Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 59 (23.7.1896)
- Date
- 1896-07-23
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1146 Er kam, strahlender und selbstzufriedener als je. „Gratulirt hat mir keiner," sagte er erfreut, „sie machen sich nichts wissen, bis sie hier gewesen sind. Ist Alles in Ordnung?" Sein Feldherrnblick flog über den Tisch, er rückte hier und da einiges zurecht. Dann legte er mit einer gewissen feierlichen Langsamkeit den Rock ab, zog seinen Frack an, der im Laufe der Jahre beängstigend eng geworden war und setzte sich in einen Stuhl. Es konnte losgehen. „Wie spät ist's auf Deiner Uhr?" fragte er den ältesten Sohn nach einer Pause. „Dreiviertel auf zwölf," erwiederte dieser. „Bei mir fehlen noch fünf Minuten," constatirte der Hausherr. Darauf räusperte er sich geräuschvoll, memorirte in Gedanken noch einmal die Reden und harrte geduldig weiter. Es klopfte. „Herein!" rief er zusammenfahrend, erhob sich und steckte die Hand in den Westenausschnitt. Die Thür ward geöffnet und herein trat sein Jüngster, ein schelmischer Lockenkopf, der sich gravitätisch verbeugte und sich ausschütten wollte vor Lachen, daß sein Streich so gut gelungen war. Er war nicht wenig überrascht, daß der Vater diese Ansicht nicht theilte, vielmehr das verzogene Nesthäkchen beim Ohrläppchen ergriff und wüthend schüttelte. Er vergaß sogar das Weinen vor Erstaunen über die ungewohnte Behandlung. Dann ward Alles mäuschenstill, nur unterbrochen vom Räuspern des Vaters und seiner gelegentlichen Bemerkungen. Die Ungeduld fing an ihn zu plagen. „Halb eins!" sagte er und zog die Uhr zum xsten Male aus der Tasche. „Richtige Kleinstädter! In Hamburg kann solche Saumseligkeit nicht passiren." — Und als noch eine weitere halbe Stunde verging, meinte er verstimmt : „Heißt einen Unchain! sie kommen erst Nachmittag. Wir wollen essen gehen." Die Gefühle zu schildern, in denen der Jubilar sich am Nachmittag befand, als der Tag immer weiter vorrückte und keine Deputation sich einstellte, ist meine Feder zu weichmüthig. Genug, daß er gegen Abend zum ersten Vorsteher, dem er nie anders als devot nahte, wie ein Rasender stürzte und Rechenschaft verlangte für die Schmach, die ihm für das Jgnoriren seines Jubiläums angethan war. „Sind Sie verdreht?" fragte Herr Kempner, als er den wirren Reden mühsam entnahm, um was es sich handelte, „oder haben Sie eins über den Durst getrunken? Wißen Sie nicht, daß es am ersten Elul 23 Jahre werden, daß Sie ihre Stelle definitiv angetreten haben?" „Dreiundzwanzig? Ich unterrichte doch aber schon 25 Jahre", stammelte der Aermste, wie mit kaltem Waffer begoffen. „Aber zwei Jahre davon doch nur vertretungsweise. Hier ist Ihr Contract. Am ersten Elul erhielten Sie vor 23 Jahren Ihre feste Anstellung; mithin wird Ihre Amtsthätigkeit von diesem Tage an gerechnet." Rosenthal stand stumm und völlig vernichtet vor ihm. „Beruhigen Sie sich nur", sagte der Vorsteher tröstend zu dem Geknickten, „wir werden seiner Zeit schon das Unserige thun, um Ihr treues gewissenhaftes Wirken zu belohnen. Gehen Sie nach Hause und schweigen Sie über Ihren Jrrthum; meiner Diseretion können Sie versichert sein." Kleinlaut und tiefbeschämt zog Rosenthal von dannen. Alles, alles hatte sich doch aber verschworen gehabt, ihn in seinem Wahn zu bestärken, wie er grüblerisch nachsann. Der Kreisschulinspektor, der auf fein Knopfloch schielte, und — und — ja, ganz, besonders der Schammes war schuld, daß er sich diesen Reinfall zugezogen. In dem ungestümen Verlangen, einen Ableiter für seine Blamage zu finden und einen Anderen dafür verantwortlich zu machen, stürzte er in die Stube des Gemeindedieners und überschüttete ihn mit einer Fluth von Vorwürfen. Warum hatte er ihm gesagt, daß in der Vorstandssitzung über sein Jubiläum verhandelt worden sei, warum hatte er Andeutungen über eine bevorstehende Ueberraschung fallen gelasien? Warum hatte er ihn schändlich belogen und betrogen und zum Gespött der Leute gemacht? „Ich? Ihnen? Was thut sich da?" fragte der Schammes aufgebracht. „Sind Sie meschugge? Was für ein Jubiläum? Ich Hab' Ihnen gesagt, man hat über Ihnen verhandelt und sie werden's schon später gewahr werden. Werden Sie auch! Man will Ihnen auf's Jahr hundert Mark von Ihrem. Gehalt abziehen, weil die Einnahmen sich verringert haben und die Repräsentanten sparen muffen." Das war die Ueberraschung, die der große, lang ersehnte Tag Herrn Rosenthal brachte. Die grausame Maßregel von der Kürzung des Gehalts ist glücklicherweise durch eine nochmalige Intervention des Vorstandes, an seiner Spitze Herr Kempner, nicht zur Ausführung gekommen. Herr Rosenthal hat seine Enttäuschung um so leichter verschmerzt, als seine Blamage nicht bis an die Ohren des Cantors gedrungen ist. Und der bedeutungsvolle Tag des wirklichen Jubiläums rückt immer näher. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottitraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.