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Der Israelit · 1896-07-23 · Heft 59 (23.7.1896) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 59 (23.7.1896)
Date
1896-07-23
Page
– (sequence 26)
Language
German
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1144 Die Woche vor dem großen Tage war herangenaht. Man hätte glauben können sich vor Ostern zu befinden, so gründlich ward das große Reinmachen bei Rosenthal's besorgt, denn der Hausherr hatte verlangt, daß Alles zu Ehren der erwarteten hohen Gäste blitzblank und sauber sei und Frau Rosenthal hatte schon lange gehorchen gelernt. „Wenn sie aber nicht kommen?" wagte sie einzuwerfen, hob ihr Haupt mit dem schief aufgesetzten primitiven Scheitel empor, der nicht im Geringsten die lächerliche Anmaßung besaß, wie ein echter aussehen zu wollen und hielt plötzlich im Blankputzen des Messing-Kronleuchters inne. Hierauf warf ihr der Herr und Gebieter einen so ausdrucksvollen Blick zu, daß sie erschrocken verstummte. Er liebte es nicht, wenn man den Teufel an die Wand malte und im Uebrigen hatte er dafür gesorgt, daß das Datum seines treuen, angestrengten fünfundzwanzigjährigen Wirkens den Gemeindemitgliedern nicht verborgen blieb, auf daß keine späte Reue ihr ferneres Leben verbittere — das hielt er für Menschenpsticht. So hatte er vor einigen Wochen mit einem feinen diplomatischen Kniff zum ersten Vorsteher, Herrn Kempner, gesagt: „Wissen Sie, wie alt die Allmemordecke ist? Ich weiß es nicht, aber wie ich vor fünfundzwanzig Jahren hierhergekommen bin, war sie schon grad' so zerrissen wie heut'. Einen Tag vor Lag b'omer sind's fünfundzwanzig Jahre, daß sie schon so zerrissen ist. Eine schöne Zeit sind fünfundzwanzig Jahre!" „Ob!" hatte darauf der Vorsteher geseufzt. „Haben Sie immer noch keinen passenden Schidduch für meine Tochter?" Mit dem Schulvorfteher, der im bürgerlichen Leben Spediteur war, ging die Sache nicht ganz so glatt ab, denn als Rosenthal in simulirter scherzhafter Laune ein Gespräch vom Zaune brach und luftig fragte: „Wissen Sie, wo Ihr Gespann heut' vor fünfundzwanzig Jahren war? Auf dem Weg von Neustadt nach Samoschütz, wo Sie mir meine Sachen herbrachten." Da hatte der Grausame geantwortet: „Sie erinnern sich e' bischen spät, daß Sie mir noch anderthalb Thaler darauf schuldig sind." Das war bitter, aber jedenfalls war der Zweck erreicht und dem vielvermögenden Herrn der Beginn seiner Amtsthätigkeit in Erinnerung gebracht. Seit den letzten Tagen erschien ihm die Situation so gewitterschwül, die Leute sahen ihn ganz eigen an, wenn sie mit ihm sprachen, es mußte wohl etwas Besonderes, Außergewöhnliches geplant werden. Eine gemeinschaftliche Vorstands- und Repräsentanten-Sitzung hatte zu Anfang dieser Woche stattgefunden, das wußte er sicher, und die Neugier plagte ihn dermaßen, daß er es über sich vermochte, den aufwartenden Schammes ein bischen auszuhorchen. Das Protokollbuch war zwar stets in einer Mappe verschloffen und vor unbefugten Augen geschützt, und der Schriftwart hätte sich eine scharfe Rüge gefallen laffen müffen, hätte er einmal diese Vorsichtsmaßregel außer Acht gelaffen, aber der Schlüssel befand sich vertrauensvoll in der Obhut des Schammes. Und wenn dieser mit der Lektüre des Pirke Aboth fertig war, dann griff er auch zu weltlichen Dingen und überraschte die Bewohner der Hintergaffe nicht selten durch seine Kenntniß von Vorgängen, für die von vornherein nicht seine Theilnahme in Aussicht genommen worden war. Es war daher kein schlechter Einfall des Religionslehrers, sich behufs Orientirung der Sachlage an diese Autorität zu wenden. Mit der Thür in's Haus fallen durfte man natürlich nicht, daher fragte er nach der Begrüßung ganz harmlos: „Nun, was hört man Neues? Was haben die Vorsteher und Repräsentanten am Sonntag beschlossen? Bekommen wir die neuen Lampen in's Schulzimmer?" „Darüber hat kein Mensch nicht gesprochen," entgegnete würdevoll der Gemeindediener und hüllte sich mittelst seiner Tabakspfeife in Rauchwolken ein, wie weiland das delphische Orakel. „Was denn?" fragte zitternd vor Neugiede der Lehrer. Darauf sah ihn der Schammes mit einem undesinirbaren Blick von der Seite an und sagte lakonisch : „Sie werden's schon gewahr werden." „Ich?" fragte Rosenthal mit erkünstelter Ruhe. „Hat man denn von mir gesprochen?" „Ob!" antwortete das Orakel. „Sie werden's schon gewahr werden." wiederholte er noch einmal. Also von ihm hatte man gesprochen, feine Ahnung hatte ihn nicht getäuscht. Es mußte mithin Außerordentliches zu seinem Jubiläum geplant werden, wenn eine gemeinschaftliche Sitzung der beiden Körperschaften nöthig erschien. Mit stolz geschwellter Brust, den Geist von den kühnsten Phantasien erfüllt, schritt er durch die Straßen. Dort drüben ging der jüdische Kantor und Schächter, er hatte eine Notenrolle in der Hand. Und Rosenthal, der in seinem hochgespannten Selbstgefühl die ganze Situation als auf sich zugespitzt betrachtete, erwog den Gedanken in seinem Innern, ob vielleicht ein Ständchen für sein Jubiläum in Aussicht genommen sei. Je mehr er darüber nachdachte, desto natürlicher erschien ihm die Sache, und es erregte ihm keinen geringen Kitzel, daß gerade der Cantor, sein Rivale in der Volksgunst und persönlicher Widersacher ausersehen sei, seinen Ehrentag zu verherrlichen. Frohgelaunt schritt er den häuslichen Penalen zu, aber noch eine Begegnung war ihm aufgespart, die ihn nicht wenig aufregte. Kein Geringerer, als sein indirekter Vorgesetzter, der Herr Kreisschulinspector war es, der des Weges kam und seinen ehrfurchsvollen Gruß mit einem Lüften des Hutes belohnte. Und dabei schien es ihm — nein, es war sogar sicher — daß er ihn anders angesehen hatte als sonst, und sein Blick war — er konnte bei der Gesundheit seiner Kinder darauf schwören — auf dem Knopfloch in seinem Ueberzieher haften geblieben. Der an dieser Stelle

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