatik besitzt und die Frage jenes strebsamen Fräuleins, die eine gewisse Berühmtheit über die Marken ihres Heimathsortes genoß, nicht unberechtigt war, die Frage nämlich: „Was ist denn eigentlich richtig: mir oder mich?" So viele Donnerwetter hatte der Religionslehrer im Laufe eines Monats nicht ausgestoßen, als diesen Vormittag, wo er über der schweren Geistesarbeit schwitzte, denn alle Augenblicke ward ganz leise die Thür zur Stube geöffnet, und irgend etwas Nothwendiges daraus hervorgeholt. Und je vorsichtiger die Thüre aufgemacht ward, desto vergnügter sang und krächzte sie in den ungeölten Angeln, und je leiser man auf den Fußspitzen zu gehen versuchte, desto impertinenter knarrten die Sohlen, so daß Herr Rosenthal das erste Mal verspürte, daß er Nerven hatte. Aber endlich war das große Werk vollbracht und mit dem Selbstgefühl, das den Mann so trefflich kleidet, öffnete der Lehrer die Küche und sagte zu seinen beiden Damen: „Kommt einmal rein, ich habe Euch was vorzulesen." Nachdem er den erstaunt Aufhorchenden seine Wahrnehnrungen in Bezug aus die ihm zugedachten Ovationen mitgetheilt hatte, setzte er hinzu: „Natürlich kann ich nicht krumm und dumm dastehen, sondern muß die Ansprachen so erwiedern, wie es einem gebildeten Mann zukommt. Dem Chassen geb' ich die Hand und sage: „Sehr gut, lieber Chassen ich danke Ihnen." Aber dem Landrath oder dem Kreisschulinspector, der mir den Orden bringt, will ich so sagen — stell' Dich mal hier hin, Fränzchen, Du bist der Landrath oder der Kreisschulinspector —" Fränzchen wußte in dieser Zwitterstellung nicht, welches Gesicht sie machen sollte — „und Du," wendete er sich an seine Frau, „bist der Vorstand." Frau Rosenthal lächelte geschmeichelt. „Also ich fange an." Und sich zu Franziska wendend, begann er: „Tiesgerührt durch der Gnade Sr. Majestät, unseres allergnüdigsten Kaisers und Herrn —" „Vaterle, es heißt durch die Gnade," unterbrach Franziska." „Weißt Du's besser wie ich?" schnauzte der Vater sie an. „Ich sag', es heißt durch der Gnade." Aber Franziska hatte die höhere Töchterschule bis zur zweiten Klaffe durchgemacht und besaß im Uebrigen den Starrkopf ihres Vaters. Sie lief davon, kramte unter ihren alten Schulbüchern umher und kehrte nach einer Weile triumphierend zurück. „Ich weiß es doch genau," rief sie mit glänzenden Augen, „denn ich Hab' damals eine Vier dafür bekommen. Hier!" Und sie schlug stolz ihr Aufsatzheft auf, in dem die schöne Stelle stand: „Durch den Mienesängern ward die Poesie auf einer hohen Stufe gebracht," und als Randbemerkung die Correctur der Klaffenlehrerin, auf die Fränzchen jetzt selbstbewußt hinwies. „Siehst Du, wie ich Recht hatte, es heißt durch d i e." „Das ist noch gar nicht erwiesen," sagte schnell gefaßt der Vater, der sich nicht gern eine Blöße gab. „Deswegen glaub' ich Dir's noch lange nicht. Minensänger regiert einfach den Accusativ und Gnade den Dativ. Im Uebrigen brauche ich Euch gar nicht mehr," sagte der in seinem Autorftolz gekränkte Hausherr. „Geht Ihr nur ruhig wieder in Euere Küche, ich besorg' mir das am besten allein." Unter diesen wechselnden Empfindungen war der ereignißschwere Sabbat herangekommen. Frau Rosenthal fand heute nicht Zeit den Gottesdienst wie sonst zu besuchen, denn zu Hause warteten andere Pflichten. Ein weißes Tafeltuch wurde über den Tisch gebreitet, der selbstgebackene Kuchen darauf gestellt, umrahmt von einigen Flaschen Wein. Dann harrte man erwartungsvoll der Heimkehr des Vaters aus der Synagoge.